Ich werde verfolgt. Manch einer würde es vielleicht sogar - ganz modern - Stalking nennen.

Eine Zeit lang hatte ich jetzt wirklich Ruhe vor dieser Stalkerin (Ja, es ist eine "Frau" - oder zumindest weiblich, sagen wir einmal so). Aber am Montag tauchte sie wieder auf. Und zwar, um ganz genau zu sein, um 18.29 Uhr. Ich will gerade Feierabend machen, den PC herunterfahren - da ist sie plötzlich wieder da.

Und sie hat sich sogar Unterstützer gesucht - und zu diesen gehört ausgerechnet mein Vorgesetzter. "Ja darf das denn wahr sein?", denke ich mir, als ich die Mail unten rechts in meinem Bildschirm aufblinken sehe. Geht das denn jetzt schon wieder los?

Verzweifelt schlage ich die Hände vors Gesicht. Was mach' ich bloß? Jetzt dachte ich, ich hätte den richtigen Job gefunden, um sie los zu sein. Schließlich geht es doch im Journalismus ums Schreiben und nicht ums - Hilfe, ich mag das Wort eigentlich gar nicht in den Mund nehmen - Rechnen.

Das ist nämlich ihr Name. Und sie begleitet mich schon seit meiner Einschulung. Da war es ja noch nicht ganz so schlimm. Aber später, als "Rechnen" sich viel lieber "Mathematik" nannte, da musste ich mich schon sehr mit ihr herumplagen.

Eine kurze Zeit sah es sogar mal so aus, als ob sie und ich Freundinnen würden. Das lag aber wohl nur daran, dass ich mir für den Umgang mit ihr Hilfe gesucht hatte.

Aber genug der Erinnerungen. Mathematik hatte jetzt neun Jahre - seit meinem Abitur also - Zeit, sich einen Plan zu machen, wie sie mich weiter verfolgen kann, hatte ich doch versucht, ihr durch meine Berufswahl, die - zumindest hatte ich das angenommen - ja nichts damit zu tun hat, zu entkommen. Falsch gedacht!

Am Montag also sehe ich meine alte Stalkerin in ihrem Rechenzentrum sitzen und sich ins Fäustchen lachen: "Du entkommst mir nicht, da bin ich wieder!" "Mathematik verständlicher machen", schreibt mein Vorgesetzter da in seiner E-Mail. Meine Wut auf ihn steigt auf dem Wutbarometer bis zum Anschlag. Was lässt der sich von dieser doofen Kuh so beeinflussen?

Weil wir uns im Jahr der "Mathematics of planet Earth" befinden, wollen wir mit einer Ausgabe, die ganz im Zeichen der Mathematik steht, "den vielen Menschen, die Berührungsängste mit Mathematik haben, selbigen nehmen", begründet er das Thema.

Na wenn bei diesen "Menschen, die Berührungsängste mit Mathematik haben", meine Stalkerin mal nicht an mich gedacht hat! Das liegt doch auf der Hand, dass diese "Kröte", wie man so schön sagt, mich nur wieder ärgern will.

Und das hat sie auch geschafft. Zwar will ich das Thema zunächst an meine Kollegen abgeben, doch die Stalkerin lässt sich einfach nicht überlisten. Nachts träume ich nur von Zahlen, und am nächsten Morgen im Auto höre ich im Radio dann noch das: Eine indische Fluggesellschaft will von ihren Stewardessen den BMI (Body-Mass-Index) wissen. Denn sie stellt nur dünne Frauen ein - um Sprit zu sparen. Grund: Jedes Extra-Kilo kostet nämlich laut Airline 50 Cent pro Stunde, und das könne man sich nicht länger leisten. Stewardessen, deren Werte zu hoch sind, dürfen künftig nicht mehr an Bord. Doch wie kommt man auf diesen Body-Mass-Index? Na klar, indem man ihn berechnet - aus Größe und Gewicht.

Meine Erkenntnis? Egal was man macht - der Mathematik entkommt man einfach nicht. Diese Stalkerin lässt sich einfach nicht verhaften! Ich muss mich also - selbst im Zeitalter von Taschenrechnern und sonstigen neumodischen Geräten, die einem das Rechnen abnehmen, - damit abfinden, ein Leben lang von ihr verfolgt zu werden.
Da kann ich nur eines hoffen, nämlich dass Physik sich kein Beispiel an Mathematik nimmt!