Die Lebensläufe haben nur wenig gemeinsam, auch die Herangehensweise an das große Projekt Hanfanbau könnte unterschiedlicher nicht sein. Dennoch haben sich mit Josef Bayer und Uwe Gremer zwei Gleichgesinnte gefunden, die an das große Potenzial der Hanfpflanze glauben.
Der eine ist gelernter Gärtner mit Schwerpunkt Obstbau und durch den Familienbetrieb schon immer eng mit der Landwirtschaft verbunden. Die Bayers bauen seit über 30 Jahren Erdbeeren in der Region an. Doch der Weg des Juniorchefs zum Thema Hanf geht nicht über den Betrieb, er ist ein sehr persönlicher und auch schmerzhafter. Nach der Diagnose "Morbus Crohn" prägen starke Schmerzen und Krankenhausaufenthalte seinen Alltag. Verschiedene Therapiewege und Medikamente, immer verbunden mit Nebenwirkungen aller Art, scheinen keinen Ausweg zu bieten.


Medizin statt Rauschmittel

Was am Ende hilft, kannte Bayer selbst bis dato nur als Rauschmittel: Cannabis. Seit einer Gesetzesänderung Anfang 2017 können Patienten in bestimmten Fällen Cannabis auf Kassenrezept erhalten. Nach langer Suche findet Bayer einen Münchner Arzt, der ihm ein Rezept ausstellt. "Ich habe im Cannabis den für mich idealen nachhaltigen und natürlichen Wirkstoff gefunden, der mir hilft", erzählt er. Motiviert durch die neue Gesetzesgrundlage, wird für den Landwirt auch Anbau der Pflanze eine Option.

In Deutschland ist der Anbau von Cannabis noch nicht gestattet. Die Gründung einer staatlichen Cannabisagentur im März 2017 sollte den Weg für legalen Anbau in Deutschland ebnen.
"Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, an der offiziellen Ausschreibung teilzunehmen", sagt Bayer. Für einen mittelständischen Landwirtschaftsbetrieb wie den der Bayers habe es sich aber schnell als aussichtslos erwiesen, die Voraussetzungen zu erfüllen. Die Behörde setzte damals "Anbauerfahrung" voraus - die niemand hätte nachweisen können, ohne sich strafbar zu machen. Die Ausschreibung für die Anbaulizenz wurde aufgrund einer Klage kurze Zeit später gestoppt - und damit das Thema war für Bayer vom Tisch - vorerst.

Als Bayer im Sommer 2017 Uwe Gremer aus Wolfersgrün kennenlernt, baut dieser bereits im dritten Jahr Hanf an. Doch - und das ist wichtig zu unterscheiden - handelt es sich dabei um Nutzhanf. Auch wenn der sogenannte Faserhanf die charakteristische Blätterform und den intensiven Geruch von Marihuana teilt, gibt es einen großen Unterschied: Die Blüten des Nutzhanfes enthalten weniger als 0,2 Prozent des berauschenden Tetrahydrocannabinols (THC).

"Man könnte so viel davon rauchen, wie man will - es ist kein Rauschmittel", erklärt Uwe Gremer lachend. Der Anbau ist Landwirten seit 1996 legal möglich. Es muss lediglich bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eine sogenannte Anbauanzeige erfolgen und nur Samen von lizenzierten Sorten dürfen ausgebracht werden. Später muss eine Blütemeldung erfolgen. Im Labor wird geprüft, ob der zugelassene THC-Anteil nicht überschritten wird. All diese Informationen liefert Gremer aus dem Stegreif und bezeichnet sich auch deshalb gerne als Experte auf dem Gebiet. "Ich bin kein gelernter Landwirt", sagt er offen, "ich war überall mal unterwegs - und jetzt bin ich eben Bauer am Hof meiner Eltern."


Potenzial als Rohstoff

Während seines Studiums in Berlin knüpft er erste Kontakte in der "Hanf-Szene" und ist fasziniert von den breiten Einsatzmöglichkeiten des Faserhanfs. "Ich bin mir sicher, dass Hanf das Potenzial hat, der erneuerbare Rohstoff der nächsten Generation zu werden", sagt Gremer. Er liest sich in das Thema ein, versucht möglichst viel über die Inhalts- und Wirkstoffe in Erfahrung zu bringen.

Unter den über 100 Wirkstoffen ist es dann das Cannabidiol (CBD), das ihn restlos von der Pflanze überzeugt. CBD ist im Gegensatz zu THC kaum psychoaktiv - soll aber entkrampfend, entzündungshemmend und angstlösend wirken. "CBD erdet", sagt Gremer, "es regt den Körper zur Selbstheilung an." Ein Heilversprechen darf, kann und will er nicht abgeben.

Denn das Hanföl, das er aus den Blüten extrahieren lässt, ist Nahrungsergänzungsmittel und kein Medizinprodukt. Dass in seinem Kundenkreis zahlreiche schwer kranke Patienten durch das CBD-Öl Linderung erfahren, es ihnen besser geht und der Wirkstoff hilft, davon ist Gremer hundertprozentig überzeugt. Mit den Worten "Abgefahren" endet jede Schilderung von Patientengeschichten, die ihn immer wieder als Resonanz auf das Öl erreichen. Auch deshalb will er weiter mit den Blüten experimentieren, daraus Tees, Massageöle und andere Kosmetikprodukte herstellen.

Das ist seine Motivation für die schwierige und nicht immer ganz erfolgreiche Ernte. Denn diese - das weiß er auch selber - ist in den letzten Jahren eher improvisiert als professionell abgelaufen. Ohne die passenden Gerätschaften und Trockenmöglichkeiten konnte nur ein Teil verarbeitet werden. Das soll sich in diesem Jahr ändern, indem die Blüten per Hand gepflückt werden. Geplant ist ein "Hanf-Camp" zur Erntezeit - wo Freunde, Familie, Nachbarn und Mitglieder der Hanf-Community gemeinsam anpacken, aber auch eine schöne Zeit erleben sollen. Seine Zukunftsvision: in einigen Jahren Erlebnisurlaub auf dem Hanfbauernhof anbieten zu können.

Selbst anpacken soll man auch auf dem Feld von "Bayer's Franken Hanf". Denn - und hier liegt auch die Besonderheit am Konzept - wird ähnlich wie bei den Erdbeeren ein Hanf-Selbstpflückfeld entstehen. "Es wird das erste Hanf-Selbstpflückfeld in Deutschland, vielleicht sogar in Europa sein", ist Bayer sich sicher. Geerntet werden kann voraussichtlich ab Ende Juli. "Bisher wächst der Hanf bombastisch." Er will aber nicht nur die Möglichkeit geben, Hanf selbst zu ernten, er will auch von Grund auf informieren. Geplant ist eine Art "Hanf-Info-Weg" am Feld mit Tafeln. An zwei Wochenenden plant er zudem kleine Veranstaltungen, bei denen verschiedene Hersteller ihre Hanfprodukte vorstellen können. Vom Anbau über die Ernte und Weiterverarbeitung bis zu den verschiedenen Anbaumöglichkeiten sollen keine Fragen offen bleiben. Auch Kunstprojekte sind geplant. "Ich will dieses schlimme Schmuddelthema anders zeigen", sagt Bayer, "und auch Skeptikern einen vernünftigen Zugang zum Thema verschaffen".