Sie hat es auf Wiedervorlage. Und das, obwohl sie das gar nicht bräuchte. Denn "es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran erinnert werde - mehrfach", sagt Gisela Lang über den 30. April 2007.

An dem Tag stand sie in Flammen. "Ich habe nur ausgeholfen am Grill", erinnert sie sich an das Maifest in der Oberen Stadt. Dann schüttet jemand Spiritus auf den Grill. "Ich hab gewusst, was kommt", erinnert sich Gisela Lang. Daran, dass sie die Hände vors Gesicht geschlagen hat und sofort in die Knie ist. Gott sei Dank, weiß sie heute. "Hätt‘ ich das nicht gemacht, sähe mein Gesicht heute schlimmer aus." Wie zum Beweis zeigt sie ihre Hände. Etwas, was sie seit dem Unfall eigentlich vermeidet. "Ich verstecke meine Hände immer", erzählt sie. Egal ob in den Hosen- oder Jackentaschen. Nicht nur, weil man sie sonst womöglich darauf anspricht, sondern auch aus Angst, andere könnten sich davor ekeln. Auch Ringe trägt Gisela Lang nicht mehr.

Eine "andere" Haut

Besonders ihre Hände sind es, die sie auch sieben Jahre nach dem schlimmen Ereignis noch immer täglich daran erinnern. "Wenn ich mich stoße, die Hände wasche." Sie macht eine kurze Pause. Das Geschehene und dessen Folgen nehmen Gisela Lang sichtbar noch mit, immer mal wieder während des Gesprächs füllen sich ihre Augen mit Tränen. "Ach eigentlich bei allem", sagt sie dann.

Viele, die Gisela Lang heute sehen, denken das nicht. Immerhin gilt sie als Frohnatur. Die Kreiskulturreferentin ist bekannt dafür, dass sie meistens gut gelaunt ist, ironisch sein kann und ihren Gegenübern meistens ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die meisten sagten sich "Na, die sieht ja wieder aus wie vorher". Doch so ist das nicht.

"Ich bin schon leiderprobt und dadurch vielleicht ein bisschen abgehärtet. Ich bin auch nicht jemand, der jammert. Aber es geht an mir natürlich auch nicht einfach spurlos vorbei. Es ist nicht alles wie vorher."

Sie wollte einen Spiegel

Von ihren Oberschenkeln ist Haut abgenommen und an die Hände transplantiert worden, ein Jahr lang musste sie Kompressionshandschuhe tragen. Ihre Haut bezeichnet Gisela Lang als "eine andere". Eine, die heute auch schneller schwitzt, wie sie immer wieder erfährt. Bei Kälte und Wärme muss sie viel mehr aufpassen als früher. "Unter Lichtschutzfaktor 50 geht nichts", sagt sie.

Und die Ohren tun ihr heute im Winter auch mehr weh als früher - nicht zuletzt wohl, weil aus ihrem linken Ohr ein Stück herausgeschnitten wurde. Trotzdem ist sie froh, dass ihre Ohren heute "so aussehen, wie sie aussehen". Dass sie ihre historische Haube damals getragen hat, sei viel wert gewesen, "sonst würden mir wohl keine Haare mehr wachsen", sagt Gisela Lang. Auch ihre Brille und das Leinengewand haben ihr als Schutz gedient.
Wenn sie an den Unfall denkt, hört sie Schreie, merkt, wie es heiß wird. Sofort hat sie damals ihren Ring abgezogen. "Ich weiß ja, dass die Hände da anschwellen", begründet sie. Zuerst habe sie gedacht "Wo sind meine Ohren?", dann "Ich werde aussehen wie Niki Lauda". Mit dem Löschschlauch hat man sie damals gelöscht. "Ich wollte unbedingt einen Spiegel, wollte mich sehen, wissen, was mit mir los ist." Im Sanitätswagen hat sie sich gesehen. Oder im Krankenhaus. Gisela Lang weiß es nicht mehr. Ihr Ohr sei eine einzige große Blase gewesen. Das weiß sie noch.

Zwölf Tage hat sie im künstlichen Koma gelegen in einer Spezialklinik in Nürnberg. Zwölf Tage, die für ihre Familie "noch grauslicher" waren als für sie selbst. "Mein Mann und mein Sohn wussten ja nicht, wie sie mich zurückkriegen. Ich hatte auch keine Patientenverfügung, das heißt, Walter musste die Vormundschaft für mich bei Gericht beantragen", appelliert sie deshalb an alle, für einen solchen Fall vorzusorgen. "Das kann schließlich jedem passieren, egal wie alt man ist."

Nach dreieinhalb Wochen wurde Gisela Lang damals aus der Klinik entlassen, obwohl die Ärzte zunächst damit gerechnet haben, dass sie allein auf der Intensivstation sechs Wochen liegen wird. Auch eine Dialyse hat sie nicht gebraucht. "Ich bin zäh", sagt sie und schickt ein Lächeln hinterher.

Zuhause zusammengebrochen

Sie erzählt davon, dass ihr die schwarze Hautkruste in einem Salzbad mit einer Wurzelbürste entfernt worden war, dass auf der Intensivstation Menschen neben ihr gestorben sind.

Doch das Schlimmste kam für Gisela Lang erst als sie im August wieder zu Hause war, zu Hause vom Krankenhaus und von der Reha. Sie hat kaum Luft bekommen - eine Geschwulst hinter dem Kehlkopf, die durch das lange Intubieren entstanden ist, war schuld. "Da bin ich dann richtig zusammengebrochen, alle Beherrschung war weg, ich habe geheult. Da war ich richtig fertig."

Grillen, ja - Spiritus, nein

Ob sie nach dieser Erfahrung noch grillt? "Ja", sagt sie und fügt mit fester Stimme hinzu: "Aber ich nehme keinen Spiritus." Sie ärgert sich, wenn sie in Geschäften sieht, dass dieser neben der Grillkohle steht. "Das signalisiert, dass beides zusammengehört. Dabei sind das zwei Dinge, die absolut gar nicht zusammen gehören." Immerhin wird Spiritus schon bei zwölf Grad Außentemperatur gasförmig. Sie grillt selbst lieber mit dafür vorgesehenen Anzündern. Schon während ihrer Reha in Bad Klosterlausnitz hat sie an einem Grillfest teilgenommen. "Ich musste es einfach wissen", erzählt sie und wieder huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. "Aber ich schaue heute schon, wer hinter dem Grill steht. Denn es ist nicht verhältnismäßig, ein Leben lang zu leiden, bloß wegen dieses einen Moments, in dem ein verantwortungsloser Mensch Spiritus auf den Grill gießt."

Ihre Geschichte erzählt Gisela Lang nicht etwa, weil sie Mitleid will - ganz im Gegenteil. "Ich bin dankbar, dass der Fränkische Tag darüber berichtet - nicht für mich, sondern damit es keinem anderen passiert", sagt sie. Deshalb auch die Wiedervorlage - weil sie jedes Jahr zur Grillsaison andere darauf aufmerksam machen will, dass Grillen und Spiritus nicht zusammen gehören.