Es ist die unsichtbare Linie in den Köpfen. Eine Trennung zwischen Deutsch und Deutsch, die den jüngeren Generationen bereits mit der Muttermilch infiltriert wird. Eine Zäsur, die dafür sorgt, dass aus Nachbarn Fremde werden - sicher, das ist völlig übertrieben ausgedrückt. Doch es gibt ihn, das kann man nicht leugnen: Den Grünkohläquator. Ebenso wie das Weißwurst-Adäquat, trennt die Linie die kulinarischen Vorlieben, ja gar das gegenseitige Geschmacksverständnis in Deutschland.

Gemüse als Völkerverständigung

Die Wahl unserer Gemüse für den Monat Dezember trägt also indirekt zur Völkerverständigung bei. Denn zum Finale unserer Jahresserie, für die wie jeden Monat ein Saisongemüse mit seinen Anbau- und Zubereitungsmöglichkeiten vorgestellt haben, steht der Grünkohl im Kalender. Doch Grünkohl und Franken, passt das überhaupt zusammen?

Sicher - sagen zumindest unsere Leser auf Facebook. Im sozialen Netzwerk sind sich die meisten einig, dass Grünkohl im Winter unbedingt auf den Teller gehört, auch in Franken. "Grünkohl ist mega lecker. Schön mit Zucker drüber, fettem Bauch, Mettenden und süßen Kartoffeln!", schwärmt Nutzerin Caroline E. "Grünkohl ist Liebe" kommentiert Veronika S. und trifft damit vor allem bei Zugezogenen einen Nerv. "Im Winter das leckerste Gemüse überhaupt. Bin damit groß geworden", schreibt Annegret M., die aus Hamburg stammt.

Carepaket aus dem Norden

Bei Angelika C. kommt sogar regelmäßig ein Carepaket mit Grünkohl und Pinkel von den Eltern aus Norddeutschland. "Leider hab' ich hier noch keinen gefunden, aber nächstes Jahr bauen wir mal selber welchen an", schreibt sie weiter. Viele bedauern, dass man frischen Grünkohl bei uns nicht so einfach bekommt.

Doch die Grünkohl-Sehnsucht kann gestillt werden: Der Himmelreichhof in Hirschfeld hat das gesunde Gemüse im Angebot. "In der Wintersaison ist es ein sehr begehrtes Gemüse", erklärt Chefin Marianne Baier. "Leider ist der Grünkohl in diesem Jahr nicht so reichlich gewachsen - die Trockenheit war schuld."

Anbieten könne man die krausen grünen Kohlblätter trotzdem. Ende Oktober beginnt die Saison, als winterharte Sorte dauert die Grünkohl-Zeit den ganzen Winter über an. "Solange wir keine zwei Meter Schnee bekommen, spricht nichts dagegen", sagt Baier.

Frost habe es in dieser Saison schon reichlich gegeben. Er sorge dafür, dass das Aroma besser zum Vorschein kommt. "Es gibt aber auch Kunden, die mögen ihn lieber vor dem ersten Frost." Das sei eben Geschmacksfrage - ebenso wie man die Blätter zubereitet. "Ich persönlich liebe das Gemüse", sagt sie über die grüne Vitaminbombe. Er liefert viel nämlich Calcium, Eisen, Vitamin K und Vitamin C und verschiedene antioxidativ wirksame Pflanzenstoffe.

"Sehr gesund! Aber lecker? Nee. Nicht für diese Fränkin", kommentiert auf Facebook eine Nutzerin und fängt damit die Meinungen der Redaktion auf. Bis auf den Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, der auf die Grünkohl-Zubereitung seiner Mutter schwört, hält sich bei den eingeschworenen Franken die Begeisterung in Grenzen.

FT-Testküche

Da uns der Tipp erreicht, dass auch beim "denn's" Biomarkt frischer Grünkohl zu finden ist, werden aus Redakteuren kurzerhand Testköche und Testesser. Fränkischen Charakter erhält das Gericht mit Bratwürsten aus Kronach und siehe da: So schmeckt das streitbare Gericht auch jenseits des Grünkohl-Äquators. Völkerverständigung geglückt.

Rezept: Grünkohlpfanne

Zutaten (für 4 Personen) 750 g Grünkohl 1 kg Kartoffeln 2 Zwiebeln fränkische Bratwürste Salz, Pfeffer, Kümmel Zubereitung: 1. Grünkohl waschen, Blätter vom Strunk befreien und in feine Streifen schneiden. Circa 5 Minuten blanchieren, in kaltem Wasser abschrecken und beiseite stellen. 2. Die Zwiebeln in feine Würfel schneiden, die Kartoffeln schälen und in dünne Scheiben schneiden. 3. Bratwürste anbraten und aus der Pfanne nehmen. Die Zwiebeln anbraten, die Kartoffelscheiben dazugeben und einige Minuten anbraten. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. 4. Den Grünkohl dazugeben, nach Geschmack mit Kümmel würzen und vermengen. Die Bratwürste zurück in die Pfanne geben und das Gericht weitere 10 bis 15 Minuten schmoren, bis die Kartoffeln gar sind.

Grünkohl anbauen: Für volles Aroma muss es einmal richtig kalt sein

Die ersten Fröste im Dezember haben dem Grünkohl gut getan. Dieses ausgesprochen gesunde Wintergemüse ist sogar jetzt erst richtig schmackhaft geworden. Durch niedrige Temperaturen im Minusbereich verbessert sich nämlich sein Geschmack, weil Stärke in Zucker umgewandelt wird. Bitterstoffe gehen bei diesem Vorgang verloren. Grünkohl hat einen hohen Anteil an Mineralstoffen wie Kalium und Calcium sowie viel Vitamin C. Außerdem stecken in den Blättern die wertvollen Flavonoide und Glykosinolate.

Verschiedene Untersuchungen erbrachten, dass Kohlgemüse allgemein eine sehr hohe vorbeugende Wirkung gegen Prostata- und Blasenkrebs hat.

Grünkohl ist das frostverträglichste Kohlgemüse und verträgt minus 10 Grad . Deshalb kann er in der Regel bis weit in den Winter hinein frisch aus dem Garten geerntet werden. Bei starken Frösten und eisigen Winden ist eine Abdeckung mit einem Gemüsevlies ratsam.

Grünkohl wächst grundsätzlich auf allen Standorten. Tiefgründige und humose Böden mit guter Wasser- und Nährstoffspeicherung bringen aber Vorteile. Der Anbau kann schon ab Mai erfolgen. Besser und üblicher aber sind Pflanzungen im Juni und Juli. In dieser Zeit werden vorgezogene Jungpflanzen verwendet. Die Pflanzung erfolgt im Abstand von 60 mal 60 cm. Ganz wichtig ist es, dass die Pflanzung tief erfolgt, damit eine gute Standfestigkeit gegeben ist. Beim Hacken sollten der Grünkohl immer wieder angehäufelt werden. Dies regt das Wachstum der Adventivwurzeln am Stiel an. Der Wasserbedarf ist wie bei allen Kohlarten relativ hoch.

Grünkohl kann die gleichen Krankheiten bekommen und von Schädlingen befallen werden, wie alle anderen Kohlarten. Pilzkrankheiten treten aber sehr selten auf. Eine bewährte Sorte ist "Halbhoher Grüner Krauser" mit relativ fein gekrausten, dunkelgrünen Blättern und guter Frosthärte. Jupp Schröder