Es könnte alles so leicht sein - wenn Bayern eine Küste hätte. Doch es ist nun einmal so, dass stürmische Seeregionen im Freistaat ebenso wenig zu finden sind wie Zweitausender im Norden der Republik. Das Problem: Erst auf hoher See fühlen sich Windkrafträder so richtig wohl. Und werden entsprechend produktiv. So sehr, dass mit dem gewonnenen Strom nicht nur die nördlichen Bundesländer versorgt werden können, sondern auch der Rest des Landes. Nur muss der Strom auch dorthin gelangen.

Um das zu schaffen, gibt es sowohl unter- (siehe Infokasten) als auch oberirdische Bestrebungen. Mit Letzteren hat der Kreis Kronach ein ordentliches Problem (wir berichteten). Jedenfalls dann, wenn es nicht bei dem ursprünglich angedachten Plan bleibt und plötzlich neue Stromtrassen durch den Frankenwald gebaut werden müssen.

Keine klare Aussage

Möglich ist ein solches Szenario noch immer - weshalb sich Hans Michelbach (CSU) kämpferisch gibt. "Wir müssen nach wie vor unseren Protest gegen weitere 380-Kilovolt-Leitungen aufrechterhalten und dementsprechend dem Bundes- und dem bayerischen Wirtschaftsminister weiterhin unsere Meinung sagen", sagt der Bundestagsabgeordnete. Denn eine klare Aussage dazu, welcher Trassenverlauf in den sogenannten Bundesbedarfsplan 2019 aufgenommen werden soll, gibt es noch immer nicht.

Auch nicht nach einem Treffen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit seinen Ressort-Kollegen aus Hessen (Tarek Al Wazir/Grüne) und Bayern (Hubert Aiwanger/FW) sowie der thüringischen Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne). "Es war ein guter und sachlicher Austausch mit der wichtigen Gelegenheit, dass alle ihre Positionen vorbringen konnten", erklärte Aiwanger auf Anfrage des Fränkischen Tags.

Einig seien sich die Länderminister darin gewesen, dass es auf Bundesebene ein Gesamtkonzept für die Energiewende braucht - die nun auch den Kohleausstieg miteinbeziehen müsse. "Es zeigt sich immer mehr, dass der Widerstand bei der Bevölkerung vor Ort gegen neue Stromtrassen umso größer wird, je konkreter die Planungen werden", hat Aiwanger beobachtet.

In Oberfranken sah das nicht viel anders aus. Sechs Trassen-Alternativen gibt es hier für den Bauabschnitt von Franken nach Thüringen. "P44" lautete die zunächst angedachte Variante - mit der der Kreis Kronach keine Probleme gehabt hätte. Denn verlaufen sollte die Trasse quer durchs Coburger Land. Allerdings generierte sich im Nachbarlandkreis das, was Aiwanger auch andernorts feststellen musste. Die Folge waren immer neue Varianten für eine neue 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung. Drei davon würden auch durch den Frankenwald führen. Sollte die Wahl nämlich auf die recht sperrigen Bezeichnungen "P44 Variante 2", "P44 Variante 2+" oder "P44 mod" fallen (siehe Grafik), wäre ein Abschnitt zwischen Tschirn und Redwitz betroffen.

Geht es nach Michelbach und anderen Gegnern, muss es zu keiner "P44"-Variante kommen. "Wir sind der Auffassung, dass es neben dem Südostlink und dem Suedlink keine weiteren 380-Kilovolt-Leitungen braucht, die in der Landschaft verbaut werden. Bei dem Ministergespräch habe das Bundeswirtschaftsministerium nicht nachweisen können, "dass über die beiden Erdverkabelungen hinaus weitere Stromtrassen notwendig sind". Beim Südostlink etwa könne man statt einer Leitung auch gleich zwei in der Erde verbauen. "Und deswegen haben wir jede weitere Stromtrasse abgelehnt."

Beitrag schon geleistet

In den kommenden vier bis fünf Monaten sollen daher nun auf Beamtenebene weitere Verhandlungen stattfinden. In dieser Zeit werde zudem weiter geprüft, wie der Bedarf tatsächlich aussieht und ob nicht auch der Südlink und Suedostlink ausreichen würden. Sind diese verlegt, könne man immer noch "sehen, wie sich der Bedarf in den nächsten zehn Jahren hier decken lässt", meint Michelbach.

Der Wahlkreis Coburg, zu dem auch der Kreis Kronach gehört, habe mit der Thüringer Strombrücke jedenfalls bereits seinen Beitrag für neue Leitungen geleistet. "Man kann nicht uns alles aufdrücken und die anderen machen sich einen schlanken Fuß. Das geht nicht."

Ob die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten das auch so sieht? Sich gegen den Vorschlag des Bundeswirtschaftsministers stellt? "Da eine Mehrheit gegen zu bringen, wird schon schwer", weiß Michelbach. "Es gibt eine ganze Reihe Kollegen, die das Thema nicht berührt, weil sie nicht betroffen ist." Immerhin: Einen Fraktionszwang gibt es in der Frage nicht. Jeder Abgeordnete kann also frei entscheiden.

Zwei Stromautobahnen: Was verbirgt sich hinter "Suedlink" und "Südostlink"?

Hintergrund: Bis zum Jahr 2050 möchte Deutschland den Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf 80 Prozent steigern. Ein Großteil des bislang aus Atomkraft und fossilen Brennstoffen gewonnenen Stromanteils soll von der Windenergie aufgefangen werden. Doch wie kommt der in erster Linie im Norden der Bundesrepublik aus Windenergie gewonnene Strom in die südlichen Bundesländer? Dafür sorgen sollen zwei gigantische unterirdische Stromtrassen: "Suedlink" und "Südostlink". Aufgrund ihrer Länge werden sie umgangssprachlich auch als "Stromautobahnen" bezeichnet. Gegen beide geplante Trassenverläufe gibt es Proteste. Suedlink: Die von den Übertragungsnetzbetreibern TenneT TSO und TransnetBW geplante Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Leitungen sollen vom südlichen Schleswig-Holstein zum bei Heilbronn gelegenen Umspannwerk Großgartach führen. Zwischenstationen sind auf dem Weg dorthin Hannover und Göttingen (Niedersachsen), Nordhessen, Südthüringen und Grafenrheinfeld (Unterfranken). Südostlink: Derzeit sieht es so aus, als ob die Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz Transmission und Tennet TSO mit dem östlichsten der möglichen Korridore planen. Für Oberfranken würde das bedeuten, dass die vielerorts umstrittene Gleichstromleitung den Landkreis Hof tangieren würde. Von dort aus würde es weiter in die Oberpfalz gehen. Erst durch die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt/Waldnaab, ehe die Leitungen schließlich im Kreis Schwandorf enden würden.