Die Discokugel reflektiert den Scheinwerferglanz. Die bunten Lichter huschen schnell über die Gesichter. Das tanzenden Publikum dreht sich, wirft die Hände in die Luft, bewegt die Füße rhythmisch über den Boden. Es ist nichts ungewöhnliches an dieser Szene - dennoch ist sie vollkommen skurril. Denn was fehlt, ist die Musik. Willkommen in Kronachs erster "Stiller Disko".

Wann es die erste "Silent Disco" in Deutschland gab und woher die Idee ursprünglich kam, lässt sich im Nachhinein wohl nicht mehr nachvollziehen. Aber mit ziemlicher Sicherheit wurde das Konzept aus der Not heraus geboren: Auch wenn jeder Teilnehmer die Musik für seine Ohren so laut aufdrehen kann, wie es der Regler an den Kopfhörern erlaubt, wird eine Lärmbelästigung der Umgebung möglichst gering gehalten.


Inbrünstiges Jauchzen

Auch vor dem Kronacher Schützenhaus ist es ruhig am Samstagabend. Plötzlich bringt ein inbrünstiges Jauchzen die neu angekommenen Gäste zum Zusammenzucken. Völlig gelöst schmettert eine Frau im Raucherbereich den Refrain eines Songs mit und scheint von ihrer musikalischen Darbietung selbst etwas erschrocken zu sein. Schnell wird der Schreckmoment von lautem Gelächter gelöst. Denn der passionierten Sängerin wird klar: Für jeden, der noch keinen Kopfhörer trägt, muss ihr ekstatischer Ausruf in die Stille hinein völlig unvermittelt gekommen sein.
Besser ist es, dass die Neuankömmlinge am Eingang schnell ihre kabellosen Kopfhörer ausgehändigt bekommen. Damit können sie sich frei im Raum bewegen - die Musik begleitet sie, von der Tanzfläche bis auf die Toilette. Die Töne werden nicht über einen Lautsprecher übertragen sondern via FM-Transmitter an die Hörer gesendet.


Im Schützenhaus geht das über drei unterschiedliche Frequenzen. Für Fans von Gitarrenklängen läuft auf einem Kanal eine Rock-Playlist. Für zwei weitere Kanäle stehen DJs vor Ort hinter den Mischpulten und im direkten Wettbewerb miteinander. Ein Blick auf die Tanzfläche genügt, um festzustellen, welcher Kanal gerade am besten ankommt. Kleine, bunte LED-Lichter an den Kopfhörern in Rot, Grün und Blau zeigen an, zu welchem Lied die stillen Tänzer gerade ihre Hüften schwingen.


Musikwechsel auf Knopfdruck

Ob sie zu 80er- und 90er-Musik, aktuellen Hits oder lieber Rockklassikern tanzen wollen, entscheiden die Besucher selbst. Und sie können, wenn sie denn wollen, im Minutentakt ihre musikalische Meinung ändern. Über einen kleinen Regler am Kopfhörer lässt sich nicht nur die Lautstärke ändern, sonder auch der gewünschte Sender per Knopfdruck einstellen.

In Kronach bleibt am Samstag kaum jemand bei einem Kanal. Rot - Grün - Blau - Blau - Grün - Rot. Gefällt ein Lied nicht, wird gewechselt. Sind plötzlich alle Lichter auf Blau, wird man neugierig. Man sucht dem Raum ab nach "Gleichgesinnten", die gerade ebenfalls zu Rot tanzen, die auf der blauen Frequenz mitsingen oder die sich im grünen Licht in den Armen liegen. Ein Pärchen schafft es fast den kompletten Abend, miteinander zu tanzen - und dabei nie die gleiche Musik zu hören. Zwei Frauen bleiben auffällig oft beim grünen Licht hängen. Eine Gruppe neben der Tanzfläche stimmt den ersten Chor an - bis plötzlich der Rest des Saals mit einstimmt und zwischenzeitlich mal fast alle in der gleichen Farbe leuchten.


Kopfhörer verbinden

Die Möglichkeit, die Musik zu hören, die einem am Besten gefällt, schmälert in keinem Fall das Gemeinschaftsgefühlt - im Gegenteil. Die Kopfhörer verbinden - und selten sieht man bei einer Party so wenige Menschen gelangweilt an der Bar oder am Rand der Tanzfläche stehen, wie am Samstagabend. Die Musik steht im Mittelpunkt, die Gäste auf der Tanzfläche. Und je länger die Menschen nebeneinander tanzen, singen und die Sender wechseln, desto weniger Hemmungen scheinen sie zu haben.

Wer gegen 1 Uhr am Samstagnacht seine Kopfhörer kurz ablegt, der kriegt zwar kurz Gänsehaut vor lauter schiefgesungener Töne, aber gleichzeitig den einmaligen Chor aus drei ganz unterschiedlichen Liedern verschiedener Richtungen - vorgetragen von wenig talentierten, aber umso passionierteren Sängern und Sängerinnen.