11.15 Uhr in der Aula der Maximilian-von-Welsch-Schule. Rund 60 Sechstklässler haben mit ihren Stühlen einen Halbkreis um einen einzigen Tisch gebildet, an dem ein verlassener Stuhl steht. Sie sowie die Lehrerinnen Stefanie Düll und Nicole Zillig warten gespannt darauf, wer der beste Vorleser ihrer Schule sein wird.

Emelie Müller, das Mädchen mit dem langen braunen Haar, aus dem eine pinke Haarspange hevorsticht, ist als Zweite an der Reihe. Schnell und mit fester Stimme liest sie fünf Minuten lang aus dem Buch "Liebeschaos und lila Muffins" - eine Geschichte rund um die Liebe zwischen Jojo und Max, dem schrägsten Vogel der Schule. Ausgewählt hat sie die Geschichte, weil sie das Buch zuletzt gelesen und es prompt zu ihrem Lieblingsbuch erkoren habe.

Emelie hält das Buch fest in ihren Händen. Sie sitzt ganz vorn auf der Stuhlkante, ihr ganzer Körper ist gespannt, während die Sechstklässlerin zum Lesen ansetzt: ",Perfekt, du und ich wir treffen uns heimlich, sagt Jojo zu Max‘", liest sie vor. Ihr Gesicht wirkt dabei wie ein Theaterstück; stellt eine der Figuren in ihrem Buch eine Frage, zieht Emelie die Augenbrauen hoch, als hätte sie die Frage selbst gestellt. Sie verhaspelt sich nie, macht nur den ein oder anderen Fehler.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Nichtsdestotrotz scheint sie mit ihrer Leistung nicht zufrieden, als Lehrerin Stefanie Düll sie unterbricht. Kopfschüttelnd geht sie zurück auf ihren Platz, wo sie eine ihrer Freundinnen mit einem lauten "saugut" empfängt. "Ich bin immer ein bisschen aufgeregt, vor allem vor dem ersten Lesen, weil ich mich nicht verhaspeln will", erklärt Emelie nach dem Wettbewerb. Schließlich hat Emelie allen Grund dazu, nervös zu sein, denn sie tritt beim Vorlesewettbewerb gegen die anderen Klassenbesten der 6. Jahrgangsstufe an. Auch Gülsüm Tekin, Ronja Bittruff, Benjamin Förtsch liefern eine gute Leistung ab. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zeichnet sich ab.

Entscheidend wird die zweite Runde sein, die für die vier Vorleser noch schwieriger wird, weil sie dieses Mal einen unbekannten Text vorlesen müssen: "Eine völlig andere Geschichte" heißt das Buch, in dem drei halbwegs geruchlose Kinder, ein haarloser Hund mit übersinnlichen Fähigkeiten und eine Sockenpuppe namens Steve wichtige Rollen spielen. Alle Vorleser arbeiten sich wacker durch den Text, dabei wird allerdings aus einer "Regierungsbehörde" schon einmal eine "Reisebehörde". Auch Emelie macht den ein oder anderen Fehler, doch am meisten bringt sie ein "Grrrrrrrrr!" aus dem Konzept, das sie vortragen muss.

Vier Vorlesehelden

Nach rund einer Stunde verkündet die vierköpfige Jury, in der auch die Vorjahresgewinnerin Nadja Wolf sitzt, ihre Entscheidung: Emelie hat gewonnen, was das Publikum mit lautem Johlen quittiert. Zur Belohnung bekommt sie eine Urkunde, ein Buch und einen Büchergutschein vom Elternbeirat. Über je ein Buch und ebenfalls Gutscheine durften sich auch Ronja, Gülsüm und Benjamin freuen.

Emelie ist zwar die einzige, die ihre Schule beim nächsten Ausscheid Anfang kommendes Jahres vertreten wird, aber alle dürfen sich als solche fühlen, was auf einem Plakat steht, das hinter dem Vorlespult an einer Pinnwand hängt: als Vorlesehelden.