Das Positive zuerst: Es ist kein Kratzer an den neuen Türen, die Glasscheiben blieben heil und es floss kein Blut, denn alle Finger sind auch noch dran. Gar nicht selbstverständlich, denn ich war einen Tag lang als Handwerker im Einsatz, habe Anzug, Schlips, Laptop und Fotoapparat gegen Arbeitsoverall, Schutzhandschuhe, Stemmeisen und Akkuschrauber getauscht.

Mal sehen, was ein Handwerker leistet, meinten wir - und schickten einen von uns zum Selbstversuch: einen Tag lang kräftig anpacken. Da ich in der Redaktion Kronach auch als "Hausmeister" beim Auswechseln der Neonröhren, Festziehen von Schrauben und vielen anderen Kleinigkeiten engagiert bin, hab ich mich natürlich sofort freiwillig gemeldet. Doch wo sollte ich das Ein-Tages-Praktikum ableisten? Meine Wahl fiel auf die Schreinerei Fiedler in Lahm, unweit meines Elternhauses in Hesselbach gelegen. Erstens arbeite ich bei einem meiner Hobbys selbst gern mit Holz, und zweitens haben Opa und Vater des jetzigen Firmenchefs Andreas Fiedler bei uns zu Hause eine wunderschöne hölzerne und verglaste Haustür - eine aufgehende Sonne mit Strahlen - sowie die Fenster eingebaut. Andreas Fiedler war gleich einverstanden, als ich ihm die Mithilfe anbot - und so war für mich vorgestern "der Tag der Arbeit".


Der Arbeitstag beginnt um 7 Uhr

Zu einer Zeit, wo ich mich als Redakteur noch mal im Bett rumdrehe und weiterschlafe, war in der Schreinerei Arbeitsbeginn: 7 Uhr. Der Chef hatte nach einem kurzen Betriebsrundgang auch gleich eine Arbeit für mich: die winzig kleinen Löcher, die die Nägelchen des Druckluftnaglers auf den Leisten nach dem Verglasen der Türen hinterlassen hatten, zupinseln. Kein Problem für mich.

Der Arbeitsauftrag für diesen Tag lautete: Türen für eine Arztpraxis in Kronach fertig machen und einbauen. Andreas Fiedler erläuterte: "Wir machen sehr viel für Arztpraxen und Kliniken. Nicht nur Türen, sondern auch Möbel."

Bereits am Vortag hatte Thomas Schmidt die Türrahmen zusammengebaut. Stefan Müller setzte die dicken Glasscheiben in die Türblätter ein und nagelte die Leisten fest. So schnell, dass ich mit dem Zupinseln der Löcher gar nicht nachkam. Türrahmen und -blätter wurden sorgsam in Decken verpackt, um sie vor Kratzern zu schützen, und in den Sprinter verladen. Alles war gut verzurrt bzw. mit gepolsterten Stangen vor dem Verrutschen gesichert. Und ab ging's zur Baustelle. Thomas Schmidt fuhr so bedächtig, als ob er rohe Eier geladen habe.


Improvisieren ist angesagt

Auf der Baustelle mussten alle Werkzeuge und Maschinen sowie die Türrahmen und -blätter durch ein enges Treppenhaus in den 1. Stock getragen werden. Das allein wäre ja nicht so schlimm gewesen, aber im Treppenhaus wollte ein Handwerker das Treppenländer streichen, ein weiterer Wände und Ecken spachteln. Die beiden mussten jedes Mal das Feld räumen, wenn wir etwas hoch trugen - und das war oft der Fall. Als kleine Gegenleistung für die dauernden Unterbrechungen lieh ich dem Maler meinen Bleistift, denn dessen Kuli hatte beim Schreiben des "Frisch gestrichen"-Schilds den Geist aufgegeben. Thomas Schmidt kürzte dem anderen einige zu lang geratene Leisten mit der Säge. Unter Handwerkern hilft man sich halt.

Und: Improvisieren ist angesagt. "Normalerweise setzt man Türen erst ein, wenn der Bodenbelag liegt", erklärte mir Thomas Schmidt, als ich auf den blanken Estrich und die Pakete mit Bodenbelag blickte. Die Bodenleger konnten noch nicht loslegen, weil erst die Unebenheiten im Estrich gespachtelt werden mussten. Da die Zeit für alle Gewerke drängte, mussten wir die Türen jetzt einbauen, allerdings mit Abstand zum Estrich. Die Bodenleger mussten im Bereich rund um die Türrahmen später viel genauer arbeiten.


Eine gute Lösung

Aber nicht nur die Bodenleger hatten Herausforderungen zu bewältigen. Dem Mitarbeiter, der ein Klimagerät an der Wand über einer Tür befestigen wollte, brach das Zuleitungsröhrchen aus Kupfer direkt an der Wand ab. Auch der muss jetzt improvisieren.

Auf Thomas Schmidt und mich warteten ebenfalls Überraschungen, für die mein Vorarbeiter sofort eine gute Lösung parat hatte. Gerade, als der Chef kam, um nach dem Arbeitsfortschritt zu schauen, passte der Türrahmen nicht in die vorgesehene Öffnung, die ein wenig zu schmal geraten war. Also musste Thomas Schmidt erst einmal das überstehende Mauerwerk wegklopfen. "Das passiert immer wieder", nahm er das ganz gelassen. Da sah der Chef, dass der Türeneinbau manchmal viel zeitaufwendiger ist als gedacht. Während Thomas Schmidt als Fachmann die Türrahmen mit der Wasserwaage ausrichtete und ausschäumte, durfte ich die Türklinken und Türbänder montieren. Das klappte von Tür zu Tür besser und ging schneller als am Anfang befürchtet.

Am Schluss des langen Arbeitstags meinte Thomas zu mir: "Wenn man sich mit dem Türenschleppen so plagen muss, braucht man kein Fitnessstudio. An manchen Abenden bin ich richtig platt." Ich war das schon am Dienstag und heilfroh, nicht am nächsten Morgen um 7 Uhr an der Arbeitsstelle antreten zu müssen. Nach diesem anstrengenden Arbeitstag habe ich noch mehr Hochachtung vor Handwerkern.