Ein letzter Tritt, mit Anlauf in Volkers Gesicht (alle Namen geändert, Anm. d. Red.) und er verliert das Bewusstsein. "Blut kam aus seinem Mund und er war bewusstlos. Ich wusste nicht, ob mein Mann noch lebt", sagt Sabine und zieht nervös an einer Zigarette.

Was sie vor einem Jahr auf der Kronacher Bahnhofsbrücke erlebt hat, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie hat Albträume und Angstzustände - ohne Pfefferspray geht die 25-Jährige nicht mehr vor die Tür.

Es ist Abend, gegen 21.30 Uhr, als Sabine und Volker gemeinsam mit Alexa, Sabines Freundin, durch die Innenstadt schlendern. Volker hat Hunger und will einen Döner in einer nahe gelegenen Imbissbude kaufen. Beim Hineingehen stößt er mit einem jungen Mann zusammen, der ihm rückwärts laufend entgegen kommt. Volker bekommt eine Faust ins Gesicht, Sabine ruft die Polizei - doch alle bleiben in dem Laden.

Sie schreit, fleht um Hilfe

Kurze Zeit später fasst ein Mann Sabine am Oberarm an. "Nimm deine Finger von mir weg", sagt sie, Volker wird hellhörig und der Gewaltexzess beginnt. Ein Mann zieht ihn nach draußen, prügelt auf Volker ein. "Ich dachte, ich kann sie noch auseinander ziehen, damit es nicht komplett eskaliert", sagt Alexa. Zu dritt landen sie auf dem Boden. Um Volker bildet sich ein Kreis von Leuten, die auf ihn einschlagen. "Sechs oder sieben", schätzt Alexa, Sabine vermutet, "es waren zwölf". Immer wieder schlagen sie ihrem benommenen Opfer ins Gesicht. Damit er nicht zusammensackt, wird er von hinten gehalten.

"Ich dachte, sie machen weiter, bis er tot ist", sagt Alexa. Nochmal geht sie dazwischen, versucht, Volkers Kopf mit ihrem Körper zu schützen. Auch sie steckt Schläge ein: gegen ihren Rücken und ins Gesicht. Ein Fausthieb setzt sie außer Gefecht. "Mir war auf der Stelle schwindelig und ich bin weggetaumelt." Inzwischen liegt Volker am Boden, wird getreten. Seine Frau kniet sich schützend über ihn - auch sie wird verletzt. Der letzte Tritt. Hilflosigkeit. Sie schreit, fleht um Hilfe.

Heute, ein Jahr später, ist vieles passiert: Drei junge Männern standen vor Gericht. Alle Wunden sind verheilt - bis auf die seelischen. Sabine ist dankbar, dafür, dass sich ihr Mann wieder erholt hat, wenngleich auch er unter Angstzuständen und Rückenschmerzen leide. Dankbar ist sie auch ihrer Freundin. "Ob ich mich schützend über jemand werfen würde, der nicht zu meiner Familie gehört - ich weiß es nicht", sagt Sabine. Würde Alexa es nochmal tun? "Ich habe damals nicht nachgedacht und kann es nicht sagen. Wenn ich aber davon ausgehe, jemand stirbt, ohne dass ich versucht habe, ihm zu helfen - ich glaube, ich würde es nochmal machen!"

"Brauchen mehr Zivilcourage"

Alfons Hrubesch von der Opferhilfsorganisation "Weißer Ring" kümmert sich unter anderem um den Landkreis Kronach - und seit einem Jahr auch um Sabine und ihren Mann. Er besorgte ihnen eine Anwältin und für Sabine einen Therapieplatz, gegen ihre Angst.

Er ist stolz auf die beiden jungen Frauen: "Ich finde das gut, wir brauchen mehr Menschen, die mehr Zivilcourage zeigen." Dass Alexa und Sabine dazwischen gegangen sind, hat Volker vielleicht sogar das Leben gerettet. Dennoch betont Hrubesch, "dass Menschen, die helfen wollen, abwägen sollen, um nicht selbst in Gefahr zu geraten". Helfen heiße auch, "die Polizei zu rufen und andere Menschen aufmerksam zu machen". Nichts zu tun, sei das Schlimmste.

Im Gegensatz zu einigen anderen Passanten tat eine Frau damals etwas. Sie traute sich nicht, aus ihrem Wagen auszusteigen, erzählt sie heute, sie fuhr aber zur Polizei und gab zu Protokoll, was sie gesehen hatte. Auch bei der Gerichtsverhandlung sagte sie aus, trotz der Angst, nun für die Täter ein Gesicht zu haben - sie habe sich allerdings überwinden müssen, gibt sie zu. Ob sie es wieder tun würde? Wenn jemand stirbt, weil sie nichts unternimmt - das könne sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren.

Sabine hofft, dass auch sie helfen würde, wenngleich ihr die Erinnerung an die Angst, die Schreie, den Schmerz noch immer zu schaffen macht. "Vergessen kann man das nicht, man kann nur lernen, damit umzugehen." Drei Täter landeten vor Gericht und wurden kürzlich zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.