Wie hältst Du es mit dem Schenken? In der Weihnachtszeit wird das für viele nervenraubende Thema fast schon zur Gretchenfrage. Eine Frage, die Thomas Teuchgräber, Pfarrer der Sankt-Johannes-Gemeinde in Kronach und Regionaldekan, bereits öfter gehört hat. Über Facebook habe er vor Kurzem mitbekommen, dass eine Frau gar "Stressflecken" beim Thema Weihnachtsgeschenke bekäme.

Zu viel des Guten für ihn - dazu solle das Schenken nicht führen. Jeder solle sich Gedanken machen, weshalb wir uns an Weihnachten beschenken. "Weil wir Menschen ein großes Geschenk bekommen haben: Gott wird Mensch in Jesus Christus und schenkt sich so selbst an die Menschheit", sagt Teuchgräber. Darüber dürfe sich jeder freuen, "und diese Freude drücken die Menschen durch Geschenke aus". Er glaubt aber, dass das für viele nicht mehr der Grund für das Schenken ist. "Viele schenken eben, weil es einfach schön ist."

Ein Geschenk für den Hobbykoch

Dass an Weihnachten Geschenke unter dem Christbaum liegen, sieht er nicht kritisch. Denn Thomas Teuchgräber ist weder weltfremd, noch ist er ein Asket. Im Gegenteil: Er liebt gutes Essen, hat 778 Freunde bei Facebook und freut sich selbst über Geschenke. "Einer unserer Jugendlichen aus der Pfarrei lernt momentan Schreiner. Letztes Jahr hat er mir ein selbst gemachtes Küchenbrett geschenkt, das toll aussieht", erzählt der Geistliche und präsentiert es stolz.

Meistens komme es sonntags zum Einsatz, wenn er nach seinen Gottesdiensten Zeit zum Kochen finde. Wenn Teuchgräber über die Vorzüge der Niedriggarmethode philosophiert und berichtet, "wie zart" das Fleisch dadurch wird, ist schnell klar, dass er ein begeisterter Hobbykoch ist. Dass dies dem Jugendlichen offenbar aufgefallen ist, als er auf der Suche nach einem Geschenk für seinen Pfarrer war, freut Thomas Teuchgräber besonders. "Das war für mich ein wertvolles Geschenk, weil er sich Gedanken gemacht hat, und es hat sicherlich seine Zeit gebraucht, bis das Brett geleimt und geschliffen war." Schenken, betont Teuchgräber immer wieder, sei etwas Schönes, "aber es sollte überlegt sein".

Ihm ist jedoch bewusst, dass sich längst nicht jeder Überlegungen macht. Eine Geschichte will ihm bei diesem Gedanken nicht aus dem Kopf gehen: "Eine Buchhändlerin hat mir erzählt, dass um fünf nach zwölf am Heiligen Abend - die wollten schon das Geschäft schließen - ein Mann durch die Tür stürmte, und sagte, dass er noch ein Weihnachtsgeschenk brauche. Was er denn genau wolle, fragte die Verkäuferin, woraufhin der Mann antwortete: ,Ein Buch.‘ Und dann schob er hinterher, ,aber ein teures‘". Thomas Teuchgräber schüttelt den Kopf.

Auf die Idee kommt es an

"Wenn man mit seinem Geschenk nur protzen will, dann halte ich das für unvollkommen." Geht es ausschließlich um den materiellen Wert, steckt nicht viel hinter einem Geschenk. Nicht nur den Pfarrer, sondern auch die Verkäuferin habe dieses Erlebnis zum Nachdenken gebracht. "Wenn wir etwas verschenken, sollte auch von uns selbst etwas darin stecken", erklärt Thomas Teuchgräber. Das Überlegen, was dem anderen gefallen könnte, "das macht doch ein Geschenk aus, ganz gleich, wie teuer es ist."

"Sprachgeschichtlich kommt das Wort ,schenken‘ ja von ,einschenken‘. Ich schenke jemandem etwas ein, der Durst hat. Wenn Geschenke gemacht werden, ohne dass irgendein Durst vorliegt, also zum Beispiel nach Freundschaft, Anerkennung oder Liebe, dann ist das Geschenk nicht dazu geeignet, diesen Durst zu löschen." So verliere ein Geschenk seinen eigentlichen Wert. Wie viel ein Präsent kosten dürfe, dafür gebe es keine Faustformel - jeder müsse das für sich selbst entscheiden. Pfarrer Teuchgräber, der auch durch seinen Beruf viel mit älteren Menschen zu tun hat, gibt zu bedenken: "Wir leben in einer Zeit, in der vieles materiell möglich ist und die Anspruchshaltung vieler Menschen gewachsen ist." Leute, die den Krieg erlebt hätten, "waren für ganz einfache Dinge dankbar". Kinder, weiß Teuchgräber, könnten das noch nicht nachvollziehen, aber "als Erwachsener, der die geschichtlichen Zusammenhänge begreift, könnte man schon ein bisschen gegensteuern".

Das andere extrem, sich also nichts mehr zu schenken, findet er "ein wenig fantasielos". "Überlegt Euch doch, womit man eine Freude machen könnte", appelliert er. "Eine Geschenkaskese kann etwas Gesundes sein, wenn man völlig übersättigt ist, aber dass man gar nichts machen will, das ist eine Verarmung." Jeder Mensch lebe schließlich davon, dass er wahrgenommen werde. Wenn Weihnachten zu einem "Feiertag oder Wochenende ohne Inhalt wird, dann brauchen wir es nicht feiern." Gut findet er deswegen die Idee vieler Unternehmen, deren Kunden nichts mehr zu schenken, sondern für einen wohltätigen Zweck zu spenden. "Aber sie schreiben ihren Kunden einen Weihnachtsbrief. Die Aufmerksamkeit für die Kunden und Geschäftspartner fällt nicht weg."

Kein Freund der Geschenkaskese

Und sollte einem nichts einfallen, "dann kann ich doch einfach fragen, was sich derjenige wünscht", sagt Thomas Teuchgräber. Ist zum Beispiel das Auto kaputt, freue sich der Beschenkte vielleicht "über eine kleine Finanzspritze." Besser jedenfalls, als irgendein Gegenstand, "der dann nur rumsteht".

Thomas Teuchgräber hat den Weihnachtsstress schon lange hinter sich gelassen: "Ich mach' das schon seit Jahren nicht mehr, dass ich mir im Herbst überlege, was ich zu Weihnachten schenke." Seine Geschenkideen sammelt er über das komplette Jahr. "Das entzerrt und entschleunigt die Sache sehr", betont er. Ohnehin schenke er nicht viele materielle Dinge: "Ich lade meine Familie zum Essen ein oder koche für sie. Das muss nicht gleich an Weihnachten eingelöst werden." Er schenkt damit das, wovon er am wenigsten hat: Zeit. Auch seine Nichten werden in diesem Jahr ein "Erlebnisgeschenk" bekommen, wie Teuchgräber es nennt. Was es genau sein wird, wird natürlich noch nicht verraten.

Thomas Teuchgräber selbst freut sich über jede Aufmerksamkeit, die er zu Weihnachten bekommt. Ganz gleich, ob es eine Nachricht über Facebook oder ein Schneidbrett ist. Mit einer Ausnahme: "Was ich materiell brauche, muss ich mir selbst aussuchen, weil ich selbst am besten weiß, was ich brauche", fügt er hinzu.