Bei allem Getöse in der Öffentlichkeit um das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung war die Chefetage bei Loewe in den vergangenen Wochen sehr darum bemüht, mit ihrem Zukunftskonzept eine langfristige Perspektive aufzuzeigen. Nicht nur für sich, sondern zumindest auch für den größten Teil der Belegschaft. Doch aus deren Mitte kommen jetzt kritische Stimmen. Und ein Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom Wochenende befeuert die schlimmen Befürchtungen vieler Angestellter.

"Loewe steht vor einem großen Stellenabbau", "offenbar will das Unternehmen bald weitgehend im Ausland fertigen lassen", "nicht nur dem Großteil der knapp 500 Mitarbeiter am Stammsitz in Kronach droht die Entlassung" - die SZ zeichnet in ihrem Online-Auftritt ein düsteres Bild von der Zukunft des TV-Geräteherstellers aus dem Frankenwald.

Drei aufreibende Monate

Blenden wir zurück. Am 13. März 2019 stellte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Loewe Technologies GmbH, Ralf Vogt, im Interview mit unserer Zeitung fest, dass der Blick der Chefetage 24 Monate weit in die Zukunft reicht. Portfolio, Personal und Kooperationen sollten mit einem umfassenden Konzept langfristig neu ausgerichtet werden, das Unternehmen zugleich die Fäden fest in den eigenen Händen halten. Eine ganz wichtige Position des Firmenchefs: Der Standort Kronach soll nicht nur erhalten, sondern sogar gestärkt aus dieser Situation hervorgehen.

Was das Personal angeht, war von der Ausgliederung der heutigen Produktion mit ihren 115 Mitarbeitern in eine eigene Gesellschaft - aber weiter unter dem Dach der Loewe-Gruppe - die Rede. Der Personalstand sollte gehalten werden, bei Erfolg später sogar steigen können. Für die übrigen rund 350 Mitarbeiter wurden Stellenstreichungen um die zehn Prozent prognostiziert. Und: Niemand werde einfach auf die Straße gesetzt oder sich selbst überlassen, versicherte Vogt.

Insolvenzverfahren als Antrieb

Anfang Mai wurde die Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Die Realität hatte die Planungen offenbar eingeholt. Dieses Vorgehen wurde jedoch positiv gesehen und als notwendige Triebfeder für eine schnellere Umsetzung des Zukunftskonzepts tituliert.

Daraufhin wurde von unserer Zeitung unter anderem die Diskussion über die Lohnzahlungen aufgeworfen. Hintergrund war ein angeblicher Appell auf Lohnverzicht für den April. Hier hieß es von Unternehmensseite, dass die Löhne gesichert seien. "Der Geschäftsbetrieb von Loewe geht während der Sanierung ohne Einschränkungen weiter", garantierte Vogt.

Inzwischen relativierten sich solche Aussagen. Die Geschäftsführung musste etwa einräumen, dass in der Produktion sehr wohl ein längerer Stillstand eingetreten war. Das sei nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens allerdings ganz natürlich, da "die Geschäftsprozesse wieder neu geordnet werden müssen", so Vogt im FT vom 17. Mai. Zum vergangenen Wochenende hieß es schließlich, die Produktion laufe an, andere Bereiche sollten baldmöglichst folgen.

Weiter offen ist allem Anschein nach die Frage nach dem April-Lohn. Das vorgezogene Insolvenzgeld greift erst ab Mai, das Geld für den Vormonat fehlt den Angestellten derzeit offenbar noch im Portemonnaie, wie aus Kreisen der Belegschaft zu hören ist. Das Thema ist auch aus Sicht der Gewerkschaft IG Metall ein Knackpunkt für die weiteren Gespräche, wie am Montag zu erfahren war.

Raum für Spekulationen

Letztlich steht die wohl wichtigste Frage im Raum. Wird es eine Entlassungswelle geben? Vogt nennt auf unsere Nachfrage keine konkreten Zahlen, er bestätigt allerdings seine Aussage aus dem SZ-Artikel: "Es ist richtig, dass es zu größeren Einschnitten kommen kann, solange das Unternehmen ohne neuen Investor agieren muss. Dabei ist auch die Verlagerung von weiteren TV-Produktlinien eine Option. High-End-Geräte werden auch in nächster Zeit weiter in Kronach montiert."

In diesem Zusammenhang spricht man bei Loewe "aktuell nicht von Kündigungen, sondern von Anpassungen der Personalkapazitäten während der Eigenverwaltung und nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens". Was mittel- und langfristig passieren wird, macht Vogt von den Plänen eines künftigen Investors abhängig.

"Loewe muss profitabel werden"

Dass das Unternehmen nun ernsthaft über solche Schritte nachdenkt, liegt laut dem Vorsitzenden der Geschäftsführung daran, dass "Loewe als Ganzes profitabel werden muss, um nachhaltiges Wachstum zu erreichen". Das betreffe also nicht nur die Fabrik in Kronach, sondern auch andere Unternehmensteile. Die Qualität und "Made in Germany" sollen darunter nicht leiden. Vogt stellt fest: "Loewe bleibt ein deutsches Unternehmen und die Produkte werden weiterhin in Deutschland konzipiert und entwickelt. Das gilt insbesondere auch für Softwareentwicklung, Qualitätswesen, Kundenservice, Vertrieb und Marketing sowie die Fertigung der High End-OLED-TV-Produkte."

In Kronach, wo die Gewerkschaft für die heutige Betriebsversammlung ein Spiel mit offenen Karten fordert, ist Spekulationen auf Grund der unkonkreten Aussagen weiter Tür und Tor geöffnet. Und unter den Angestellten machen bedenkliche Zahlen die Runde.

Demnach gehen viele Mitarbeiter nicht mehr nur von 30 bis 40 Kündigungen aus. Sie befürchten, dass es rund zwei Drittel des Personals erwischen könnte, dass am Ende nicht einmal mehr 150 Angestellte übrig bleiben werden.

Liest man zwischen den Zeilen von Vogts Aussage, könnte dem Personal sogar eine noch längere Zitterpartie um die Jobs drohen. Denn nochmals auf die kolportierten über 300 Kündigungen angesprochen, stellt er fest: "Das Unternehmen macht dazu derzeit keine Angaben. Aktuell werden unterschiedliche Modelle mit dem Betriebsrat verhandelt. Unser Ziel ist es, so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie irgend möglich an Bord zu halten. Das geht aber nur, wenn Loewe auf diesem Weg wieder profitabel wird." Doch das wird sich vermutlich nicht von heute auf morgen entscheiden.

Kommentar von Marco Meißner

Loewe kämpft weiter um seine Zukunft. Dass ein solcher Weg auch mit unliebsamen Weichenstellungen einhergeht, überrascht nicht. Dass solche Entscheidungen zunächst dort greifen, wo die große Masse der Kosten ausgemacht wird - also bei den Angestellten - scheint heutzutage ein branchenüblicher Reflex zu sein.

Für die Mitarbeiter von Loewe ist diese Situation aber in dreifacher Hinsicht tragisch. Zum Ersten sind schon einige Betriebsversammlungen seit dem Zukunftskonzept verstrichen, doch mehr als Spekulationen um den Umfang möglicher "Personalanpassungen" bleiben den Angestellten weiterhin nicht. Sie müssen hoffen, dass am Dienstag endlich Tacheles geredet wird. Denn ebenso wie das Unternehmen auf eine langfristige Zukunftsplanung pocht, braucht auch ein Familienvater, ein Häuslebauer oder ein Auszubildender wenigsten eine mittelfristige Gewissheit, wie er sein Leben und seine Finanzen im Griff behalten kann.

Zum Zweiten hat die Loewe-Belegschaft schon mehr als einmal geblutet, um dem Unternehmen aus dem Schlamassel zu helfen. Dass nun allem Anschein nach um ein einzelnes Monatsgehalt gefeilscht werden muss, ist daher ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die zuerst Verzicht üben, dann aber in der innerbetrieblichen Nahrungskette unten stehen.

Und zum Dritten bleibt die Frage nach der nächsten Ungewissheit. Ist die jetzige Situation erst einmal gelöst, stellt sich schon die Frage nach einem möglichen Investor. Welche Vorstellungen hat dieser? Müssen die Loewe-Mitarbeiter vielleicht bald wieder zittern?

Die Unternehmensleitung steht daher in der Betriebsversammlung am Dienstag in der Pflicht. Die Karten müssen auf den Tisch gelegt werden. Ralf Vogt sprach vor der Insolvenz zwar noch positiv von einem "spannenden Weg". Diese Spannung würden sich die Mitarbeiter aus heutiger Sicht aber gerne ersparen.