Ein schwarzes Shirt liegt auf dem Tisch. Eigentlich ein unspektakuläres Kleidungsstück. Eigentlich. Ein kleines, auf Brusthöhe angeheftetes Gerät sticht dann doch ins Auge. Eva Maria Müller zieht es mühelos ab und erklärt, dass es sich bei dem Kästchen um einen kleinen Baustein für ein beachtenswertes Gesundheitsprojekt handelt.

Die Gemeinden des Oberen Rodachtals, der Kreisverband der Caritas und das Fraunhofer-Institut arbeiten Hand in Hand daran, die medizinische und pflegerische Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern. Das Pilotprojekt "Digitales Gesundheitsdorf" könnte hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Es soll älteren Menschen ermöglichen, lange in den eigenen vier Wänden zu leben, Pflegebedürftigen eine bessere Versorgung gewährleisten und zugleich Ärzte und Pflegende entlasten.

Die Wallenfelserin Eva Maria Müller, Vorsitzende des Vereins "e2 - Health und Telemedizin Oberfranken", ist die treibende Kraft gewesen, das vom Freistaat geförderte Projekt in den Frankenwald zu lotsen. Aus gutem Grund hat sie sich dafür stark gemacht. Sie erzählt von einer steigenden Zahl an älteren Menschen auf dem Land, von immer weniger Ärzten und von weiten Wegen zu Fachärzten. "Wir wissen, dass wir schon ein kleines Problem haben - und das wir ein großes bekommen könnten", zieht sie Bilanz.

Gute Erfahrungswerte

In Wallenfels wurden mit der Online-Sprechstunde bereits erfolgreich erste Weichen in Sachen Telemedizin gestellt. Darauf lässt sich nun aufbauen.

"Wir nutzen die Technik, um es uns gut gehen zu lassen und angstfrei zu bleiben", fasst die Projektleiterin das übergeordnete Ziel zusammen. Dabei steht für sie über allem: "Der Betroffene bleibt Herr seiner Daten und entscheidet selbst, wer sie sehen darf!" Es soll kein gläserner Mensch entstehen, alle Daten bleiben auf einer Plattform, die im eigenen Haus installiert wird. Außerdem darf jeder Betroffene, wie in einem Baukastensystem, selbst entscheiden, welche Leistungen und Möglichkeiten des Projekts er in Anspruch nimmt. Zu Beginn werden das sechs Haushalte sein - zwei pro teilnehmender Gemeinde.

Die Teilnehmer sollen beispielsweise davon profitieren, dass Assistenzsysteme ihre Gesundheitswerte (Kreislauf, Gewicht) im Blick behalten. So sind die Ärzte auch ohne ständige Besuche auf dem Laufenden, den Patienten bleiben Wege erspart und drohende Probleme können früh erkannt werden. Und es geht nicht nur um die Medizin, sondern auch um Hilfsmittel wie Herdabschaltungen.

Jeder kann selbst entscheiden

Eva Maria Müller steckt das kleine Kästchen wieder ans Shirt und erklärt, dass es sich hierbei um ein EKG-Gerät handelt, das 24 Stunden lang getragen werden kann, ohne lästig zu sein. Die Rede ist von "sensorischer Kleidung". Solche alltagsorientierten Lösungen sind Müllers Ziel. Dabei wagt sie auch, über den technologischen Tellerrand zu blicken. So kann sie sich vorstellen, dass eines Tages eine künstliche Intelligenz bei kritischen Daten sofort reagiert, Alarm schlägt und somit Leben rettet. "Und wer sowas nicht will - das verstehe ich auch -, der kann's einfach abschalten."

Wichtig ist ihr nun jedoch erst einmal, dass die ersten sechs Haushalte im neuen Jahr in die Testphase einsteigen. Noch wichtiger ist ihr aber, dass nach Abschluss des Projekts nicht nur ein Bericht übrig bleibt. Sie ist überzeugt: "Dieses Thema darf nicht zu Ende sein, wenn das Projekt zu Ende ist - dann muss es anfangen! Denn wenn wir's klug anstellen, werden die Menschen besser versorgt sein, als sie es jetzt sind."