Das Theaterstück "Die Weiße Rose - aus den Archiven des Terrors" ist Dokumentartheater der besten Art: historisch korrekt, beeindruckend, interessant. Vor allem beleuchtet das junge Schauspielensemble München die Widerstandsgruppe aus einem völlig anderen Blickwinkel und zeigt, dass die jungen Menschen, die zum Widerstand gegen Hitler aufriefen, lebenslustig und zukunftsfroh waren. Vor allem für Sophie Scholl alias Theresa Hanich war der Auftritt in Kronach keine Routine, sondern etwas Besonderes: Denn ihr Ur-Opa war Bürgermeister in Kronach.

Schon mehr als 60 Mal hat das junge Schauspielensemble München das Schauspiel in drei Teilen präsentiert, Sophie Scholl war an Authentizität nicht zu überbieten. Und das hatte bei dem Auftritt in Kronach auch seinen guten Grund. Denn Theresa Hanich ist die Ur-Enkelin des ehemaligen Kronacher Bürgermeisters Nikolaus Schmidt. Er wurde in der Nazizeit abgesetzt, floh mit seiner Familie nach München und wurde in Kronach vergessen. Erst durch eine Diplomarbeit ist die Geschichte des ehemaligen Bürgermeisters wieder ans Tageslicht gekommen, eine Straße wurde nach ihm benannt. "Er selbst kam nie mehr nach Kronach und konnte das nie verwinden", hat sich Theresa Hanich erzählen lassen. Doch ihre Oma, die schon über neunzig Jahre alt ist, hat noch immer einen Bezug zur Stadt. "Meine Oma war 17 Jahre, als die Familie nach München ging. Sie erzählt noch immer von ihrer Kindheit hier. Und ich war auf der Festung, ich habe das Gefängnis gesehen", erzählt Theresa Hanich.


Ein komisches Gefühl

Dass Theresa Hanich jetzt ausgerechnet in der Rolle der Sophie Scholz in Kronach auf der Bühne steht, macht sie ein bisschen stolz. Und wie Sophie Scholz hat die Schauspielerin die Hoffnung, dass die Nazizeit nie wieder passiert. Obwohl so manchen beim Publikumsgespräch des Regisseurs und Darstellers von Willi Graf - Michael Stacheder - ein komisches Gefühl beschleicht. Denn ein Zuschauer bemerkte: "Aber alles war umsonst. Das hat doch alles nichts gebracht." Tatsächlich haben es die jungen Studenten nicht geschafft, einen Studentenaufruhr zu verursachen. Sie haben es nicht geschafft, die geistige Elite zu mobilisieren. Und sie haben es nicht geschafft, Hitler aus dem Verkehr zu ziehen. Trotzdem ist etwas von dem Widerstand geblieben - bis heute: mehr als nur eine Alibifunktion, mehr als nur die Tatsache, dass es junge mutige Menschen gab, die sich nicht den Mund verbieten haben lassen und die bereit waren, alles zu riskieren.

"Es ist schwierig, etwas zu unternehmen, wenn die Familie mit betroffen ist", merkte eine andere zutiefst beeindruckte Zuschauerin im Publikumsgespräch an. Und offen stand die Frage im Raum: Wer hätte auch den Mut gehabt und wer nicht? Alles nur Theorie.


Fokus auf Geschwistern Scholl

Die Aufführung, die immerhin fast drei Stunden dauerte, setzte nicht auf die herkömmlichen Schreckensmomente mit fulminanten NS-Aufmärschen. Nur ein einziger Gestapobeamter (Florian Schwartz) kam in dem Stück zum Einsatz, und der Schauspieler mimte auch noch einen Kellner und einen Spieß - also alle regimegetreuen Rollen auf einmal. Der Fokus des Theaterstückes lag auf den Geschwistern Scholl (Joachim Aßfalg und Theresa Hanich), auf dem draufgängerischen Alexander Schmorell (Thomas Trüschler) und auf deren Freunden. Christoph Probst (Ruben Hagspiel) mimte einen dreifachen Familienvater, der zwar bei der "Weißen Rose" dabei war, aber immer Sorge um die Familie hatte. Christoph Probst zweifelte am Wert des Aktionismus, hatte offen Angst. Willi Graf (Michael Stacheder) war der ruhige Part des Widerstands. Er knüpfte Kontakte zu anderen Gruppen, auch nach Saarbrücken. Und dann gab es noch Traute Lafrenz (Elke Heinrich), eine alte Bekannte von Alexander Schmorell und die Freundin von Hans Scholl. Die Männer wollten eine Frau nicht mit in ihren Widerstand hineinziehen. Nur Sophie Scholl mischte mit - und ließ sich nicht beirren. Egal, wie gefährlich dies auch war.

"Das ist ein sehr intensiver Abend", zog am Ende der Vorstellung Regisseur Michael Stacheder Bilanz. Die Theaterfassung verzichtet auf Klamauk, sie will Dokumentartheater sein, ohne zu langweilen. Sie will den Menschen den Spiegel vorhalten und Geschichte lebendig machen, ohne belehrend zu wirken.