Es gab nicht ganz realistische Wünsche nach großen Ketten. Auch nicht immer gerechtfertigte Vorwürfe an Vermieter und Stadt konnte man in der Vielzahl lesen. Die Umfrage auf der Facebook-Seite "Fränkischer Tag Kronach" Ende April zum Auftakt unserer Innenstadt-Serie hat hohe Wellen geschlagen. Die Frage: Was wünschen sich die Kronacher für den Stadtkern? Fast 180 Kommentare unter unserem Beitrag haben gezeigt: Das Thema bewegt - nicht nur die Einwohner der Kreisstadt.

Innenstadt-Serie Teil 1: Hier steht Kronachs Mitte leer

Während die einen trotzig reagieren, die anderen resignieren und der eine oder andere gar den Verfall der Lucas-Cranach-Stadt prognostiziert, gibt es auch jene, die auf das verweisen, was gerne übersehen wird: was Kronach zu bieten hat. Und die Liste ist gar nicht mal so kurz.


Ein Gefühl vermitteln

Seit November 2016 steht auf dieser auch die "Trendique" am Marienplatz. Raphaela Kotschenreuther verkauft dort als relativ frisches Mitglied der Kronacher Einzelhandelsfamilie zwischen Kleiderstangen, Ikea-Regalen und einem aufblasbaren rosa Plastikherz Frauenmode und Accessoires, die es laut eigener Aussage "nirgends sonst in Kronach und Umgebung gibt".

Für jeden gebe es irgendwas. Seien es Blusen, Hemden, Röcke oder Radiergummis und Anspitzer. Dass jede Kundin ihren Laden auch mit einer gut gefüllten Einkaufstüte verlässt, sei der 28-Jährigen gar nicht so wichtig.


Wie in ihrem Wohnzimmer

Viele Frauen kämen auch einfach mal nur auf ein Wasser oder ein Eis vorbei. "Für mich ist das hier ja wie mein Wohnzimmer und ich will mich darin wohlfühlen", erzählt Kotschenreuther. "Die Kundinnen können hier sein, wann sie wollen und müssen auch nichts kaufen." Ihr Konzept lässt sich auf die simple Formel herunterbrechen, dass es ihr nicht bloß um Mode geht - sondern darum, Freude an Mode zu vermitteln.

Innenstadt-Serie Teil 2: Was die großen Ketten von Kronach fern hält

Etwa bei regelmäßigen Veranstaltungen wie kleinen Modeschauen. Oft auch in Kooperation mit anderen Geschäften aus der Nachbarschaft. Unter anderem mit Optik-Lindlein aus der Rosenau. "Sie präsentieren ihre Brillen und ich die passenden Klamotten dazu", so Kotschenreuther. Bei ihr rauche eigentlich immer der Kopf, welche Aktion die nächste sein soll. "Ich glaube, dass das auch der Grund dafür ist, weshalb es hier funktioniert", sagt die junge Inhaberin.

Weniger mutig war da vermutlich der Schritt, konsequent auf soziale Netzwerke zu setzen. Für Raphaela Kotschenreuther war er schlicht selbstverständlich. "Wenn man einen Laden hat, etwa ein Café, und Social Media nicht nutzt, ist das einfach dumm; nicht mehr verantwortungsvoll", betont sie. Facebook und Instagram seien ein ganz entscheidendes Puzzlestück ihres Konzepts. Ein Schaufenster, das auch jenseits des Marienplatzes betrachtet wird.

"Zalando kann dir auch Kleidungsstücke vorschlagen, aber es ist was ganz anderes, als wenn die Kundin in der Kabine ist und ich draußen vor mich hinsprudele", sagt Kotschenreuther.
Sonderlich verwerflich finde sie Shopping-Portale allerdings gar nicht."Das macht schließlich jeder irgendwie mal." Auch Kotschenreuther plant derzeit eine digitale Einkaufsmöglichkeit für ihren Laden. "Das will ich ausprobieren und schaue mal, wie es läuft." Falls nicht, lasse sie es halt einfach wieder.


Schwestern schneidern nach Maß

Schon länger in Kronach einen Namen gemacht haben sich Anna Lena (37) und Nora (32) Jeske. Die beiden Kronacher Schwestern sind Inhaber des "schwe stern" in der Oberen Stadt. In der Amtsgerichtsstraße verkaufen sie exklusive Dirndl- und Brautmode - auch an Kunden mit individuellen Wünschen. "Eine Frau wollte ein Dirndl in den Landesfarben von Schleswig-Holstein mit glitzerndem Anker", erinnert sich Nora Jeske, Maßschneiderin und Bekleidungstechnische Assistentin.

Begonnen hat alles vor neun Jahren mit Filztaschen. Nachdem Diplom-Textildesignerin Anna Lena Jeske sich die Räume zunächst mit einer Kommilitonin als Atelier mietete, begann sie anschließend zusammen mit ihrer Schwester. "Aus Filztaschen wurden Dirndl, daraus Brautkleider. Wer weiß, was noch kommt", sagt Nora.


Bekannt in ganz Deutschland

Neben der Maßschneiderei betreiben die Schwestern, die eine Mitarbeiterin haben, auch einen Verkaufsladen. Dort gibt es Brautkleider und Dirndl anderer Marken, die zum Vintage-Stil des "schwe stern" passen."

"Das wichtigste ist, dass wir online bekannt sind", sagt Anna Lena. Vom Brombachsee, aus Fulda oder Berlin nehmen die Kunden Kontakt auf. "Unsere Werbung machen wir beispielsweise über Fotoshootings. Und die Bilder werden von Hochzeitsplanern weiterverbreitet."

Sinn mache der Laden aber nur dank des Entgegenkommens der Firma Schiffauer als Vermieter. "Auch wenn es gut läuft. In der Branche wäre ein Überleben mit normaler Miete nicht möglich", sagt Anna Lena Jeske.

Kommentar von Anna-Lena Deuerling: Ist Kronach tot?

Oder etwa nicht? So richtig einig waren sich die Kommentatoren unter unserer Facebook-Umfrage nicht. Doch gefühlt hatte jede Fraktion aus der Kreisstadt etwas zum Thema beizutragen. Es gab die üblichen Schwarzmaler, die witzelnden Hobbysatiriker, die unverbesserlichen Idealisten und jene, die in alter "Früher war alles besser"-Manier den Zeigefinger heben. Doch egal von welcher Emotion (oder politischer Motivation) getrieben, hatten sie eines gemeinsam: Sie sind allesamt Heuchler. Mich eingeschlossen.

Werfe den ersten Stein, wer kein Online-Shopping betreibt, keine Lebensmittel-Discounter besucht, wer nicht lieber bequem 30 Kilometer ins nächste Einkaufszentrum fährt, um dort in der Tiefgarage zu parken, statt einen Fußweg von 300 Metern in die Fußgängerzone zu laufen. Gäbe es in Kronach einen H&M, hätte der doch ohnehin das schlechtere Angebot als der in Bayreuth. Gäbe es mehr gastronomische Vielfalt, würde es vielen immer noch nicht schmecken.Und "Bummeln gehen" in der theoretisch durch zig neue Geschäfte belebten Innenstadt wäre einfach "nicht so cool" wie nach Nürnberg zum Shoppen zu fahren.

Sicher gibt es viele Aspekte, die aus der Kronacher Innenstadt das gemacht haben, was sie heute ist: scheintot. Hauptverantwortlich sind trotzdem die Konsumenten, die lokalen Einzelhandel predigen, heimlich aber woanders kaufen. Die Kronacher haben jetzt die Chance, das Gegenteil zu beweisen.

Ein großer Wunsch schien laut der Umfrage ein Obst- und Gemüseladen zu sein - dieser wurde nun erfüllt. Das "Gewürzallerlei" hat sein Sortiment um frische Ware erweitert, bleibt abzuwarten, ob sie diesen Schritt bereuen werden.