War die Kammerwagenfahrt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts lebendiges Brauchtum im Frankenwald, so ist sie heute nur noch ein Stück Erinnerung. Allein im Kammerwagen der Braut kam die Wohlhabenheit der Eltern zum Ausdruck. Diese Fahrt des Kammerwagens mit der Aussteuer der Braut auf den Hof des Bräutigams war ein öffentliches Ereignis, an dem die ganze Dorfgemeinde mit prüfendem Blick teilnahm.


Jeder durfte besichtigen

Ja, es war sogar das Recht eines Dorfbewohners, diese Ausstattung in allen Einzelheiten vor dem Verladen zu besichtigen. Zu diesem Zweck waren alle Gegenstände der Mitgift in einer großen Stube bereitgestellt. In jedem Fall sollte die Aussteuer im öffentlichen Urteil als standesgemäß und ausreichend bestehen, da ein mangelhafter oder gar unzureichender Kammerwagen dem Ruf des Elternhauses schadete. Somit wundert es nicht, dass gelegentlich durch einen kleinen Schwindel nachgeholfen wurde. Nicht selten ließ man Wäsche- oder Kleidungsstücke bewundern, die nur für den Tag des öffentlichen Ereignisses dazugelegt waren und später wieder ins Elternhaus zurückfanden.


Die "Schwankhetschn"

Eines der wichtigsten Möbelstücke, das auch gleich zuvorderst auf dem Kammerwagen seinen Platz fand, war das zweischläfrige Ehebett mit den prall gefüllten Gänsefederbetten. Zur Einrichtung der Schlafstube gehörte daneben die hölzerne Wiege, die "Schwankhetschn" für den Nachwuchs. Der "kleine Engel" sollte es in einem Leintuch bequem haben, das wie eine Hängematte mit vier gewebten Bändern am Trägerbalken der Stubendecke hing. Mit einem fünften Band wurde die "Hetschn" geschaukelt.

Ein weiteres Möbelstück des Kammerwagens war der Kleiderschrank, der wegen seiner Größe häufig zerlegbar und viertürig gebaut war. Sein Inhalt, Sonn- und Feiertagskleidung, Wäsche, Schürzen, Röcke und Stickereien für die gute Stube, verrieten, dass er auf Jahrzehnte hinaus auszureichen hatte.


Sichel und Sense

Eine zukünftige Bäuerin benötigte in jener Zeit natürlich auch die für die Landwirtschaft notwendigen Geräte wie Sichel, Sense, Rechen, Mistgabel, Dreschflegel, Streuhacker, Kartoffelkräuel und Queckhaue. Weil die Landwirtschaft überwiegend auf Handarbeit beruhte, war es Pflicht und Aufgabe der Frau, dem Mann bei allen Arbeiten zu helfen, ja ihn in Notfällen zu ersetzen.

Selbstverständlich durfte nicht der Backtrog mit strohgeflochtenen Backschüsseln fehlen, in denen sich frischgebackene Brotlaibe befanden. Daneben gehörten zu einer vollen Ausstattung verschieden große Wannen mit selbstgesottener Seife, Fleischfass, Kraut- und Laugenfass. Die beiden ersten "Stichte", also Fleisch- und Krautsticht, waren vollgefüllt, wenn man Hochzeit in der kalten Jahreszeit feierte.

Zu guter Letzt gab man dem Kammerwagen noch Saatgut und Stecklinge von Kartoffeln und Lein mit auf die Reise, in dem Glauben, dass diese Feldfrüchte besonders gut gedeihen. Je nach Vermögen bestand die Mitgift noch aus einer trächtigen Kuh, ein Paar Ochsen, einem Schaf, einem Schwein, einer Brutgans und einem Hühnervolk. Nach der Besichtigung und "Endabnahme" des Kammerwagens "tut man die Ehre an", sich mit den Brauteltern an den reichlich gedeckten Tisch zu setzen, um nach einigen, zum hiesigen guten Ton gehörenden Nötigungen "fest zuzulangen".


Zum Showdown herausgeputzt

Jetzt kann der Showdown mit dem Truhen- oder Kammerwagen beginnen. Der große Leiterwagen mit gewaschenen Rädern und besten Leitern ist herausgeputzt mit frisch geschwärzten Beschlägen und rotseidenen Bändchen. Im schweren Geschirr stehen die schmucken Pferde als Vierergespann bereit. In die Schweife sind Bänder und Sträuße geflochten. Schellen und Messingspiegel zieren blankgewienertes Zaumzeug. Ein Dachsfell am Kummet soll gegen Viehseuchen helfen und böse Geister abwehren. Den Abschluss des Zuges bildet das Kammerwagenvieh nebst den Eltern und Geschwistern der Braut. Schnell wird noch "a Madla und a Bübla" oben auf das Ehebett gesetzt. Dies soll die Kinderlosigkeit in der Ehe verhindern.


Lösegeld für die "Aufhalter"

Nach einem letzten Schnäpsla und einem "In Gotts Noma" setzt sich der Zug in Bewegung. Doch schon bald stellen sich die ersten "Aufhalter" in den Weg. Zu überwinden ist dieses Hindernis nur, wenn der Führer des Kammerwagengespanns ein Lösegeld bezahlt, indem er eine Hand voll Kleingeld auswirft. Zum Leidwesen der Mädchen ist nur dem männlichen Geschlecht das "Aufhalten" gestattet. Denn lediglich der Bub gilt im Frankenwald als Glücksbringer und das Mädchen würde mit seiner Beteiligung am Glückwünschen nur Unglück bringen. Bei der Kammerwagenfahrt glaubt man an eine Untreue des Ehegatten, wenn ein Mädchen den Zug aufhält.

Entgegen dem Sprichwort "Scherben bringen Glück" darf während der Kammerwagenfahrt nichts zerbrochen oder beschädigt werden, wenn das Glück einkehren soll. Ebenso sollte der Wagen an keinem offenen Grab vorüberziehen, "wenn der Kammerwagen seine Ruhe haben soll".


Zünftiges "Ständela"

Ist der Wagen endlich im Hof des Bräutigams angekommen und hat alles seine Richtigkeit, so versammeln sich Helfer, Brautleute, Fuhrleute, Handwerker, Verwandte, Freunde und Nachbarn, die den Zug begleitet haben, in einer feucht-fröhlichen Runde. Wenn dann noch ein Musikant mit seiner Quetschn dabei ist, spielt er dem Brautpaar ein zünftiges "Ständela" . Zu vorgerückter Stunde wagt man ein letztes Tänzchen, ehe der Hochzeitstag vor der Tür steht.