Gerade einmal für den Moment weniger Augenschläge huschen die Pupillen von Jürgen Zeuß suchend über die blaue Wand, an der er gerade hängt. Wie geht's weiter? Links. Rechts. Gefunden. Groß ist der hellgelbe Haltegriff nicht. Lediglich der Daumen und zwei Fingerkuppen finden darauf Platz. Doch mehr braucht der 41-Jährige auch gar nicht. Es reicht als Halt. Reicht, um nicht von der Wand zu rutschen, sich einmal kräftig mit dem bislang angewinkelten rechten Bein abzustoßen und mit den Fingern die nächsten beiden gelben Griffe zu umklammern.

Jetzt geht alles ganz schnell. Linkes Bein. Finger. Rechtes Bein. Finger. Und plötzlich befindet sich Zeuß schon knapp neun Meter über dem Boden. Wenige Sekunden später hat er die obere Kante der Wand erreicht.

Eine Ausgleichssportart

Zwölf Meter sind die drei Kletterwände im Turm auf dem LGS-Gelände hoch. 2002 wurde der ehemalige Sägespänen-Speicher einer Schreinerei für die Landesgartenschau in der Cranach-Stadt umgestaltet. Seitdem kann er von der Kronacher Sportklettergruppe des Deutschen Alpenvereins im Winter von innen und in wärmeren Monaten auch von außen erklommen werden.

Zeuß ist erst seit gut einem Dreivierteljahr dabei. Einmal von Freunden ins Turminnere mitgenommen, ist er gleich vom Klettervirus infiziert worden. "Das ist eine super Ausgleichssportart zum Laufen oder Radfahren", weiß er als Sportlehrer an der Lorenz-Kaim-Schule. "Klettern ist eigentlich alles: Kondition, Kraft und Geschicklichkeit."

Außerdem würden dabei zahlreiche Muskeln beansprucht. "Daher ist es auch die beste Rückenschule. Als Ü40er muss man ja langsam auch an den Rücken denken", sagt er und grinst.

Zweimal in der Woche steht die Tür des Turms für Kletterer offen (siehe Infokasten). An diesem Mittwochabend zieht der Geruch frisch gefallenen Regens in den knapp 20 Quadratmeter großen Innenraum. Kurz nach 19 Uhr sind es bereits acht Kletterer, die sich an den bunten Haltegriffen ihren Weg in die Höhe bahnen. Wer wieder auf dem Boden ist, wechselt auf die andere Seite des Seils und sichert den Kletterpartner.

Immer wieder wandert der Griff der Indoor-Kraxler an einen kleinen Beutel an der Rückseite ihrer Klettergurte. Kaum gleitet die Hand zurück an die Wand, rieselt eine feine Staubwolke herab. "Das ist das Talkum-Pulver, das man auch noch aus dem Schulsport kennt", erklärt Timo Wunder. "Schwitzige Finger sollen ja nicht der Grund dafür sein, dass man abstürzt." Auch auf dem schwarzen T-Shirt des 46-Jährigen, der die Kronacher Sportklettergruppe leitet, hat das weiße Pulver an diesem noch jungen Klettertag schon seine Spuren hinterlassen.

Eigentlich sei all das ja nur eine Übung für das eigentliche Ziel: Das Klettern an echtem Gestein. "Was in der Natur durch den Fels vorgegeben ist, simulieren wir hier mit den Griffen", sagt Wunder und zeigt auf die gelben, orangen oder mit roten Punkten versehenen Steine, die sich ein bisschen wie grobes Schmirgelpapier anfühlen. Jede Farbe steht für eine Route. Während sich Anfänger den nächstbesten Griff schnappen, um die ersten Höhenmeter zurückzulegen, nutzen geübtere Kletterer nur die Griffe einer Farbe.

Neue Schwierigkeitsgrade

Jede steht für einen anderen Schwierigkeitsgrad. "Ungefähr dreimal im Jahr verändern wir die Routen, damit es nicht zu langweilig wird", erzählt Wunder. Vor etwa zehn Jahren habe die Sportart einen regelrechten Boom erfahren - was sich auch auf die Schwierigkeitsgrade auswirkte. Bedingt durch die vielen entstandenen Kletterhallen beginnen Kinder nun bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren; erhalten gezieltes Klettertraining. "Daher können jetzt Schwierigkeitsgrade bewältigt werden, die vor zehn Jahren noch niemand klettern konnte."

Dass er in so gut wie jeden Urlaub irgendeinen Felsen auf dem kürzesten Weg erklimmt, nimmt man Wunder sofort ab. Profisportler könnten wohl kaum besser austrainiert sein. Auf etwa 25 Personen schätzt er den harten Kern seiner Gruppe.

Bunte Griffe

Aus diesen setzen sich auch die meisten jener Teilnehmer zusammen, die im Sommer zweimal die Woche die bunten Griffe gegen echten Fels tauschen. "Meistens fahren wir dafür in die Fränkische Schweiz", sagt der 46-Jährige, während er mit einem Auge beobachtet, wie einer seiner Kletterer seinen Gurt mit Hilfe des Seils sorgsam mit einem Karabiner verbindet.

Groß sei die Verletzungsgefahr beim Klettern nicht, meint Wunder. Wer stürzt, falle schließlich ins sichere Seil. "In einem Vierteljahr kommt es vielleicht mal vor, dass sich jemand eine Schürfwunde zuzieht", schaltet sich Peter Büttner (48) ins Gespräch ein. Auch er nutzt das Hallentraining in Kronach, um sich für die Outdoor-Saison vorzubereiten. Gerne auch am benachbarten Staffelberg.

Dort sei die Verletzungsgefahr allerdings etwas größer. "Aber erst dann, wenn man gerade oben angekommen ist", sagt er und fügt mit einem breiten Grinsen hinzu: "Weil dir da oft die Touristen, die von oben in die Tiefe gucken, auf die Finger treten."

Schnuppertraining

Geöffnet ist der Kletterturm auf dem Kronacher LGS-Gelände jeden Montag und Mittwoch ab 19 Uhr. Wer vorbeikommt, darf sich gleich einmal an die zwölf Meter hohe Wand wagen. Ansprechpartner für Interessierte ist Timo Wunder. Er ist entweder per Mail an timo.wunder@alpenverein-kronach.de oder telefonisch unter der Nummer 0171/ 4567324 erreichbar.