Siegfried Schmieder traut sich was: Er geht schnurstracks über den Todesstreifen auf einen Kommandeur der DDR-Grenztruppen zu, doch der pfeift ihn barsch zurück. Erst, als Schmieder sagt, dass er der Zweite Bürgermeister von Nordhalben ist, entspannt sich die Lage. So geschehen am Freitagnachmittag, 17. November 1989, zwischen Nordhalben und Rodacherbrunn.

Schmieder erinnert sich an die denkwürdigen Ereignisse vor 25 Jahren, als wäre das gestern gewesen: Am frühen Nachmittag berichteten ihm Nordhalbener Bürger, dass sich an der Grenze in Richtung Lobenstein etwas tue. Scheinbar sei Militär der DDR dabei, den Grenzzaun abzubauen. "Die haben drüben einseitig rumgemacht, ohne Grenzpolizei, Zoll oder Gemeinde zu informieren", sagt Siegfried Schmieder.


"Morgen früh wird aufgemacht!"
Zum späteren Grenzübergang in Richtung Lobenstein führte von Nordhalben aus - jetzt vom Kreisverkehr - eine gut ausgebaute Straße. Doch an den weiß-blauen Pfählen war Schluss. Da lag ein dicker rot/weiß angestrichener Holzbalken als Barriere auf Pfosten. Aber nicht mehr lange, denn die Aktivitäten der DDR-Grenztruppen am Metallgitterzaun ließen erahnen, dass der Balken schon bald im wahrsten Sinne des Wortes im Weg sein würde. Der DDR-Kommandeur sagte Schmieder, dass der Grenzzaun wegen des zu schaffenden Übergangs abgebaut, die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr benutzte Straße befahrbar gemacht werde. "Morgen früh um 6 Uhr wird aufgemacht", kündigte der DDR-Offizier an.




Eine Trabi-Lawine rollt
Da hatte Siegfried Schmieder plötzlich keine Zeit mehr, dem Geschehen an der Grenze - so wie 30 bis 40 Nordhalbener und ein paar Beamte des Bundesgrenzschutzes - zuzuschauen, denn es galt, sich auf einen gewaltigen Ansturm vorzubereiten. So kam es dann auch: Eine Trabi-Lawine mit Tausenden von Fahrzeugen wälzte sich am Samstag nach Nordhalben. Alle Straßen waren zugeparkt. Teilweise waren mehr als doppelt so viele Besucher aus der DDR im Ort als der Markt Einwohner hat.

Und die Gäste wollten versorgt werden. Siegfried Schmieder stellte die Weichen, denn die Besucher mussten verköstigt und Begrüßungsgeld musste an sie ausgezahlt werden, damit sie West-Produkte kaufen konnten. In den Tagen nach der Grenzöffnung wurden im Markt Nordhalben fünf Millionen D-Mark an 50 000 DDR-Bürger ausgezahlt. Der jüngste Empfänger war 14 Tage, der älteste 103 Jahre. "Ich habe da Szenen gesehen", berichtet Siegfried Schmieder: "Da haben sie die alten Leute, die nicht mehr laufen konnten, ins Rathaus zum Empfang des Begrüßungsgelds getragen!"

An eine Begegnung des 17. November 1989 erinnert sich Siegfried Schmieder besonders: Im Café Schlee in Nordhalben warteten offizielle Vertreter aus Lobenstein: der Bürgermeister und ein Mitglied des Rates des Kreises (= Kreisrat). Pikanterweise war Letzterer später Schmieders Untergebener, als der Nordhalbener stellvertretender Landrat des Saale-Orla-Kreises war.


Ein doppelter Verlierer
Siegfried Schmieder sieht in der Replik seinen Heimatort als doppelten Verlierer: vor und nach der Grenzöffnung. "Vor der Wende waren wir Zonenrandgemeinde mit allen Nachteilen, weil wir direkt an der Grenze waren. Auch heute sind wir wegen der hohen Förderung in Thüringen wieder benachteiligt. Es gab nicht wenige Betriebe, die haben hier zugemacht und in Thüringen mit einer Höchstförderung von 75 Prozent neu gebaut", ist Siegfried Schmieder alles andere als glücklich über diese Entwicklung. "Nordhalben hatte vor 1989 500 Industriearbeitsplätze, heute gar keinen mehr."

Es sei dringend notwendig, dass ehemalige Zonenrandgemeinden wie Nordhalben eine zusätzliche Förderung wie in einem Sondergebiet erhielten. Sonst könnten sie nicht einmal mehr ihre Pflichtaufgaben erfüllen und seien mittelfristig zum Sterben verurteilt. Die Infrastruktur in Nordhalben liege brach und es gebe 120 leer stehende Gebäude. "Das hat nichts mit Neid zu tun, denn ich habe Thüringen viel zu verdanken und dort Karriere gemacht", aber die angesprochenen Faktoren dürfe man nicht außer Acht lassen.


Karriere in Thüringen
Siegfried Schmieder erlebte die Wende und die Jahre danach auf fränkischer und Thüringer Seite mit: als Zweiter Bürgermeister von Nordhalben bei der Grenzöffnung, als Referent der Landräte von Lobenstein und des späteren Saale-Orla-Kreises von 1991 bis 2000 sowie als gewählter hauptamtlicher stellvertretender Landrat des Saale-Orla-Kreises ab dem Jahr 2000.

Den Lobensteiner Landrat lernte Schmieder bei der Grenzöffnung kennen. Der Landrat suchte Mitarbeiter, um die Thüringer Verwaltung nach westdeutschem Muster aufzubauen. Siegfried Schmieder hatte als langjähriger Zweiter Bürgermeister und SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat die entsprechende Erfahrung.


Freunde bespitzelt
Eine seiner Aufgaben an den Landratsämtern in Lobenstein und Schleiz war es, die Mitarbeiter auf eventuelle Stasi-Mitarbeit zu überprüfen. Er stellte fest, wie viele der damals 400 Mitarbeiter des Landratsamts Lobenstein stasibelastet waren. "Da waren Leute drunter, von denen man das nie gedacht hätte", schüttelt Schmieder noch immer ungläubig den Kopf. "Das hat mich sehr betroffen gemacht, als ich gelesen habe, dass Leute selbst ihre Angehörigen und Freunde bespitzelt haben."

Kein Vergleich zum Ehrenamt des Zweiten Bürgermeisters von Nordhalben war der hauptamtliche Job des stellvertretenden Landrats des Saale-Orla-Kreises, der 1994 aus den Kreisen Lobenstein, Pößneck und Schleiz gebildet wurde. Siegfried Schmieder erhielt das Vertrauen der Bürger bei der Wahl im Jahr 2000. Das bedeutete für ihn besonders im Sommer eine Sieben-Tage-Arbeitswoche mit 80 bis 90 Einsatzstunden. "Es war eine große Verantwortung und es hat Spaß gemacht, denn zu diesem Zeitpunkt war das Geld in den Neuen Bundesländern noch reichlich vorhanden. Da konnte man gestalten, musste nicht nur verwalten", sagt Schmieder. Die Infrastruktur musste total erneuert werden. Zum Teil wurde aber - gegen seinen Rat - über das Ziel hinausgeschossen, beispielsweise beim Bau des Bads in Bad Lobenstein. "Ob die 27 Millionen Euro langfristig sinnvoll ausgegeben und gerechtfertigt waren, sei dahingestellt", macht sich Siegfried Schmieder Gedanken, wie die Unterhaltskosten aufgebracht werden können.

Nur von ganz wenigen Thüringern wurde er als "Besser-Wessi" gebrandmarkt. Zu 95 Prozent sei seine Arbeit geschätzt und anerkannt worden, sagt Schmieder.