Wenn die Sonne scheint und der Sportteil der Tageszeitung frisch ist, ist Herr Schmidt ganz zufrieden. "Schlaraffenland" nennt er das Hospiz mit dem kleinen, aufgeräumten Zimmer, in dem er seit September wohnt. Fünf Jahre hat er gegen seine Krankheit, den Krebs, gekämpft. Jetzt legt er die Waffen nieder und füllt die Tage, die seine letzten sein werden, mit Frieden.

Herrn Schmidts Händedruck ist nur angedeutet, und wenn Herr Schmidt spricht, ist das eigentlich ein Wispern. Das liegt an dem Ventil, das die Ärzte nach einem Luftröhrenschnitt an seinem Hals anbrachten. Auf eine Größe um 1,80 Meter wiegt der 57-Jährige, der älter aussieht, wenig mehr als 45 Kilo. Aber obwohl er kaum noch stehen kann, reißt er sich zusammen.


Die Disziplin wahren

"Sie können sich ja mal in meiner Stube umschauen", sagt Herr Schmidt und lächelt stolz. Ordnung zu halten, das hat er beim Wehrdienst in der ehemaligen DDR gelernt und nicht wieder vergessen. Er ist zufrieden mit sich, weil er Disziplin hält: Er isst, damit er nicht weiter abnimmt und er geht täglich im Park spazieren, damit etwas Muskulatur bleibt. Herr Schmidt spricht nicht direkt über den Tod. Aber er gibt zu verstehen - er weiß, dass die Metastasen in seinem ausgemergelten Körper ihn töten.

In dem Hospiz in Naila, 35 Kilometer östlich von Kronach, bleiben die Gäste im Schnitt 20 Tage - einige nur Stunden, andere auch ein halbes Jahr. Das Haus mit acht Betten ist eins von zweien in Oberfranken, die das Sterben so angenehm wie möglich machen. Ein Team aus Pflegern, Ärzten, Therapeuten, Seelsorgern und Ehrenamtlichen arbeitet Hand in Hand.

Das Hospiz ist von außen in sanftem Rot, innen vorwiegend in warmen Gelb- und Orangetönen gestrichen. Die Zimmer, Gemeinschaftsräume und Terrassen haben nichts mit einem Krankenhaus zu tun. Nur der latente Geruch nach Desinfektionsmittel erinnert an diesem Tag daran. Anders als in einem Krankenhaus gibt es im Hospiz keine Patienten, sondern Gäste. Auch wird nicht geheilt, sondern sich gekümmert: Und individuelle Wünsche Kranker respektiert, solange sie im Bereich des Machbaren und Legalen liegen. "Ein würdevolles Gehen ermöglichen", nennt Hospizleiterin Christine Andrä das. Schwester Beate lebt es in jeder ihrer Schichten.

Die schlanke Frau Anfang 30 mit den mittellangen, dunklen Haaren kommt gerade aus dem Zimmer einer Frau, die den Tod nicht als Option sieht. Die Frau hat Krebs im Endstadium, aber will nichts davon wissen. "Wir haben tolle Gespräche über Meditation, Ernährung oder Homöopathie", sagt Schwester Beate. Aber als die Frau ins Hospiz kam, habe sie klargestellt, dass sie nicht über Krankheit und Tod sprechen möchte. Das respektiert die Krankenschwester und Pflegekraft für Palliativpflege. "Wenn ein Gast nicht wahrhaben will, dass er nicht mehr lange lebt, dann widerspreche ich nicht."


Sterbehilfe ist keine Option

Wer von einem Arzt eine so genannte palliativ-medizinische Behandlung im Hospiz verschrieben bekommt, ist unheilbar krank. Die Lebenserwartung beträgt Tage bis maximal Monate. Es gibt viele, die das wissen, wenn sie in das Haus in Naila kommen. Viele, die Angst vor dem Sterben haben, aber auch viele, die es annehmen. Auch einige, die sich wegen starker Beeinträchtigungen oder unaushaltbarer Schmerzen nach dem Tod sehnen.
"Gib mir die letzte Spritze." Diesen oder ähnliche flehende Sätze hat Schwester Beate oft hören müssen, wie sie sagt. Aber Sterbehilfe findet in dem Hospiz nicht statt. "So sehr man sich manchmal wünscht, die Sehnsucht nach einem schnellen Tod zu erfüllen. Es ist ausgeschlossen", sagt die Schwester. Nur wenn Gäste keine Nahrung mehr wollen oder von ihrem Arzt sehr hohe Dosen an Schmerzmittel verlangen, dann wird in Kauf genommen, dass sich Lebenszeit verkürzt. Das ist völlig legal.

Schwester Beates Job ist hart. Eigentlich jede Woche steht vor einem der acht Gästezimmer eine Kerze, die einen Tod bezeugt. Die junge Frau erlebt hautnah Schmerzen und Angst von Gästen, die sie lieb gewonnen hat und Tränen von Angehörigen. Trotzdem arbeitet sie seit Jahren in der Palliativmedizin. Das hat mit dem Krebstod ihres Vaters vor fast 15 Jahren zu tun. "Damals war die Schmerztherapie noch nicht so weit", erinnert sie sich an eine extrem schwere Zeit. Sie beschloss: "Es darf nicht sein, dass ein Patient so sterben muss" und wollte es anderen leichter machen als ihm.

Als sie während ihrer Schwesternausbildung im Krankenhaus auf die Krebsstation kam, sei ihr Bedürfnis gewachsen, die Sterbenden durch emotionale Nähe zu entlasten. Beim Erzählen werden ihre Augen glasig. Sie ist ein Profi - kein Zweifel - aber nicht abgestumpft.

Die Sensibilität macht die Arbeit im Hospiz aus. Das Sterben, macht Hausleiterin Christine Andrä klar, soll so viel von seinem Schrecken verlieren, wie nur möglich. "Es gehört schließlich für jeden zum Leben dazu", sagt sie.


Hospiz ist für Kranke kostenlos

Die Gäste des Hospizes in Naila kommen aus den umliegenden Kreisen Hof, Kronach und Kulmbach in Oberfranken sowie aus Orten hinter der thüringischen Grenze, so wie Herr Schmidt. "Unser Haus steht prinzipiell allen offen, die eine schwere Erkrankung haben und ihrem Lebensende entgegen sehen", sagt Hausleiterin Christine Andrä. Die palliativ-medizinische Versorgung in einem Hospiz wird ärztlich verschrieben. Zahlen müssen Gäste nichts. 90 Prozent der Kosten eines Aufenthalts zahlen Kranken- und Pflegekassen, 10 Prozent der Betreiber des Hauses, das Diakoniewerk Martinsberg.


Unterstützung

Das Diakoniewerk Martinsberg in Naila ist beim Unterhalt des Hospizes auf Spenden angewiesen. Bei Fragen steht Heike Schramm unter Telefon 09282/6925 als Ansprechpartnerin zur Verfügung.