Es herrscht eine gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre im Manufakturcafé. Die Zuhörer sitzen ruhig und entspannt da. Vorne spricht der Vorleser, Ingo Cesaro. Musiker stehen etwas abseits und lassen ihre Klänge aus Saxofon, Maultrommel und anderen Instrumenten in den Raum fließen. Die Fantasie geht auf Reisen, das steht den Zuhörern ins Gesicht geschrieben. Man kann fast sehen, wie Bilder von Wellen, die sich an einer Landzunge brechen, vor ihren inneren Augen entstehen.

Der Geschäftsführer der Confiserie Burg Lauenstein, Thomas Luger, konnte die vertraute Besuchergemeinschaft bereits zum vierten Mal im stilvollen Ambiente des Manufakturcafés in der Fischbachsmühle willkommen heißen. Anhand der Überschrift "Luftschiffers Sehnsüchte nach dem Meer" erklärte Ingo Cesaro dem Publikum die Fortsetzungsreihe des Bezirks Oberfranken. Diese steht unter dem Motto "Luftschiffer - Luftschlösser" und findet innerhalb der Reihe "Wortspiele - Literatur in Oberfranken" statt.


Ein Vagabund


Cesaro, der sich selbst als Luftschiffer und Vagabund sieht, dankte seinen Musikerkollegen, mit denen er nun seit 35 Jahren "durch die Lande tingelt". Dies waren der Percussion-Instrumentalist Werner Weinelt und der Jazz-Saxofonist Bernd Schricker.

Cesaros Vorlesung begann mit dem Thema "Luftschlösser", wobei er kurze Gedichte, an Adalbert Stifter angelehnt, vorlas. Tiefe Saxofonklänge geleiteten seine weiche Stimme und die gespannten Zuhörer dann zum Thema "Luftschiffer und ihre Sehnsüchte" hinüber. Wellenrauschen war zu hören und der salzige Meeresduft fast zu riechen, als Cesaro verschiedene Stellen aus seinen Büchern "Fischblut" und "Amortisation" vorlas. Beeindruckend war das Treibgut-Gedicht, welches von der Trauerarbeit der Meere und Flüsse handelt. Fernweh und Heimweh kämpften im folgenden Gedicht miteinander.

Aus dem druckfrischen Buch "Aus dem Schatten der Engel", das der Künstler selbst erst am Nachmittag vom Verlag erhalten hatte, folgten im dritten Teil der Lesung Engelgedichte aus Cesaros Feder zum Thema "Sehnsucht und Meer". Als politischer Dichter und Autor schaffte Cesaro den Brückenschlag zu den Engeln über die Offenbarung des Johannes, wo der dritte Engel den Wehmutsstern zu Fall bringt. Er stellte so eine Beziehung zum Super-Gau von Tschernobyl im April 1986 her. Eine leise Klavier- und Oboenbegleitung führte das Publikum hin zu den Engeln, die sich nach dem Meer sehnten. Bilder von ausgestoßenen Engeln mit Schwimmhäuten und Herings augen entstanden durch Cesaros Vortrag.


Worte und Gedanken


Tausend Engelszungen aus der Tiefe des Ozeans formten Worte und Gedanken an der Meeresoberfläche im folgenden Gedicht. Die Naht zwischen Himmel und Ozean war der Engel im nächsten Beitrag.
In Cesaros Buch sind seit 1986 gesammelte Engelsgedichte verewigt, die der Autor selbst von "hochpolitisch bis zu lustvoll erotisch" einstuft. Für seine politischen Texte findet Cesaro immer aktuelle Themen, wie beim Gedicht der Frau, die von Engeln davongetragen wird; diese steht für eine Frau im Iran, die zum Tode bestraft wurde.

Wieder wachgerüttelt waren die Zuhörer, als der Bogen nach Sarajevo gespannt und die Trauer um politische Opfer aufgezeigt wurde. "Immer wieder wird es Ausbrüche von Gewalt geben, gegen die Tränen von Müttern nichts ausrichten können", so der selbst ernannte Luftschiffer Ingo Cesaro. Tiefe Ergriffenheit war in den Gesichtszügen des Autors bei der Lesung dieser Gedichte zu erkennen.
Die Besucher waren "in eine nachdenkliche Melancholie versetzt und lauschten den Texten. Die Musikeinspielungen ließen Zeit, um die Worte setzen und Bilder entstehen zu lassen", lautete das Resümee der Zuhörer am Ende der Veranstaltung.

Vom "Schwimmen" handelten zum Ausklang die lustigen Gedichte aus Cesaros Buch "Freischwimmer". Musiker Werner Weinelt brachte als musikalisches Finale schließlich noch "ein richtiges Lied" dar, das die Zuhörer auf einen Marsch durch eine Tropfsteinhöhle mitnahm.