Im ersten Moment fällt es Beate und Katharina (die Namen wurden geändert, d. Red.) schwer, über ihre persönliche Situation zu reden. Was ihnen eigentlich ein Leben ermöglichen soll, das der Würde eines Menschen entspricht, bewirkt zeitweise das genaue Gegenteil. Die Rede ist von Hartz IV. Nach den ersten Sätzen tauen die beiden Frauen auf. Plötzlich ist zu spüren, wie eine Last von ihnen fällt. Anonym können sie befreiter über das reden, was sie bedrückt - ohne dabei schräg von der Seite angeschaut zu werden.

"Viele wissen's gar nicht", stellt Beate fest, dass sie das Gespräch über ihre berufliche Situation meidet. Wie Katharina ist sie mit dem Arbeitslosengeld II, kurz ALG II oder auch Hartz IV genannt, konfrontiert. Beide Frauen haben früher in großen Unternehmen im Landkreis gearbeitet und haben es nicht mehr allzu weit bis zum Rentenalter. Doch inzwischen stecken beide in der Arbeitslosigkeit fest.

"Man wird schon komisch betrachtet", meint Katharina, dass auch sie ihre persönliche Situation nicht an die große Glocke hängen will. Die beiden Frauen wissen, wie schnell Vorurteile auf alle in ihrer Lage übertragen werden. Die Doku-Soaps mit vermeintlichen ALG II-Empfängern im Privatfernsehen schaffen zudem ein Image in der Öffentlichkeit, das der Situation der meisten Betroffenen nicht annähernd gerecht wird.

"Wenn die Leute Hartz IV hören, dann werden alle über einen Kamm geschert", unterstreicht Katharina. Dabei suchen beide Frauen Hände ringend nach einer neuen Arbeitsstelle, nehmen gerne auch Bürgerarbeit oder 400-Euro-Jobs an. Und das, obwohl schon ein relativ geringer Zuverdienst gleich wieder zu Abzügen beim ALG II führt. "Aber sie machen das, und wenn's nur zehn Euro in der Woche mehr bringt", zollt ihnen Helga Nickol-Löffler von der Caritas Respekt.


Viel spielt sich im Kopf ab

Sie hat den Kontakt zu den beiden Frauen hergestellt und kennt deren Lage genau. Sie weiß, dass eine von ihnen ihre Brille abstottern musste. Und sie weiß, wie schwer es ihnen fällt, eine Kleinigkeit für die Enkel zur Seite zu legen, damit die Omas an Weihnachten nicht mit ganz leeren Händen dastehen.

"Man muss auch das psychologische Loch sehen", erklärt sie, dass es für Hartz-IV-Empfänger nicht nur um das Geld für den Lebensunterhalt, sondern auch um eine Kopfsache geht. Beate berichtet von einer weiteren Betroffenen, die sie beim Einkauf im Sozialladen getroffen hat. "Die Frau stand am Regal und hat geweint. Ich habe sie gefragt, warum. Da hat sie geantwortet: ,Weil ich hier einkaufen muss!‘"

Natürlich gebe es auch Menschen, die gar nicht arbeiten wollen, sich mit Hartz IV zufrieden geben. Doch wegen dieser Minderheit alle ALG II-Empfänger als Schmarotzer abzustempeln, ist nach Ansicht der beiden Betroffenen völlig ungerechtfertigt. Die meisten, gerade die älteren Arbeitslosen würden lieber heute als morgen wieder zur Arbeit gehen. "Sie schämen sich", sagt Katharina, dass ihnen die Arbeitslosigkeit und das Angewiesensein auf Sozialleistungen an die Nieren gehe. Doch das Problem sei: "Ab einem gewissen Alter hat man einfach keine Chance mehr, zu einem Vollzeit-Job zu kommen."

Hier sieht Helga Nickol-Löffler besonders die Politik gefordert. Unser Sozialstaat sei - etwa im Vergleich zur Situation in den USA - ein Segen. "Aber man darf nicht nur nach einer Tabelle über die Vergabe von Leistungen urteilen. Man müsste den Einzelfall sehen und viel individueller handeln."

Hartz IV bedeutet einen heftigen Einschnitt in das Leben. "Man muss Abstriche machen", weiß Irene Piontek von der sozialen Beratungsstelle der Caritas. Das sei auch in der gerade vergangenen Weihnachtszeit nicht anders. Schnell mal ein iPad für den Nachwuchs? Das gehe einfach nicht. Die Caritas habe darum mit Kooperationspartnern eine Spielzeug-Aktion durchgeführt. So konnten auch ALG II-Empfänger dem Nachwuchs eine kleine Überraschung bereiten. "Die Menschen sind froh darüber. Ihr Budget wurde etwas entlastet, und sie konnten den Kindern doch etwas schenken", erklärt Irene Piontek. Und das Budget (Regelsatz) betrug bis Ende 2014 gerade einmal 391 Euro für Alleinstehende und Alleinerziehende. Zwar gibt es seit dem 1. Januar eine Erhöhung der Leistung, doch die ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 399 Euro im Monat. "In einen Kaufrausch kann ein Sozialleistungsempfänger nicht geraten", räumt die Caritas-Mitarbeiterin mit Vorurteilen auf.

Wie die Menschen auf ein Abrutschen in Hartz IV reagieren, ist nach Irene Pionteks Erfahrung sehr unterschiedlich. Oft kommt es auf die Ausgangslage an. "Der überwiegende Teil der ALG II-Empfänger leidet unter der Situation", ist sie jedoch überzeugt. "Da merkt man, wie wichtig eine Arbeit und eine Struktur im Tag für einen Menschen sind." Dabei gehe es nicht nur um das Einkommen, sondern vielmehr auch um die Gesundheit und das Selbstwertgefühl.

Und viele Außenstehende wüssten gar nicht, dass das ALG II nicht einfach verprasst werden kann. "In den Regelsätzen sind sogar schon Ansparbeträge für Ersatzbeschaffungen eingerechnet", erklärt die Caritas-Mitarbeiterin. Auch das Kindergeld sei Einkommen und werde vom Regelsatz abgezogen.

Da falle es recht schwer, wenigstens ein Auto zu unterhalten. Doch das sei meist Voraussetzung, um im ländlichen Bereich und bei der heute geforderten Flexibilität überhaupt wieder in der Berufswelt Fuß fassen zu können.