Im Kronacher Stadtteil Gundelsdorf ist die Zeit stehen geblieben. Im Bahnhof jedenfalls. Seit Pfingstmontag bewegen sich die Zeiger an den großen Uhren an den Bahnsteigen 1 und 2 nicht mehr.

Das ärgert Erwin Dannreuther. Der ist langjähriger Bahnmitarbeiter, wohnt ganz in der Nähe und hat schon mehrmals bei Mitarbeitern seines ehemaligen Arbeitgebers angerufen und um Abhilfe gebeten. Getan hat sich nichts.


Die Sportler spotten

Noch ärgerlicher ist es für ihn, dass ihn die Fußballer des TSV Gundelsdorf, für den er ehrenamtlich tätig ist, deshalb necken. Die Sportler wissen, dass Erwin Dannreuther jahrzehntelang bei der Bahn als Hauptwerkmeister im Gleisbau und Betriebsinspektor arbeitete und spotten. "Was ich bei den Fußballern am Sonntag alles zu hören bekomme", berichtet er mit einem Augenzwinkern.

Die Uhr an Gleis 2 ist gleich neben dem Fußballplatz und wurde all die Jahre immer als "Stadionuhr" des TSV bezeichnet. "Sogar die Schiedsrichter richteten sich beim Anpfiff des Spiels nach dieser Uhr", blickt Dannreuther zurück.


Stellwerk nicht besetzt

Bei seinen Ex-Kollegen hat er in Bayreuth und Bamberg angerufen, weil er am Gundelsdorfer Bahnhof ein Schild mit den Kontakttelefonnummern gesehen hat. Da solle man anrufen, wenn die Beleuchtung defekt sei oder eine andere Störung vorliege, heiße es. "Sieht das kein Lokführer oder Schaffner?", fragt sich Dannreuther.

Also rief er in Bayreuth an und berichtete, dass die Uhren nicht laufen. Ergebnis: Fehlanzeige. Seine nächsten Anrufe landeten in Bamberg. Bei der für "die drei S" - Sicherheit, Sauberkeit, Service - zuständigen Mitarbeiterin. Die sagte ihm, weil das Stellwerk des Bahnhofs Kronach nicht mehr besetzt sei, könne die Uhr von dort aus nicht "angeschoben" werden. Zum Stellwerk in Kronach kam kein Bahnmitarbeiter, aber zum Bahnhof nach Gundelsdorf - und klebte ein Kreuz mit schwarzem Klebestreifen über die Vorder- und Rückseiten der Uhren.
Die Sache mit den Uhren ist nicht das einzige, das ihn stört. Weihnachten will er zu seinem Sohn nach Hamburg fahren - natürlich mit der Bahn. Also ließ er sich am Automaten am Bahnsteig in Gundelsdorf den Reiseplan ausdrucken. Doch die Schrift war irgendwie durch Walzen verschmiert. Entweder man konnte die Abfahrtszeiten nicht mehr erkennen oder die Gleise.


Der vergammelte Unterstand

Und dann ist da noch das ehemalige Unterstellhäuschen mit dem kleinen Raum, in dem einst der zweibeinige und sprechende "Fahrkartenautomat" saß. Das Gebäude sieht ein bisschen verwahrlost aus. Weil die Fenster- und Türscheiben eingeworfen wurden, zieren jetzt Blechtafeln die Öffnungen des Gebäudes. Die Ziegel des Dachs sind marode, die Dachrinne defekt und rund um die Mauern wuchert das Unkraut hoch. "Wenigstens das könnte man mähen, wenn man sowieso an den Bahnsteigen mit der Motorsense mäht", meint Erwin Dannreuther. Ein Nachbar würde sich dafür interessieren, das marode Gebäude zu erwerben und herzurichten, doch er weiß nicht, an wen er sich im riesigen Konzern Bahn wenden muss. Der alte Unterstand steht gleich neben dem modernen Glas-Stahl-Komplex, in dem die Reisenden Schutz vor Regen und Schnee finden. Größer könnte der Kontrast nicht sein zwischen vergammelt und hypermodern.