Marco Meissner89 - eine Zahl, die Clemens Richter nachdenklich stimmt und zu einem Erklärungsmarathon zwingt. Der Teuschnitzer Apotheker muss seinen Kunden immer wieder vermitteln, warum ihre Medikamente nicht lieferbar sind. Aktuell fehlen ihm 89 Produkte, die er bisher zuverlässig auf Vorrat hatte. Doch so ergeht es nicht nur ihm in der Teuschnitzer Stadt-Apotheke, sondern auch vielen seiner Kollegen in der Region und sogar in der gesamten Republik.

Eine moderne Industrienation wie Deutschland, in der sich Lücken in den Arzneimittelregalen aneinander reihen? Richter nickt. "Ich glaube, dass dies ein längerfristiges Problem wird, das ganz viele Ursachen hat", sagt der Sprecher der Apotheker im Landkreis Kronach. Und sein Kulmbacher Kollege pflichtet ihm bei.

Die Auslöser des Problems

"Die Engpässe ziehen sich, wenn man so will, quer durch den Gemüsegarten", sagt Hans-Peter Hubmann, Inhaber mehrerer Kulmbacher Apotheken und Sprecher der Apotheker im dortigen Landkreis. Er blickt auf einen der Monitore hinter seiner Verkaufstheke. Die Farbe Rot dominiert den Bildschirm - allesamt Medikamente, die im Moment als "nicht lieferbar" ausgezeichnet sind.

In Deutschland müssten Apotheker Patienten, die mit einem Medikamenten-Rezept zu ihnen kommen, immer häufiger erklären, dass das benötigte Mittel zurzeit aufgrund eines Lieferengpasses nicht beschafft werden kann, heißt es in einer Pressemitteilung der Bayerischen Landesapothekerkammer und des Bayerischen Apothekerverbands. "Diese Engpässe sind eines der größten Ärgernisse in meinem Arbeitsalltag", berichtet Hubmann. "Das Problem verschärft sich tendenziell seit Jahren."

Ein Grund für die Knappheit sei die globalisierte Herstellung. Während die Ausgangssubstanzen heute größtenteils aus China und Indien stammten, würden Lohnhersteller, die zum Teil in Deutschland, aber vor allem im europäischen Ausland sitzen, die Tabletten fertigen. "Wir waren mal die Apotheke der Welt, jetzt sind es ausländische Kapitalgesellschaften, die weltweit produzieren."

In anderen Ländern böten sich den Herstellern Märkte, auf denen sich die Arzneimittel zu höheren Preisen verkaufen lassen als in Deutschland. Als Beispiel nennt Hubmann England. Dorthin würden sogar Mittel aus Deutschland exportiert. "Uns passiert jetzt das, was in den Südländern, wie etwa Griechenland, schon seit Jahren der Fall ist."

Richter stimmt ihm zu. Den Griechen gegenüber seien die Deutschen die Nutznießer gewesen, nun treffe es sie wegen der niedrigeren Referenzpreise selbst, und Länder wie Großbritannien profitierten davon.

Problematisch sei unter anderem auch, dass Krankenkassen teilweise exklusive Rabattverträge mit nur einem Arzneimittelhersteller abschließen, wie Hubmann weiter erklärt. Die hierdurch erzielten Rabatte machten pro Jahr ein Einsparvolumen von 4,4 Milliarden Euro aus. Decke eine Krankenkasse durch ihre Mitgliederzahl große Teile der Bevölkerung ab und verhandele einen exklusiven Vertrag mit nur einem Hersteller, würden in der Folge die anderen Hersteller aufgrund des hohen Kostendrucks die Produktion des Medikaments herunterfahren. Komme es dann bei einem Hersteller zu Engpässen, könnten die anderen diese nicht ausgleichen, so Hubmann.

Für die Apotheker bedeuteten die Engpässe einen beträchtlichen zeitlichen Mehraufwand. Über sein digitales Bestellsystem behält Hubmann die Verfügbarkeiten im Blick. Seien knappe Artikel als "lieferbar" gekennzeichnet, müsse man sie im Endeffekt sofort bestellen.

Fällt ein Medikament aus, sei das mit einem hohen Rechercheaufwand verbunden. Man müsse mit den Herstellern telefonieren und nach einer wirkstoffgleichen Alternative suchen. Bei mehreren möglichen Herstellern sei es "schwierig, aber lösbar", ein Ersatzmedikament zu bekommen. Bei ein bis zwei Herstellern "ganz schwierig". Der Kulmbacher Apotheker gibt dabei auch zu bedenken: "Wirkstoffgleich heißt nicht automatisch auch wirkungsgleich." Wo es machbar ist, springen die Apotheken auch selbst in die Bresche und mischen Ersatzrezepturen vor Ort, wie Hubmann erklärt.

Richtig schwierig werde es bei Patienten, deren Medikamente individuell und fein auf die jeweilige Person abgestimmt sind. So zum Beispiel bei Epileptikern. "Der Patient muss dann unter ärztlicher Aufsicht umgestellt werden." Das sei zum einen mit Kosten, zum anderen mit einem hohen Beobachtungsaufwand verbunden. "Das ist mit das Mühsamste, was es gibt."

Damit es zu Schwierigkeiten kommt, muss aber gar keine schwere Erkrankung vorliegen, wie Clemens Richter aus seinem Berufsalltag weiß. Viele Kunden seien einfach ein bestimmtes Präparat gewohnt und sie setzten Vertrauen in "ihr" Mittel. Ein anderer Name, eine andere Packung - schon entsteht Beratungsbedarf. Es drohen auch Verwechslungen bei der Einnahme der "gleichen" Medikamente aus unterschiedlichen Packungen; der Teuschnitzer hat selbst schon von Fehleinnahmen gehört.

Entsprechende Gesetze gefordert

Apothekerkammer und -verband fordern angesichts der Engpässe von der Politik, eine frühzeitige Informationspflicht seitens der Arzneimittelhersteller. Sobald ein Engpass absehbar ist, sollten diese per Gesetz zur Meldung verpflichtet sein.

Außerdem sollten Krankenkassen keine exklusiven Rabattverträge mehr schließen dürfen, sondern immer mit mindestens drei unterschiedlichen Herstellern. Teilweise hielten die Exklusiv-Hersteller auch Medikamente zurück, um nach wie vor als lieferfähig zu gelten und einer Vertragsstrafe zu entgehen. De facto werde aber nicht ausgeliefert, berichtet Hubmann. "Was Krankenkassen und Politik betrifft, wäre es wünschenswert, sich bei Entscheidungen gedanklich mehr in die Patienten hineinzuversetzen. Qualität und Versorgung sollten vor der absoluten Ersparnis stehen."