Wir schreiben das Jahr 1879. Am Gründonnerstag, 10. April, begann in der "Maxschachtgrube" des Steinkohlenreviers Stockheim-Neuhaus für zwölf Bergleute ein viertägiger Kampf ums Überleben. Was war geschehen? Wenige Minuten nach Schichtbeginn strüzten gewaltige Gesteinsmassen ein und versperrten alle Ausgänge.

Rettungsaktion beginnt am Karfreitag

Die Rettungsaktion mit zunächst völlig ungewissem Ausgang setzte am Karfreitag ein. Am Ostermontag nahm das Drama eine glückliche Wende, die Bergleute wurden aus ihren Verlies befreit. Und Stockheim hatte sein Wunder.

In der Mirakelkammer der Basilika Vierzehnheiligen hängt ein Votivbild, das an das spektakuläre Grubenunglück erinnert. Im oberen Drittel schweben links die Nothelfer um das auf der Weltkugel thronende Jesuskind. Rechts oben sieht man die Jungfrau Maria mit dem Kind. Unter der Jahreszahl 1879 verbindet eine Stola mit der Inschrift "Durch Euere Fürbitte wurde uns geholfen" die beiden Bildgruppen.

14 Nothelfer angerufen

Das mittlere Drittel des Gemäldes zeigt die zwölf Bergleute unter Tage, wie sie knieend die Jungfrau Maria und die 14 Nothelfer anrufen. Darunter werden auch die Namen der Geretteten genannt: Konrad Rubel, Simon Rubel, Konrad Thomas, Johann Müller, Georg Weber, Georg Fug, Johann Möckel, Michael Schwämmlein, Johann Bär, Friedrich Glaser, Friedrich Ebeth und Peter Reich.

Und so war es zu diesem schrecklichen Ereignis in den Tiefen der Erde gekommen: Der Neukenrother Oberhauer Konrad Rubel und seine elf Kumpel hatten am 10. April 1879 kaum eine Viertelstunde auf der 54. Sohle des Maxschachtes gearbeitet, als das Unglück passierte. Gewaltige Wetterschläge löschten die Lampen. Ein unheimliches Krachen war vernehmbar, gefolgt vom Knirschen und Poltern stürzender Massen.

Als die Männer in der Grundstrecke nach vorne liefen, fuhr ihnen der Schreck in die Glieder. Riesige Steinhaufen versperrten ihnen den Weg.

Schmutzige Wasserflut aus dem Felsen

Wie man später feststellte, hatte sich in einer höher gelegenen alten Strecke unbemerkt Wasser angesammelt und schließlich die Verschalung durchbrochen. So quoll unheimlich gluckernd eine schmutzige Wasserflut aus dem Felsenberg hervor und trieb die Bergleute zurück. Geröll, Schlamm, geborstenes Grubenholz wälzte sich auf die Männer zu. Dann prasselte ein ganzer Haufen losen Felsgesteins nieder und verschloss alle Stollen, bis es im Berginnern ganz still wurde.

Die Schlammmassen begruben die meisten Werkzeuge und Berglampen - bis auf zwei. "Gott helfe uns und unseren armen Frauen und Kinder", murmelten einige Eingeschlossene.

Telegramm nach München

Am Karsamstag erreichte ein Telegramm aus Stockheim das Oberbergamt München: "In Folge zurück gestauter Wasser durch Verstopfung der Abfallrohre im Max Gegenort und der 54. Sohle in Maxschacht in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag Brüche der Grundstrecke und der Mittelstrecke, wobei 12 Mann verunglückt und bis jetzt abgeschlossen. Nächste Ursache Nichtbeachtung der Wasseranstauung von Seiten des Maschinen- und Aufsichtspersonals. Aufräumung und Untersuchung im Gange."

Während Grubenbesitzer Baron Richard Freiherr von Swaine die Verunglückten schon verloren sah, gaben der von Bergdirektor Heinrich George eingesetzte Obersteiger Wilhelm Schröder von der Steinkohlengrube "König Ludwig" in Reitsch und der Oberhauer Sebastian Wich aus Grössau nicht auf. Mit Unterstützung des königlichen Bergamtmanns Johann Carl Hahn aus Bayreuth, des von Swaine'schen Bergverwalters Ernst Julius Funke sowie des Obersteigers Wilhelm Sartorius wurden zwei Zugangsvarianten erarbeitet. Zwei Rettungsmannschaften mit über 50 Bergmännern arbeiteten sich unter Lebensgefahr und mit dem Mut der Verzweiflung vor - unermüdlich, Tag und Nacht.

Wie die Maulwürfe

Und wie war es bei den Verschütteten? Lebendig begraben, nahmen die Bergleute ihre Zuflucht zu den 14 Nothelfern. Alle Knappen, ob katholischer oder evangelischer Religion, versprachen eine Wallfahrt nach Vierzehnheiligen, wenn sie lebend wieder herauskämen. Sich untätig dem Schicksal ausliefern, das wollten die Eingeschlossenen aber nicht. Über dem Querschlag entdeckten sie einen alten Stollen. Verzweifelt versuchten sie, sich in mühsamer Maulwurfsarbeit aus ihrem Gefängnis zu befreien.

Weiter oben kam die rettende Idee von Steiger Sebastian Wich aus Grössau, der auf eigene Verantwortung einen Seitenstollen anlegte. Die Hoffnung schwand von Stunde zu Stunde, zumal die Retter lediglich mit Keilhaue, Schlägel und Eisen sowie Schaufel ausgerüstet waren. Doch mit dem Mute der Verzweiflung schaffte man bis zum Umfallen.

Klopfzeichen aus der Tiefe

Am Morgen des Ostermontags bahnte sich ein erster Erfolg an. Direktor Heinrich George informierte Bergamtmann Hahn in Bayreuth, dass der Durchschlag des Umbruchs zur Grundstrecke erfolgt sei und dass "frische Wetter kräftig durch die Öffnung einzögen". Als der Vorarbeiter zu diesem Zeitpunkt wieder einmal mit dem Schlägel rhythmisch auf einen Stein klopfte, kam von drinnen auf gleiche Weise Antwort.

"Sie leben, sie leben!" Diese erlösende Meldung verbreitete sich in Windeseile im Bergwerk und erreichte bald darauf den Zechenhof und die umliegenden Dörfer, die Kirchen, in denen Mütter, Ehefrauen und Kinder beteten. Nach kurzer Zeit war eine Verständigung mit den Eingeschlossenen möglich.

Total erschöpft

Und wenige Stunden später war der Durchbruch endgültig gelungen. Zur Mittagszeit zogen die Helfer einen nach dem anderen aus dem Stollen, zuletzt den Oberhauer Konrad Rubel, der wie ein Vater für die elf Knappen gesorgt hatte. Manche waren so ermattet, dass sie kein Wort sprechen und keinen Schritt gehen konnten.

Bergamtmann Hahn schilderte in seinem Bericht an das Oberbergamt München sehr anschaulich die entscheidenden Stunden am Stockheimer Maxschacht. "Uns überwältigte das Gefühl der Freude, wir umarmten uns und weinten. Kein Auge blieb trocken. Das Gefühl, welches uns in diesem Moment erfüllte, vermag ich nicht zu schildern." Am Maxschacht hatte sich unterdessen eine große Menschenmenge versammelt. Grubenbesitzer Richard Freiherr von Swaine bot Getränke und Lebensmittel an.

Gelübde eingelöst

Ihr Versprechen den 14 Nothelfern gegenüber hatten die Bergleute nicht vergessen. Am Samstag, 24. Mai 1879, lösten sie ihr Gelübde ein. Barfuß und mit Grubenlampen machten sie sich auf den 40 Kilometer langen Fußmarsch nach Vierzehnheiligen. Unzählige Menschen säumten damals den Weg der Bergleute und beteten mit ihnen.