Eine der ältesten Firmen des Landkreises, das Mineralölwerk Voitländer GmbH & Co. KG, blickt in diesen Tagen auf ihr 175-jähriges Bestehen zurück. Außerdem nimmt die Firma deutschlandweit in der Mineralölbranche eine Sonderstellung ein. Das Mineralölwerk, das unter anderem technische Öle und Fette produziert, stellt für die heimische Industrie einen bedeutsamen wirtschaftlichen Faktor dar, denn in der langen Firmengeschichte stand der Dienst am Kunden an vorderster Stelle. Nationale und internationale Aktivitäten untermauern die Erfolgsgeschichte.


Aus Böhmen zugewandert

Die Voitländers waren schon immer unternehmungslustige Leute. Die Spuren können bis 1779 zurückverfolgt werden. Damals wanderte der Zinngießergeselle Aloys Voitländer, Sohn des Försters Christoph Voitländer, aus Böhmen nach Kronach zu. Ein Nachfahre, Franz Voitländer, 1818 geboren, wagte 1843 den Schritt in die Selbstständigkeit. Er richtete in seinem Elternhaus in der Judengasse 32 eine Seifensiederei ein, die er 1859 zum Marktplatz verlegte. Gleichzeitig nahm er eine Lichterzieherei in sein Programm mit auf.

Die große Wende trat ein, als 1881 sein Sohn Melchior, der spätere königliche Kommerzienrat und Alleininhaber, die Geschicke der Firma bestimmte. Doch Jahre zuvor dokumentiert die Zeitungsanzeige am 21. November 1870 im "Fränkischen Wald" die neue Richtung, die eingeschlagen wurde, und sie war goldrichtig: "Anzeige - Neue Ladung Petroleum angekommen zum billigsten Tagespreis offeriert in Fässern zur geneigten Abnahme - Franz Voitländer."


Vom Handel zur Herstellung


Durch das rastlose Schaffen von Melchior Voitländer - er bemühte sich 1897 erfolgreich um die Einführung des Telefons in Kronach - setzte eine stete wirtschaftliche Expansion ein. Schon bald wurde die Seifen- und Lichterproduktion gestrichen und der Handel mit den damals neuartigen Mineralölen aufgenommen. Diesem zunächst reinen Handelsgeschäft fügte er im Laufe der Zeit die industrielle Fabrikation von Schmierfetten und Spezialschmierölen an. Die Erfindung der Stanz-, Pressen- und Formenöle, die unter anderem erfolgreich in der keramischen Industrie ihre Verwendung finden, war sein besonderes Verdienst.


1892 schon 16 Öllager

Ganz entscheidend förderte Melchior Voitländer im Oktober 1892 die Bildung eines Bezirksgremiums für Handel und Gewerbe im Hotel "Zum goldenen Wagen". Spontan stellte er sich als Zweiter Vorsitzender für die Förderung und Vertretung der industriellen und kommerziellen Interessen" zur Verfügung. Eine Zeitungsnotiz vom 25. August 1893 belegt den Aufschwung: "Die Firma Franz Voitländer in Kronach berichtet, daß ihr Absatz sich auch in diesem Jahr bedeutend vergrößert hat und eine Vermehrung der von ihr in den größeren Industrie- und Handelsplätzen des In- und Auslandes unterhaltenen zwölf Öllagern auf 16 zur Folge gehabt habe, neuerrichtet in Fürth, Halle, Heilbronn und Stuttgart."

Noch im gleichen Jahr blickte die Firma auf ihr 50-jähriges Bestehen zurück. In der Kronacher Zeitung "Fränkischer Wald" fand dieses Ereignis gebührende Berücksichtigung: "Herr Franz Voitländer begeht das Fest seiner 50-jährigen Geschäftsgründung. Mit Befriedigung und Stolz zugleich darf der von allen seinen Mitbürgern hochgeachtete und immer noch unermüdliche Geschäftsveteran auf die Vergangenheit zurückblicken. Ist es ihm doch geglückt, sein unter schwierigen Verhältnissen klein begonnenes Geschäft durch rastlosen Eifer immer mehr und mehr zu erweitern und unter der späteren Mitarbeiterschaft strebsamer, den Zeitgeist erfassender Söhne zu einem Etablissement emporzuarbeiten, das mit den größten kontinentalen Geschäften gleicher Branche siegreich die Konkurrenz zu bestehen vermag."

1896 und 1897 gab es für die Firma weitere ermutigende Erfolge. Bei der Landesausstellung in Nürnberg und bei der sächsisch-thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig gab es für das Kronacher Unternehmen jeweils eine silberne Medaille für besondere Leistungskraft.
Zehn Jahre nach der Errichtung einer Zweigniederlassung in Düsseldorf im Jahre 1900 kam der Bau der Fabrik an der Bamberger Straße zustande. Gewiss ein Meilenstein in der Geschichte von Voitländer.


Königlicher Kommerzienrat

Die geschäftlichen Aktivitäten von Melchior Voitländer - sein Vater Franz starb 1905 - fanden an höchster Stelle gebührende Berücksichtigung. Zum Jahresende 1907 wurde der Kronacher zum königlichen Kommerzienrat ernannt. Seine Söhne Franz (1899 bis 1961), Hans (1900 bis 1967) und Dr. Ingenieur Rolf Voitländer (1902 bis 1974) traten 1914, 1916 und 1932 in die Firma ein. 1934 verstarb Melchior Voitländer.


Feuer zerstört die Fabrik

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Absatzgebiete in Thüringen und Sachsen verloren. Es bedurfte deshalb enormer Anstrengungen, den Anschluss nicht zu verlieren. Eine jähe Unterbrechung fand die Entwicklung mit dem großen Brand im Jahre 1954. Die Katastrophe brachte eine fast vollständige Zerstörung der Fabrikationsanlagen. Kronach erlebte am 10. Juni ein Inferno. Bei dem Brand erschütterten ständige Explosionen die Luft und eine dicke, schwarze Rauchwolke wälzte sich über die Stadt.

Schwierige Zeiten waren bis zum Neubau 1956 angesagt. Doch die Kundschaft hielt dem Unternehmen die Treue. 1957 trat Rolf Voitländer - er ist noch heute Geschäftsführer - in die Firma ein. Zusammen mit langjährig erprobten Mitarbeitern verstand er es immer wieder, schwierige wirtschaftliche Zeiten zu überwinden. Nach der Grenzöffnung 1989 konnten ehemalige Absatzgebiete in den neuen Bundesländern zurückgewonnen werden. Mittlerweile hat auch Rolf Voitländer junior in der fünften Generation für die weitere Zukunft Verantwortung übernommen.


In der Region verwurzelt

Eine der größten Aktivposten des Mineralölwerkes war zu allen Zeiten eine zuverlässige Belegschaft. Sprichwörtlich ist vor allem die Verbundenheit der Familien Voitländer zur Kronacher Schützengesellschaft, zum Bayerischen Jagdschutzverband, zur IHK Bayreuth und nicht zuletzt zu den Kronacher Vereinen. Das Unternehmen, das in den vergangenen 175 Jahren in oft stürmischer Zeit von Generation zu Generation in den Händen der Familien Voitländer blieb, ist ein Beispiel für den zuverlässigen Bestand und die anerkannte Geltung deutschen Unternehmertums.