Wenn man so will, ist Stockholm der Mittelpunkt Europas. Zumindest für einen Tag. Während Geographen nun wahrscheinlich energisch mit dem Kopf schütteln, dürften Musik-Fans fast schon Probleme haben, mit dem zustimmenden Nicken wieder aufzuhören. 197 Millionen Menschen verfolgten im vergangenen Jahr, welche Sänger die europäischen Fernsehstationen zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Wien entsendet hatten. Am Samstagabend dürften es nicht viel weniger Zuschauer sein, die ihre Blicke in Richtung der schwedischen Hauptstadt richten. Sonja Welsch wird eine von ihnen sein. "Ich mag einfach die ganze Show, die Aufmachung. In gewisser Hinsicht ist es auch etwas Nostalgisches", erzählt die Kronacherin.

Jahrelang verfolgte sie die größte Musikshow der Welt zusammen mit Freunden vor dem Fernseher: Jubelte, wenn der eigene Favorit die erhofften "twelve points" bekam oder verstand die Welt nicht mehr, als sich der Trash-Song des Abends als Siegkandidat entpuppte.


Letzte Töne als Startsignal

Seit 2010 ist der Rahmen, in dem gefeiert wird, noch etwas größer geworden. Als Lena Meyer-Landrut sich anschickte, die Eurovisions-Herzen im Sturm zu erobern, veranstaltete Welsch zusammen mit ihrem Mann Markus erstmals eine große ESC-Party. Kein Wunder: Mit ihrer "C(h)ampus GmbH" besitzen sie unter anderem das Kronacher "Cafe Kitsch" und das "Dreefs" in Marktrodach - perfekte Voraussetzungen also. "Das war damals einfach klasse. Es entstand ein richtiger Hype", erinnert sich Welsch. "Es war authentisch und etwas komplett Neues."

Heuer dient das "Dreefs" in der Alten Schalterfabrik als Veranstaltungsort. Pünktlich um 21 Uhr, wenn die letzten Töne der Eurovisionsmelodie verklungen sind, startet die Ü30-Party (Eintritt sieben Euro). "Wir haben den Termin bewusst auf den Samstag gelegt, weil dann auch das Zielpublikum für den ESC da ist", sagt Welsch. Eine Prognose, wieviele ESC-Fans vor dem aufgebauten Bildschirm mitfiebern werden, möchte sie lieber nicht abgeben: "Da die deutschen Chancen eher gering sind, schätze ich aber, dass weniger los sein wird als 2010 bei Lenas Auftritt in Oslo."

So ganz genau weiß sie aber nicht, welche Konkurrenz auf die deutsche Teilnehmerin Jamie-Lee Kriewitz und ihren Song "Ghost" wartet. Denn während Welsch in der Woche vor dem Finale normalerweise schon eine Vielzahl der Beiträge kennt, fiel das Studium der YouTube-Videos dieses Jahr aus. "Mein Sohn hatte Erstkommunion, da bin ich einfach nicht dazu gekommen", sagt Welsch. Vielleicht auch besser so, könnten böse Zungen nun behaupten.

Doch die Qualität der Songs spielt für die "gute Seele" des "Cafe Kitsch" nur eine untergeordnete Rolle. "Der ESC ist wie ein Boxkampf; da ist die Show ja oftmals auch besser als der Kampf an sich", sagt sie und lacht. Es gehe vor allem um den Spaß. Wer den Song Contest zu ernst nehme, solle doch besser zu Hause bleiben und vor dem eigenen Fernsehen schauen.


Hits schnell verschwunden

Der wird bei Mike Müller definitiv schwarz bleiben. "Für mich ist es ein medial aufgeblasenes Kasperletheater", erklärt der Musiker, der seit zwölf Jahren ein Tonstudio in Wallenfels betreibt. "Meine Musik ist handgemacht, wie Funk, Soul oder Jazz", zählt er auf. Es gebe auch gute moderne Musik, aber die finde nicht in den großen Radiostationen statt - und erst recht nicht beim ESC. Musikalisch sei dort in den vergangenen Jahren so gut wie nichts passiert, was ihn ansprechen würde. "In dieser Hinsicht ist er bedeutungslos geworden. Die Hits sind auch schnell wieder verschwunden", sagt der 30-Jährige. "Kein Superstar hat sich über mehrere Jahre halten können."

Ohnehin würden musikalische Lichtgestalten wie Michael Jackson, Prince oder David Bowie nach und nach aussterben. "Lena Meyer-Landrut ist ein wirklich sympathisches Mädel. Aber so viel hört man von ihr auch nicht mehr", meint Müller. "Das war alles medial gehyped. Die hatte einen Stefan Raab im Rücken, der genau gewusst hat, was zu tun ist." Seine Welt sei das einfach nicht.


Den Kommerz schätzen lernen

Vor etwa zwei Jahrzehnten sah das noch anders aus. "In meiner Kindheit war das eine richtig große Nummer. Da habe ich es mir angeguckt", erzählt der Schlagzeuger, der sein Instrument in Aschaffenburg, Frankfurt und New York studiert hat. Er könne sich auch noch gut an den Auftritt von Guildo Horn erinnern, der 1998 in Birmingham frischen Wind in den einstigen "Grand Prix" gebracht habe: "Mit der Zeit hat sich das Interesse dann aber verflüchtigt."

Auch Welsch wusste einige Jahre nichts mit dem Liederwettstreit anzufangen. "Zwischen 16 und 25 war das für mich alles kein Thema mehr. Da war ich mehr discofoxmäßig unterwegs", erinnert sie sich. "Aber wenn man auf die 30 zugeht, schätzt man plötzlich wieder das Gemäßigte und den Kommerz."