Sven Schenke sitzt im präparierten Rollstuhl und lässt den Kopf hängen. Er sieht nicht, was um ihn herum auf der Festung geschieht. Doch viel ist es auch nicht. Die Tribünen sind fast leer, Ida Engelhardt steht ein paar Meter von ihm entfernt und spricht einen Monolog. Ihre Textmappe drückt sie sich gegen den Oberkörper, denn sie weiß eigentlich, was sie sagen muss. Sie trägt Ballerinas und T-Shirt, Schenke hat Sandalen an. Es ist sehr schwül, ein Gewitter zieht allmählich auf. Dicke, dunkelblaue Wolken hängen über der Festung.

Der Macbeth-Fluch

Heidemarie Wellmann sitzt auf einem Stuhl auf der Tribüne und beobachtet genau, wie sich Sven Schenke und Ida Engelhardt bewegen und wie sie sprechen.

Sie inszeniert dieses Jahr das Stück "Der eingebildete Kranke" bei den Faust-Festspielen auf der Festung Rosenberg. Doch während ihrem Hauptdarsteller im Rollstuhl nichts fehlt, ist ausgerechnet ihre linke Hand eingebunden und ihr rechter Fuß geschient. "Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie bei Macbeth", witzelt die Regisseurin. Dem Stück von Shakespeare lastet eine Art Fluch an, erklärt sie. Es soll Schauspielern und Sängern Unheil bringen. Bei keinem anderen Stück soll es so viele Unglücksfälle gegeben haben. Doch Heidemarie Wellmann hat gerade nicht viel Zeit, sich darüber viele Gedanken zu machen. Seit Beginn vergangener Woche sind die Schauspieler ihres Ensembles in Kronach.

Bis zur Premiere muss sie mit ihnen die Lücken in den Stücken füllen, denn bisher mussten die Proben ohne die Gastschauspieler stattfinden.

Fantasie bei den Proben gefragt

Deshalb ist Wellmann sehr erleichtert, dass die Gastschauspieler nun mit auf der Bühne stehen. Es geht voran, findet sie. "Die Schauspieler mussten sich bisher die anderen Figuren vorstellen. Bei großen Szenen fehlten uns dann fünf Schauspieler - das kann man sich dann auch nicht mehr vorstellen."

Doch der Spaß darf auch bei den Einzelproben nicht fehlen. Schon zu Beginn der Probe wird das deutlich. Die Schauspieler trudeln allmählich ein, es wird gescherzt und gelacht. Die Gespräche der Schauspieler drehen sich diesmal vor allem um die Kostüme. Was muss noch umgenäht werden? Was geht gar nicht? Während sich die Schauspieler vom anstrengenden Anstieg auf die Festung erholen, rollt Sven Schenke den Rollstuhl auf die Wiese. Auch das Wetter bietet Gesprächsstoff. Die schwüle Luft macht es schwer sich zu konzentrieren. Doch es hilft nichts.

Sven Schenke setzt sich in den Rollstuhl, Ida Engelhardt steht daneben und Heidemarie Wellmann nimmt auf einem Stuhl Platz. Sie versucht, ihr geschientes Bein zu schonen. Alle sind mit einem Mal voll konzentriert. Immer wieder grollt der Donner über der Festung. Das Gewitter ist nicht mehr weit. Heidemarie Wellmann beobachtet die Schauspieler. Manchmal unterbricht sie die Monologe oder gibt Hinweise, wie die Spieler sprechen sollen. "Das musst Du misstrauischer sagen. Du bist empört", erklärt sie.

Mehrfach spricht Ida Engelhardt die Worte einer Szene. Nach dem vierten Mal unterbricht Wellmann. "Nochmal von Anfang. Ihr denkt sonst zu viel nach", erklärt sie den Schauspielern - und es geht wieder von vorne los.
Wellmann gefällt die Arbeit als Regisseurin. Erst das zweite Mal inszeniert sie ein Stück auf der Festung. Sie hat eine Musical-Ausbildung in Wien gemacht. Regisseurin? Sängerin? Schauspielerin? Sie bezeichnet sich selbst als "Künstlerin mit gewissen Interessen".

Alleine im "Stübchen"

Das Inszenieren fällt ihr nicht schwer. "Wenn man lange spielt, weiß man ja auch, wie das abläuft. Man schaut auch oft zu und entwickelt eine Vorstellung, wie es unter der eigenen Regie laufen würde." Und diese Regie hat sie jetzt inne. Dennoch unterscheidet sich die Arbeit stark von der der Schauspieler.

Man sitzt alleine in seinem "Stübchen", um den Text für die Gegebenheiten umzuschreiben, erklärt Wellmann. Figuren müssen gestrichen werden, ganze Szenen entfallen. "Der eingebildete Kranke" ist eine von Molières Ballett-Komödien. "Es wird viel getanzt und gesungen. Aber eine vierstündige Balletteinlage kann man hier nicht machen." Die Szene musste raus - und trotzdem soll das Stück im Ganzen Sinn machen.

Wellmann versucht, das Stück ein wenig nach ihrem Geschmack zu inszenieren. "Ich habe Spaß an englischem Humor und Wortwitz." Doch es sind nicht nur die Worte. Für Wellmann ist Musik wichtig. "Ich mag Stimmungen. Mit Worten kann man viel ausdrücken, aber Musik ist noch eine Ebene drüber. Das geht ohne intellektuelle Umwege rein ins Herz." Gerade zu Beginn des Stücks sollen die Klänge dabei helfen, die Zuschauer aus ihrem Alltag herauszuholen.

Falsches Blut läuft aus

Plötzlich knallt es. Das Gewitter steht direkt über Kronach. Blitze durchbrechen die Wolken decke. Die Konzentration der Schauspieler lässt nach, vereinzelt schauen sie nach oben. Dann setzt der Regen ein. Laut trommelt er auf die Planen der Tribüne. Wellmann bricht die Probe ab. Sven Schenke hebt sich aus dem Rollstuhl und schiebt ihn schnell unters Dach. Die anderen Schauspieler retten sich auf die Tribüne.

Daniel Leistner, der Intendant der Festspiele, ist mittlerweile gekommen. Er hat eine überdimensionale Spritze dabei. Die Schauspieler finden sie gut, doch Leistner ist verärgert. "Es läuft ständig Flüssigkeit raus." Damit meint er das falsche Blut. Die Schauspieler diskutieren über die Spritze und einzelne Szenen. Keine Minute der Zwangspause bleibt ungenutzt.

Es sei sehr selten, dass die Proben wegen des Wetters unterbrochen werden müssen, erklärt Wellmann. Das Ensemble erzählt von einer Generalprobe, bei der es damals in Strömen geregnet hat. "Da mussten wir irgendwie durch. Die Hauptdarstellerin musste sich zwei Mal umziehen, weil ihre Kleidung einfach klatschnass war", sagt Heidemarie Wellmann. So sei das eben im Freilichttheater. Berufsrisiko. "Auf der Freilichtbühne gibt es nie das richtige Wetter", beschreibt Schauspielerin Melina Rost. Dieses Jahr probten sie im Wintermantel bei sieben Grad Celsius, nun schwitzen sie in tropischer Hitze.

Allmählich zieht das Gewitter weiter. Doch es tropft noch immer vom Himmel, als Sven Schenke seinen Rollstuhl holt und sich Heidemarie Wellmann auf eine Bank seitlich der Bühne setzt. Ihr Bein legt sie hoch, während der "eingebildete Kranke" im Rollstuhl Platz nimmt. Wellmann gibt das Kommando für die nächste Szene - und der Regen wird wieder stärker.