Alle 4 Sekunden erkrankt weltweit ein Mensch an Demenz. In Deutschland sind derzeit etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen. Bis 2050 rechnet man mit 3 Millionen Erkrankungen. Im Rahmen der Demenzwoche beleuchten wir das Thema von unterschiedlichen Seiten. Wir begleiten Pflegekräfte im Altenheim, sprechen mit Angehörigen, die ambulante Pflege leisten und werfen einen Blick auf die aktuelle Forschung.


Sie haben es getestet. Sie haben die Kleidungsstücke auf die Kommode im Schlafzimmer gelegt - Unterwäsche, Socken, Hose und Pullover. Dann haben sie sich verabschiedet. Wir gehen in die Kirche, haben sie gesagt. Als sie später zurückkamen, war die Mutter angezogen. Guck an, dachte Andrea Meister, es geht also doch auch alleine.

Andrea Meister ist 47 Jahre alt, lebt im Landkreis Kronach, gemeinsam mit ihrem Vater kümmert sie sich zu Hause um ihre Mutter, sie erzählt ihre Geschichte unter der Bedingung, anonym zu bleiben, sie heißt in Wirklichkeit anders, alle weiteren Fakten stimmen.


Die Zweifel einer Tochter

Andrea Meisters Mutter ist 83 Jahre alt, da wird bei ihr Demenz Stufe eins festgestellt. Heute, vier Jahre später, ist die Mutter in Phase drei und Andrea Meister mit ihren Nerven am Ende.

Es fing an mit Depressionen, irgendwann schimpfte die alte Dame nur noch über alles, dann kamen die Wortfindungsstörungen. Der Hausarzt schickte sie zum Neurologen, der diagnostizierte die Demenz.

Seitdem gibt es Tage, an denen Andrea Meister zweifelt. An sich selbst, ob sie das alles schafft und an ihrer Mutter, ob sie wirklich so krank ist, wie es den Anschein hat. "Wenn sie spazieren geht, findet sie den Weg zurück, aber wenn sie sich allein anziehen soll, schafft sie es angeblich nicht." Darum der Test.

Den "Überlebenstrieb", nennt es Christine Pfadenhauer, 46 Jahre alt, tätig im Leitungsteam der Sozialstation in Steinwiesen. "Wenn es hart auf hart kommt, können viele Patienten noch aus ihren letzten Reserven schöpfen." Oder sie verstellen sich. Wenn ihnen Namen nicht einfallen, suchen sie Synonyme, sagen "der Große", "die Kleine". Oft merken Außenstehende den Betroffenen die Krankheit darum gar nicht an, wenn sie nur kurz mit ihnen sprechen.

Das erste Mal, das Andrea Meister dachte, ihre Mutter hätte aufgegeben, war, als sie von der Arbeit nach Hause kam und ihre Mutter sie fragte: "Was machst du jetzt? Auch nix?" Meister antwortete: "Ich hab jetzt zwei Körbe Wäsche zu bügeln, du könntest eigentlich auch mal beim Bügeln helfen." Da sagte ihre Mutter: "Ich muss nichts mehr bügeln, ich hab schon genug gebügelt in meinem Leben."

Sie zweifelt, ob sie der Mutter nicht vielleicht zu viel abgenommen haben, ob sie konsequenter hätten sein müssen. "Es ist ein Teufelskreis. Wir wollen helfen, und am Ende machen wir vielleicht alles noch schlimmer."


Eine Gratwanderung

Wenn Meister von ihrem Halbtagsjob nach Hause kommt, macht sie für ihre Eltern die Wäsche, putzt, räumt auf, fährt mit ihrer Mutter zum Arzt, geht Einkaufen - 16 Stunden werden es wohl in der Woche sein. Ihr Vater kocht und seit die Mutter einmal ausgetrocknet in die Klinik eingeliefert wurde, weil sie das Trinken vergessen hatte, kontrolliert er sie. Einmal in der Woche kommt der ambulante Pflegedienst zum Duschen. Seit einiger Zeit geht die Mutter drei mal in der Woche in die Tagespflege. Der Vater war anfangs dagegen, dann wurde er selbst für kurze Zeit krank, da ging es nicht anders. Anfangs waren es zwei Tage. Irgendwann sei er gekommen und habe gemeint, vielleicht wären drei nicht schlecht.

Die Angehörigen, sagt Pfadenhauer, gehen oft bis über ihre Grenzen hinaus. Die Hemmschwelle, fremde Hilfe anzunehmen, sei oft groß. "Aber die Erfahrung zeigt, wenn die Hilfe einmal zugelassen wird, fällt auch recht schnell die Mauer."

In Nordhalben gibt es einen Angehörigenkreis, einmal im Monat können sich Betroffene austauschen. Pfadenhauer würde sich mehr solche Angebote für Angehörige wünschen. Von der Caritas gibt es einmalige Beratungsstunden für Betroffene, wenn sie ambulant pflegen, versuchen sie darauf zu achten, was man den Angehörigen abnehmen kann. Oft reicht das nicht.

Dreimal in der Woche wird die Mutter jetzt also morgens um neun zur Tagespflege abgeholt, sie bekommt dort Frühstück. Ihr Mann macht ihr trotzdem jeden Morgen was zu essen und einen Kaffee. Auch wenn ihn die Zeit von acht, wenn sie aufsteht, bis neun, oft an den Rand der Verzweiflung bringt. Sie fragt: "Wann kommt der Bus?", dann: "Kommt der Bus?" und dann nochmal: "Wann kommt der Bus?" und "Kommt der Bus wirklich?" So geht das eine Stunde lang. Dann ist sie weg und ihrem Mann ist langweilig. Bis um fünf, wenn der Bus seine Frau wieder bringt.

Manchmal schreit er seine Ehefrau an: "Jetzt hab' ich dir schon zehn Mal gesagt, dass heute Samstag ist." Seine Frau sieht ihn dann an und sagt: "Du wirst schon sehen, du wirst auch noch so wie ich." Andrea Meister schreit nie. Wenn es ihr zu viel wird, geht sie raus und macht die Tür zu. Dann zum Beispiel, wenn die Mutter wieder alle drei Minuten fragt, was sie jetzt machen könne. Wenn Andrea Meister dann sagt, abwaschen, schüttelt die Mutter den Kopf: "Nein, das kann ich nicht. Ich weiß doch nichts mehr", sagt sie. Und Meister denkt: "Wenn jemand dement ist, dann weiß er doch nicht, dass er nichts weiß."


Wenn mehr einfach nicht geht

Es ist das Tückische an der Krankheit, sagt Pfadenhauer, der Zustand könne sich quasi halbstündlich ändern. Was man eben noch wusste, ist ein paar Minuten später weg. Man wird Zeuge seines eigenen Verschwindens.
Man merkt, etwas stimmt nicht und kann doch nichts dagegen tun. Die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit schlägt nicht selten um in Aggression. Man braucht Sicherheit. Etwas, an das man sich halten kann. Etwas, das jeden Tag genau so eintritt. Man fragt dreimal in der Minute ob der Bus auch wirklich kommt.

Wenn immer mehr von einem Menschen verschwindet, bleiben als letztes die Eigenschaften zurück, die immer schon dominant waren. Andrea Meisters Mutter wollte schon immer gern, dass alles nach ihrer Pfeife tanze.
Langsam komme sie an ihre Grenzen, sagt Meister. Nicht körperlich - die Arbeit mache ihr nichts aus - es ist das Psychische, die ständigen Wiederholungen, die Unruhe, das Hibbelige. "Wenn sie leise wäre, es wäre alles halb so schlimm." Und dann ist da noch diese Angst, die manchmal kommt, wenn sie wieder einmal die Tür hinter sich zu gemacht hat. Die Angst, dass sie später einmal denken könnte, sie hätte mehr machen müssen. "Aber ich kann doch nicht mehr machen, als ich kann", sagt sie leise. Dann kommen ihr die Tränen.
Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.