Der Kronacher Maximilian Heinkele hat gerade sein Studium in Nürnberg aufgenommen. Seinen Lebensmittelpunkt - Familie, Freundin und Freunde - sieht er aber weiterhin in Kronach. Doch mit der Bahn oder zur Not auch mit dem Auto ist es heutzutage ja nur ein Rutscher bis nach Hause. Das dürfte sich allerdings bald ändern.
Auch wenn der Student erst einmal abwarten will, was passiert, wenn zeitgleich an der Bahntrasse und der Autobahn 73 gebaut wird, "bekomme ich da schon ein bisschen den Horror". Sehr kritisch verfolgt er die Planungen für das kommende Jahr. "Da muss man sich schon Gedanken machen, wie man heimkommt", sagt er und befürchtet gerade am Freitagabend ein Verkehrschaos.

Damit steht er sicher nicht alleine da. Auch die Transportunternehmen aus der Region und die Berufspendler in Richtung Bamberg oder ins Herz der Metropolregion Nürnberg müssen sich langsam Gedanken über das Jahr 2016 machen. Dann nämlich liegt der Zugverkehr zwischen Bamberg und Lichtenfels wegen der Fertigstellung der ICE-Strecke Nürnberg-Berlin lahm. Für acht Monate. Zeitgleich wird es dann mehrere Großbaustellen auf der A73 geben.


Bahnverkehr liegt auf Eis

34 Wochen lang wird der Bahnverkehr zwischen Bamberg und Lichtenfels völlig tot sein. "Von Frühjahr bis Herbst 2016 wird die Hauptstrecke wegen der notwendigen Bauarbeiten komplett gesperrt", berichtete unsere Zeitung bereits zu Jahresbeginn von den Planungen, dass die Bahn auf diesem Weg eine achtjährige Bauzeit "unter dem rollenden Rad" vermeiden möchte.

Diese Planungen für die Bahntrasse haben jedoch auch unmittelbare Auswirkungen auf die Straße. Und nicht nur dadurch könnte es parallel zu den Arbeiten an der ICE-Strecke auch auf der A73 zu Behinderungen kommen. "Von den Baumaßnahmen der Deutschen Bahn für den Ausbau der ICE-Strecke wird auch der Verkehr auf der A73 betroffen sein", bestätigt Edith Kolarik von der Pressestelle der Autobahndirektion Nordbayern. "Um die Querung der neuen Gleise mit der A73 herstellen zu können, wird zwischen Breitengüßbach-Nord und Zapfendorf im Jahr 2016 nur je ein Fahrstreifen pro Fahrtrichtung auf einer behelfsmäßigen Umfahrung zur Verfügung stehen." Voraussichtlich werden sich diese Bauarbeiten nahezu über das komplette Jahr 2016 erstrecken.

Eine weitere Baustelle wird für die Nachrüstung von Lärmschutzmaßnahmen zwischen Forchheim-Nord und Forchheim-Süd eingerichtet, wie Kolarik festhält. "Die Bauzeit hierfür beginnt Ende Februar und endet im November 2016. Während aller Bauphasen werden in diesem Falle aber grundsätzlich zwei Fahrstreifen je Fahrtrichtung aufrechterhalten."


Standstreifen als Fahrstreifen

Zwischen der Anschlussstelle Erlangen-Zentrum und der Anschlussstelle Baiersdorf/Forchheim-Süd ist ein weiteres Vorhaben bereits im Gange. Dort wird an der so genannten temporären Standstreifenfreigabe gearbeitet. Sprich: Die Standstreifen werden so hergerichtet, dass sie im Bedarfsfall als zusätzliche Fahrspur genutzt werden können. "In 2016 laufen hierzu die Arbeiten im Bereich zwischen der Anschlussstelle Erlangen-Zentrum und nördlich der Anschlussstelle Erlangen-Nord in Fahrtrichtung Bamberg", weist die Pressesprecherin auf den Baufortschritt hin.

In der zweiten Jahreshälfte müsse weiterhin auf einer Teilstrecke in diesem Bereich wegen Brückenbauarbeiten die Fahrbahn in Richtung Bamberg gesperrt werden, "so dass der Verkehr mit zwei Fahrstreifen in Fahrtrichtung Bamberg und zwei Fahrstreifen in Fahrtrichtung Nürnberg auf der Richtungsfahrbahn Nürnberg geführt werden muss". Während dieser Zeit könne die bestehende temporäre Standstreifen-Freigabe in Fahrtrichtung Nürnberg nicht aktiviert werden. Dieses für die Verkehrsführung schwierige Projekt sei zwischen den Baulastträgern und der Stadt Erlangen unter Berücksichtigung des laufenden Ausbaus der Bahnstrecke abgestimmt und nach Möglichkeit optimiert worden, betont Kolarik. "Allerdings besteht auf Grund zahlreicher Randbedingungen und Abhängigkeiten kein Spielraum für eine Verschiebung des Autobahnprojektes."


Stimmen von Betroffenen

Mit einem "wesentlichen Zeitverlust" rechnet Cordula Söllner wegen der diversen Verkehrs-Baumaßnahmen zwischen Kronach und Nürnberg im Jahr 2016. Sie leitet mit ihren Söhnen die heimische Spedition Söllner und weiß daher, dass Zeit in der Transportbranche Geld ist. Und Umwege fahren zu müssen, bedeutet eben, viel Zeit zu verlieren.

"Man muss seine Termine bei den Kunden einhalten. Schafft man das nicht, können Folgeladungen verloren gehen", schildert sie ein Problem, das für die Transportunternehmen in der Region aus der Baustellenflut in Ober- und Mittelfranken resultieren könnte. "Diese Situation wird schon negative Auswirkungen haben", ist sie überzeugt.

Chefredakteur Frank Förtsch (Reitsch) von der Mediengruppe Oberfranken hofft, mit einem blauen Auge davonzukommen, weil er auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz in Bamberg üblicherweise nicht in den Hauptberufsverkehr kommt. "Ich hoffe, dass ich nicht mit größeren Verzögerungen rechnen muss. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, muss man aber sehen." Ebenso ergehe es mehreren Kollegen, die aus Lichtenfels oder Coburg nach Bamberg pendelten. Ausweichen werde man dem Problem kaum können. "Schleichwege machen da wenig Sinn", vermutet Förtsch.



Kommentar von Marco Meißner

Eine Lebensader gekappt, eine angeritzt

Das Skalpell ist schon gezückt. Nur noch knapp zweieinhalb Monate, dann beginnt die große Operation. Dann wird eine der Lebensadern vom Kopf, dem Frankenwald, ins Herzstück des Freistaates durchtrennt. Dann rollen die Züge auf der Nord-Süd-Achse nur noch im großen Bogen um den Landkreis Kronach herum. Am Ende soll durch diese OP der Pulsschlag auf den deutschen Schienen erhöht werden. Doch für den Frankenwald droht erst einmal ein verkehrstechnischer Kollaps.

Dass zeitgleich noch an einer anderen Schlagader des Nord-Süd-Verkehrs, der A 73, mehrere Eingriffe erforderlich sind, macht die Sache nicht besser. Denn wenn die Bahnpendler auf die Straße ausweichen und dann auch noch die in den Medien genannten rund 100 Busse des Bahn-Ersatzverkehrs auftauchen, droht diese Verkehrsader zu verstopfen. Um das Leben im nördlichen Freistaat am Pulsieren zu halten, hätte es gut getan, den operativen Eingriff doch in die Länge zu strecken.

Von acht Jahren statt acht Monaten war in Bahnkreisen die Rede, falls man im laufenden Betrieb an die Arbeit gegangen wäre. Eine lange Zeit, in der alle ICE-Bahnreisenden mit dem Ist-Stand hätten leben müssen. Stattdessen bekommen die Passagiere der Bahn nun viel schneller freie Fahrt. Im Gegenzug bekommt der Frankenwald nach all den Demografie-Diskussionen schon wieder Kopfschmerzen.