Im Ausdauersport ist es ein beliebtes Ritual: Nach einem anstrengenden Rennen nimmt der erschöpfte Athlet erst einmal einen tiefen Schluck alkoholfreies Hefeweizen zu sich - der isotonischen Wirkung sei Dank. Norbert Gräbner (SPD) und Klaus Löffler (CSU) hatten bei der öffentlichen Gremiumssitzung der Kronacher IHK ebenfalls ein Ausdauerrennen zu bestreiten, wenn auch der verbalen Art.

Rund 90 Minuten lang stellten sich die beiden Landratskandidaten den Fragen von Unternehmern, Selbstständigen, Handwerkern und Freiberuflern aus dem Landkreis, die noch einmal genauer wissen wollten, wem sie am 25. September ihre Stimme geben sollen und zum Nachfolger von Oswald Marr machen. Zum Weizenbierglas griffen die "Kontrahenten" aber schon bevor der Fragen-Marathon von Moderator Thomas Auer anstand und prosteten sich noch einmal kamerafreundlich zu. Sport ist schließlich Sport. Politik ist Politik.

Wie schnell die großen Kommunalthemen das alltägliche Leben erreichen, demonstrierte gleich Hans Rebhan in seiner Begrüßungsansprache. "Wie zuletzt bei einer ähnlichen Veranstaltung in Bamberg wollten wir die Zuschauer zu bestimmten Themen in einer TED-Umfrage abstimmen lassen", erklärte der Vize-Präsident der IHK-Oberfranken. Aber eine Internetverbindung sei in der Schützenhalle nicht vorhanden gewesen. "Das sind Beispiele, die nicht sein dürfen. Das muss sich ändern."


Glasfasernetz als Standortvorteil

Eine Steilvorlage für die Kandidaten. "Der Landkreis hat seine Hausaufgaben in dieser Hinsicht gut gemacht", sagte Löffler überzeugt. "Breitband wird überall ausgebaut werden." Bei 50 Mbit/s dürfe es aber nicht bleiben. "Wenn die umgesetzt sind, muss es den nächsten Step geben und die 100 Mbit/s angegangen werden", so der Bürgermeister von Steinbach am Wald.

Sein Marktrodacher Amtskollege sieht dies ganz ähnlich. In dieser Hinsicht sei Marktrodach "lange Zeit Niemandsland" gewesen, doch über Förderprogramme sei es geschafft worden, dass 99 Prozent der Marktgemeinde abgedeckt sind. "Natürlich ist die Situation im Landkreis nicht überall gleich, daher muss es ein Konzept für den Gesamtlandkreis geben", sagte Gräbner. Sowohl der SPD- als auch der CSU-Kandidat sehen in einem funktionierenden Glasfasernetz einen wichtigen Standortvorteil.

Das gelte aber noch vielmehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, betonte Löffler: "Es geht nicht nur darum, wirtschaftspolitisch Weichen zu stellen, sondern auch darum, wie man sich für die Unternehmen im Landkreis einsetzt." Die bereits vorhandenen Netzwerke sollten für die Interessen der heimischen Wirtschaft eingesetzt werden. "Wir sind uns bewusst, Fachkräfte bekommen zu müssen und sind auf einem guten Weg", sagte Löffler. Das große Problem derzeit: Es helfe nichts, wenn der Mann von einem Jobangebot begeistert sei, die Frau sich dann aber die Umgebung anschaue und angesichts einer zu großen Entfernung zur nächsten Schule oder einem fehlenden Betreuungsangebot für Kinder weniger zufrieden ist. Um den Fachkräftemangel zu beheben, sei die Infrastruktur daher mindestens genauso entscheidend wie attraktive Angebote in den lokalen Unternehmen.


Eine Schule für den Norden

Norbert Gräbner sieht ebenfalls "mehrere Stellschrauben", an denen es zu drehen gelte: "Wir müssen daran arbeiten, dass jeder Schüler einen qualifizierten Schulabschluss hat und eine Lehre abschließen kann." Zudem schlägt er vor, Rückholfaktoren zu schaffen. "Denn es gibt den einen oder anderen, der doch zurück möchte. Da gilt es Kontakt zu halten, was wir unter anderem mit unseren Abiturienten in Marktrodach machen wollen", sagt der 59-jährige SPD-Politiker. Generell müsse es geschafft werden, den Zuzug zu aktivieren und den Wegzug im Gegenzug zu beschränken. Nur so könne das Demografie-Problem des Landkreises gelöst werden. Der Schulweg spiele dabei ebenso wie das Mobilitätskonzept eine entscheidende Rolle. Eine eigene Schule für den Norden des Landkreises hält er für unerlässlich - das gefühlt erste Thema des Abends, an dem sich beide Kandidaten nicht im Wesentlichen einig sind.

Denn während Gräbner weiterhin auf eine Gemeinschaftsschule pocht, lehnt Löffler ein solches Modell strikt ab. Die CSU stehe zwar für ein Schulangebot im Norden, nicht aber für eine Gemeinschaftsschule. "Weil die ganz einfach nicht umsetzbar ist", erklärte der 49-Jährige angesichts einer klaren Abfuhr seitens des Kultusministeriums. "Wir orientieren uns an politischen Realitäten." Seine Partei sei in Gesprächen mit dem Ministerium, wolle aber in erster Linie, dass die Schülerbeförderung gelöst ist. "Denn wenn wir das nicht schaffen, haben wir ein riesiges Problem", betont Löffler.

Zu einem solchen könnte auch die medizinische Versorgung werden. "Von den nackten Zahlen her ist die gegeben", sagt Gräbner. "Aber um neue Ärzte anzusiedeln, müssen wir alle mit ins Boot holen." Wen genau? "Unter anderem müssen wir der Kassenärztlichen Vereinigung klar machen, dass sie ihrer Versorgungspflicht nachkommt." Der Landkreis könne eventuell dadurch eingreifen, das Lucas-Cranach-Stipendium zu ergänzen. Wer zukünftig davon profitiert, soll weniger zurückzahlen müssen, sofern er sich im ländlichen Raum niederlässt. Klaus Löffel sieht mit der medizinischen Versorgung eine Herausforderung auf den Kreis zukommen. Mit dem MdL Jürgen Baumgärtner (CSU) diskutiere er gerade, eine Landarztquote zu installieren. Interessierte Abiturienten sollen dadurch schon mit einem Notendurchschnitt von 1,4 oder 1,5 Medizin studieren dürfen - wenn sie nach ihrem Abschluss aufs Land ziehen.


Kommentar: Harter Wahlkampf? Eher ziemlich beste Rivalen

Woran erinnert das nur? Wer am Montagabend im Schützenhaus die Diskussion der beiden Kandidaten für die Landratswahl im September verfolgte, dürfte rasch ein Déjà-vu gehabt haben. Parallelen an einen anderen Wahlkampf Ende Mai waren fast schon zu offensichtlich: Wie Jean-Claude Juncker und Martin Schulz, den beiden Kandidaten für die Europawahlen, fiel es auch Norbert Gräbner (SPD) und Klaus Löffler (CSU) schwer, sich inhaltlich vom Kontrahenten zu unterscheiden. Harter Wahlkampf? Nicht wirklich. Angelehnt an den französischen Film-Hit von "Ziemlich beste Freunden" zu sprechen, geht zwar sowohl bei Juncker/ Schulz als auch Gräbner/Löffler zu weit. "Ziemlich beste Rivalen" dürfte es aber dann doch treffen.

Ein Nachteil muss dies freilich nicht sein. Wer möchte schon zwei Streithähnen zuhören, die nach der Stimmabgabe kein Wort mehr miteinander wechseln können. Nicht gerade hilfreich. Denn dafür stehen in den kommenden vier Jahren zu viele wichtige Entscheidungen an. Dann doch lieber zwei Kontrahenten, die sich schätzen und bei vielen Themen eine ähnliche Meinung äußern. Dass sie sich in ihren Ansichten aber auch durchaus unterscheiden, haben beide im Wahlkampf bereits bewiesen. Wo war am Montag der Unterschied? Mehr im Auftritt: Löffler machte den Eindruck, sich genauer mit den Themen auseinandergesetzt zu haben und wusste öfter als Gräbner konkrete Beispiele zu nennen. ham