Am liebsten wären die zehn Männer und sechs Frauen sofort auf ein Floß gesprungen, so begeistert waren sie von den Bildern, die ihnen Bürgermeister Jens Korn und Verwaltungsleiter Frank Jakob von den Floßfahrten zeigten. Und das, obwohl die Kasachen, Kirgisen und Tadschiken in feinem Zwirn gekleidet waren. Der wäre völlig durchweicht worden. Zwei aus der Gruppe hätten auch mit einer Spritztour auf dem PS-starken Motorrad des Reporters vorlieb genommen und ließen sich gerne als Fahrer des "heißen Ofens" ablichten.

Die Gruppe war aber nicht aus Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan gekommen, um in Wallenfels zu flößen oder Motorrad zu fahren, sondern um sich über die kommunale Selbstverwaltung im Freistaat Bayern zu informieren, denn alle 16 sind Absolventen der Verwaltungs akademien ihrer Länder.


6000 Kilometer entfernt

Die Hanns-Seidel-Stiftung hat in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek den Sitz ihrer Vertretung in Zentralasien und lud die Gruppe zu einem einwöchigen Aufenthalt nach Oberfranken ein. Begleitet wurden die Absolventen von Dolmetscher Kanybek Sydykbekov, der als Projekt assistent der Stiftungsvertretung in Zentralasien tätig ist. Ihr deutscher Betreuer war Rüdiger Neubauer (aus Ludwigsstadt) von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Hof. Dort erhielten sie Informationen über die öffentliche Verwaltung in Bayern, die kommunale Selbstverwaltung und das Management in Behörden.

Im Wallenfelser Rathaus stand ein Blick in die Praxis auf dem Programm. Dabei erwiesen sich die Gäste, die zwischen 4800 und 6000 Kilometer von der Flößerstadt entfernt wohnen, als sehr diskussionsfreudig und wissbegierig. So konnten sie, zum Beispiel, nicht verstehen, dass die Wallenfelser Schule, die für 600 Schüler gebaut wurde, nur noch von 70 Grundschülern besucht wird. Man könnte doch die Kinder bis zur 12. Klasse dort unterbringen, meinten die Gäste. Das gehe auf Grund des Schulsystems leider nicht, bedauerte Bürgermeister Korn. Er beeindruckte die Gäste durch seine Ausführungen und Ausstrahlung derart, dass ihn eine Teilnehmerin hinsichtlich des Charismas mit John F. Kennedy verglich, was dem jungen Bürgermeister sichtlich schmeichelte, jedoch erhoffte er sich nicht Kennedys Schicksal.


Viele Einwohner verloren

Das neue Stadtoberhaupt, das seit fast 100 Tagen im Amt ist, gab einen Einblick in die Arbeit des Stadtrats und der Verwaltung. Die finanziellen Probleme schränkten die Handlungsfähigkeit der Stadt ein, die auf staatliche Hilfen angewiesen sei, berichtete der Bürgermeister. "Weil wir wenig Geld haben, müssen wir genau überlegen, was wir umsetzen wollen", stellte er die Prämisse heraus. In den vergangenen 40 Jahren habe die Flößerstadt ein Viertel ihrer Einwohnerzahl verloren, gab Korn einen Einblick in den demographischen Wandel. Da hakten die Kirgisen sofort nach: Warum kämen denn die Kinder der Weggezogenen nicht wieder zurück in die Heimat ihrer Eltern? Hätten sie denn keinen Patriotismus, fragten sie.


Eine Vorbildfunktion

Frank Jakob erläuterte anhand einer viel beachteten und bebilderten Powerpoint-Präsentation, wie die Verwaltung funktioniert und welche Aufgaben sie hat.

Cubanychber Bektaschev, Hauptexperte im kirgisischen Ministerpräsidentenamt (der Staatskanzlei vergleichbar), bedankte sich im Namen der Gruppe für die vielfältigen Informationen. "Ihre kommunale Selbstverwaltung gilt als Vorbild für uns, weil die Arbeit bürgerfreundlich ist!" Als besonders gut empfand er es, dass die Stadt den Tourismus und besonders die Flößerei unterstützt. Wallenfels wünschte er, dass die Stadt einen Aufschwung erlebe. "Uns beeindrucken Ihr Optimismus und Ihre Motivation, die Stadt zu entwickeln und der Stadt zu helfen", stellte Bektaschev heraus.