Von einem "Massenansturm" und einer "Wochenend-Besucherinvasion" war im November 1989 im FT die Rede. Gemeint waren die DDR-Bürger, die nach Jahrzehnten der deutschen Teilung in den Westen strömten. Auch die Kreisstadt Kronach empfing die Menschen aus dem Osten - und die Politiker hofften, viele von ihnen dauerhaft hier begrüßen zu dürfen. Vergebens. Positive Auswirkungen dieser Zeit erkennt der damalige Zweite Bürgermeister Heinz Hausmann (CSU) dennoch bis heute.

"An einem Freitagabend hat mich der Erste Bürgermeister, Herbert Schneider, angerufen", erinnert sich Hausmann. "Bist Du morgen da?", fragte das Stadtoberhaupt. Es habe einen Wink aus München gegeben, dass sich in der DDR etwas tun könnte.

"Wir hatten 40 Jahre mit der DDR gelebt, und es hatte sich nichts getan", beschreibt Hausmann, warum man im Kreis Kronach damals vom Mauerfall so überrascht wurde. "Plötzlich hat sich über Nacht die Welt verändert."
Positive Impulse hat sich die Politik dadurch auch für den Frankenwald erhofft. Die DDR-Bürger sind ja in Scharen gekommen. "Die Innenstadt war über Monate gesperrt", erinnert sich Hausmann an die Menschenmengen, die das Begrüßungsgeld abgeholt hätten. Dieses Geld sei erfreulicherweise in der Stadt geblieben. "Die haben die Märkte leergekauft", sagt der heutige CSU-Stadtrat mit einem Schmunzeln.

Die Stimmung sei beeindruckend gewesen. Die Gäste aus dem Osten Deutschlands seien in die Häuser eingeladen worden. Man habe sich wie Brüder und Schwestern gefühlt. "Es war eine Hilfsbereitschaft da - unbeschreiblich."

Was allerdings ausgeblieben sei, sei der dauerhafte Effekt. Die Welle der Menschen sei über die Stadt mehr oder weniger hinweggeschwappt, so Hausmann. Eine Ansiedlung von DDR-Bürgern habe es in Kronach nur in verhältnismäßig geringem Maß gegeben. Ein Einwohneranstieg sei daher nur in kleinem Rahmen und kurzfristig erreicht worden. Auch die "Sehnsucht mancher thüringer Randgemeinden", vielleicht nach Bayern wechseln zu können, habe sich am Ende zerschlagen. Allerdings gebe es heute noch viele Pendler - in die eine wie in die andere Richtung.


Vergangenheit nicht vergessen

Wenn die Diskussion um die Flüchtlinge heute tobt, würde Hausmann gerne Filme von 1989 herauskramen. Oder gar aus den 1940er und 1950er Jahren. "Viele meiner Schulkameraden waren Flüchtlinge oder Vertriebene", erinnert sich Hausmann an die Nachkriegszeit. "Die Stadt Kronach ist damals schlagartig um 2000 Einwohner gewachsen." Heute wäre es seiner Ansicht nach kaum vorstellbar, so viele Menschen in der Stadt auch nur unterzubringen, wie damals gekommen sind. "Hunderte Flüchtlinge haben auf der Festung gewohnt. In der Stadt wurden Baracken aufgebaut", erinnert er sich daran, dass es nicht genügend Wohnraum gegeben hat. Flüchtlinge seien seinerzeit sogar in Privathäuser einquartiert worden.

Doch so hart diese Zeit gewesen sei, habe sie doch Positives hervorgerufen. Sie habe das Wirtschaftswunder eingeläutet - und in Kronach den Einstieg in den sozialen Wohnungsbau.

Ein Interview: Frankenwald wird zur zweiten Heimat
Meine Mutter, Gerlinde Meißner, eine geborene Jahn, lebt schon seit Jahrzehnten in der Kreisstadt. Davor war sie in Unterrodach zu Hause. Ihre Kindheitstage verbrachte sie jedoch Hunderte Kilometer entfernt in Mähren. Durch die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie als Neunjährige mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern in den Frankenwald. Sie erinnert sich.

Wo bist Du aufgewachsen?
Gerlinde Meißner: Ich stamme aus Schönwald im Kreis Bärn. Dort hatte meine Familie einen Bauernhof. Als der Krieg zu Ende ging, kamen zunächst die Russen, danach die Tschechen. Die nahmen unser Haus in Beschlag. Später wurden wir für mehrere Monate in ein Lager gesteckt. Dann mussten wir unser Dorf verlassen und konnten nur etwa 50 Kilo von unserem Hab und Gut mitnehmen.

Wohin wurdest Du im Zuge der Vertreibung gebracht?
Zunächst in ein Sammellager, von dem ich heute nicht mehr genau sagen kann, wo es war. Wir sind in Viehwaggons dorthin transportiert worden. Die durften wir unterwegs nicht aufmachen, obwohl wir mit etlichen Menschen und ihrem Gepäck drin steckten. Ein Mann starb auf der Fahrt. Der wurde einfach neben die Gleise gelegt, dann wurde gleich weitergefahren - schlimm.

Wie kamst Du nach Franken?
Auf Lastwagen wurden wir - wie auch viele andere aus unserer Gegend - hergebracht. In Unterrodach wurden wir vor einem Haus ausgeladen. Unter Aufsicht wurden wir in die Wohnung geführt. Es war beklemmend. Die Bewohner mussten die Tür aufmachen. Sie wurden gefragt, ob alles geräumt ist, und das wurde auch kontrolliert. Wir bekamen zwei Zimmer. Dort haben wir auf Feldbetten geschlafen. Die Leute hatten ja selbst nichts. Meine Mutter hat später am Tag angeklopft und sich vorgestellt. Das hat das Eis schon etwas gebrochen. Sie hat den Leuten erklärt, dass wir ja selbst lieber zu Hause geblieben wären.

Wie wurdest Du aufgenommen?
Am Anfang waren die Menschen noch distanziert, wir waren ja Fremde. Das ist wie heute. Unser Glück war, dass wir deutsch sprechen konnten. So hat sich die Situation mit der Zeit entspannt. Und in der Nachbarschaft lebten Kinder. Da haben wir Kinder sofort Freundschaft geschlossen. Auch mit den Erwachsenen. In der Hinsicht haben wir uns leicht getan. Wir waren bloß froh, dass die Angst weg war. Da verstehe ich auch die heutigen Flüchtlinge. Wir waren einfach froh, dass wir endlich an einem Ort bleiben konnten. Unterrodach war damals wirklich mein Zuhause, weil wir uns so schnell eingefunden haben. Nur die Dialekte haben uns hier manchmal zu schaffen gemacht.