Sind das wirklich die Italiener? Schon wenige Sekunden nach dem Anpfiff dürften nicht nur die spanischen Nationalspieler ihre Zweifel gehabt haben, wer ihnen da im azurblauen Dress entgegenstürmt, als müssten nicht noch mindestens weitere 89 Minuten absolviert werden. Doch tatsächlich. Irrtum ausgeschlossen.

Mit der Laufleistung von Ausdauerspezialisten schickte die mit durchschnittlich 28,43 Jahren fünftälteste Mannschaft des Turniers den amtierenden Europameister im Achtelfinale vorzeitig auf die Heimreise. Auch zur großen Überraschung der eigenen Fans; egal, wo diese mitfieberten. Ob auf der Tribüne des Pariser Stade de France, beim Public Viewing in Rom - oder vor einem Tablet-PC in Kronach. "Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die zuletzt so gut gespielt haben. Da hat es richtig Spaß gemacht, zuzuschauen", freut sich Raimondo D'Amico auch noch einige Tage nach dem 2:0-Erfolg. "Ich hatte eigentlich gedacht, dass für uns gegen Spanien Schluss ist."

Im Oktober vergangenen Jahres eröffnete der 44-Jährige zusammen mit seiner namensgebenden Frau Francesca Demarco in Kronach das "Ristorante Francesca". Öffnungszeit: 17 Uhr. Für treue EM-Zuschauer ein recht ungünstiger Zeitpunkt. Doch sonderlich groß sei die Auswirkung der Europameisterschaft gar nicht gewesen, erklärt D'Amico: "Zwar ist es etwa ruhiger geworden, weil viele zu Hause bleiben oder zum Public Viewing gehen, aber sogar während den Deutschland-Spielen war es voll." Das Glück der Neu-Gastronome: Wer im Restaurant Platz nimmt, hat offenbar eher wenig Interesse an Fußball. "Die Schnittmenge ist gering, außerdem hatten wir auch viele Frauengruppen hier", sagt der Italiener.

Zu Beginn des Turniers habe er die Gäste gefragt, ob er einen Fernseher aufstellen soll. "Aber das wollten die gar nicht", erzählt der gelernte IT-Systemkaufmann. "Wir sind ein klassisches Restaurant, in dem man in ruhiger Atmosphäre sein Essen genießen können soll und keine Sportbar. Ein Fernseher würde da nur stören." Ihn selbst wohl eher weniger - weshalb das Restaurant daher nicht ganz ohne Fußball auskommt.


Sieben Jahre auf der Stiefelspitze

Auf einem kleinen, weißen Tablet-Computer, der neben der riesigen Espressomaschine fast verloren wirkt, verfolgt er die EM-Spiele per Live-Stream. "Nicht alle, nur die wichtigen", schränkt D'Amico ein. "Wenn es zeitlich gerade passt, werfe ich da immer mal wieder einen Blick drauf."

Am heutigen Samstag dürfte es wohl mehr als nur ein Blick werden, schließlich spielt seine "Squadra Azzurra" gegen Deutschland. Mal wieder. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Italien in den wichtigen Spielen gegen Deutschland immer gewonnen hat", erinnert der 44-Jährige an die acht direkten Aufeinandertreffen bei großen Turnieren - in denen das DFB-Team nie über ein Unentschieden hinauskam. So wie die Mannschaft von Joachim Löw gerade drauf sei, traue er ihr durchaus einen Sieg zu: "Ich würde mich auch für Deutschland freuen. Wenn sie besser sind, sollen sie gewinnen. Aber natürlich schlägt mein Herz mehr für Italien."

Zwar wurde D'Amico in Aschaffenburg geboren, zog aber kurze Zeit später mit seiner Familie nach Kalabrien. Sieben Jahre lebte er auf der Stiefelspitze der italienischen Halbinsel, saugte die Kultur und Lebensart auf. "Als mein Vater starb, sind wir dann zurück nach Deutschland", erzählt er. "Ich bin aber italienischer Staatsbürger." Anzuhören ist es ihm nicht. Einen italienischen Dialekt hat er ebenso wenig wie nach über 20 Jahren in Oberfranken einen fränkischen. Bei seiner Frau klingt die kalabrische Heimat dagegen noch in jedem Satz mit.

"Was hast du da aufgeschrieben", fragt die 38-jährige Köchin, nachdem ihr Mann auf Bitten des Reporters zu Stift und Zettel gegriffen hat. 2:1 ist darauf mit weißer Schrift auf schwarzem Grund zu lesen. "Aber für Deutschland, oder? Am Samstag scheiden wir doch aus", sagt sie und grinst.

Doch D'Amicos Tipp lässt angesichts eines deutlichen "Italia" darüber und einem gemalten Herzen darunter wenig Spielraum für Interpretationen. Na, schau'n mer mal...