Betreten verboten! Kronacher, die vergangenes Jahr von der Adolf-Kolping-Straße aus in die Innenstadt wollten, mussten sich plötzlich eine andere Route suchen. Ein rot-weiß gestreiftes Baustellen-Schild machte am 5. August die Abkürzung über den Eisernen Steg, der über die Haßlach zur Rosenau führt, für rund 24 Stunden unmöglich. Der Grund: Mitarbeiter des Bauhofs trugen erst Kleber auf, auf dem sie schließlich eine Schicht Quarzsand gleichmäßig verteilten. Denn der sorgt dafür, dass das Metall auch bei Regen nicht glatt wird - und die Gefahr auszurutschen in den Promillebereich sinkt.

Die gleiche Prozedur wiederholte sich wenig später auf dem Schwarzen Steg in der Nähe des Landesgartenschau-Geländes (LGS). Alles, um den Besuchern des Freischießens ihren An- und Abreiseweg so sicher und angenehm wie möglich zu gestalten.


Wasser in den Rillen

Rutschsicher ist die Kreisstadt damit freilich noch lange nicht. Heinrich Gehring, ehemaliger Leitender Baudirektor bei der Regierung von Oberfranken, beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Verkehrssicherheit in Kronach - und hat gleich einige Beispiele parat, wo Fußgänger oder Radfahrer schnell unfreiwillig von den Beinen geholt werden können.

Etwa auf den Holzoberflächen der Brücken auf dem LGS-Gelände. Die seien bei Nässe oft rutschig. "Besonders über den Wasserflächen", erklärte Gehring im Oktober 2015 in einem Bericht, den er an die Stadt schickte. In den Rillen des Belags stehe Wasser, das bei Minusgraden gefriere.

Ein positives Beispiel sei hingegen die überdachte Holzbrücke, die in Höhe der Lucas-Cranach-Grundschule über die Kronach führt. Sie sei so immer trocken und die Bohlen wegen des Quarzsandes zudem stets griffig.


Gang durch die Instanzen

Eine Eigenschaft, die er bei den quadratischen Gitterrosten, die auf dem Marienplatz die Bäume eingrenzen, vergeblich sucht. Zum Beispiel in Höhe der ehemaligen Confiserie Bauer.

Ein schmerzvolles Lied kann davon Gehrings Nachbar Wolfgang Schulz singen. Der 55-Jährige war auf dem Rückweg zu seinem Wagen, als er sich plötzlich auf dem nassen Boden wiederfand. Er verklagte die Stadt auf Schadenersatz, verlor aber in zwei Instanzen und plant nun vor den Bundesgerichtshof zu ziehen. "Ich bin damals nur auf die Spitze des Rosts getreten und schon bin ich ausgerutscht", erinnert sich der Kronacher. Es war der 13. Dezember 2014 - ein Datum, das er so schnell nicht vergessen wird.


Oberschenkelhalsbruch

Denn gerade einmal sechs Monate war es her, dass Schulz sich sein rechtes Hüftgelenk durch eine Endoprothese ersetzen ließ. Nach 20 Jahren sei er endlich wieder ohne Schmerzen gewesen. Gegen 9.30 Uhr war diese kurze schmerzfreie Periode mit dem Aufschlag auf den Boden beendet.

Einen Oberschenkelhalsbruch diagnostizierten die Ärzte im Krankenhaus schließlich. Betroffen war auch die Endoprothese. Eine neue musste eingesetzt werden. Die Folge: zehn Tage Krankenhaus, vier Wochen Reha, drei Monate Krankenstand und über 60 Stunden Physiotherapie.


Warnhinweise gefordert

Er meldete den Vorfall bei der Stadt. In der Hoffnung, dass etwas gegen den rutschigen Untergrund unternommen wird oder zumindest Warnhinweise aufgestellt werden. Doch anstelle einer Antwort habe er nur einen ablehnenden Bescheid der Versicherung der Stadt erhalten. "Es wird wohlwollend in Kauf genommen, dass man ausrutscht", ärgert er sich auch noch über zwei Jahre später.

Genauso wie über die Antwort, die Gehring von den Stadtwerken auf seine Expertise erhielt. "Bei den Gitterrosten ist uns bekannt, dass diese rutschig werden können - aber auch hier sehen wir derzeit keine Möglichkeit, irgendeine wirtschaftlich vertretbare Abhilfe zu schaffen", hieß im Oktober 2015 in der E-Mail.

Zu viel für Gehring, der nach Rücksprache mit seinem Anwalt Klage einreicht. Die wird vom zuständigen Richter im vergangenen Jahr allerdings abgewiesen. Auch von Fußgängern könne erwartet werden, dass sich diese den gegebenen Verhältnissen anpassen, heißt es in der Urteilsbegründung. Eine Verkehrssicherungspflicht seitens der Stadt erkannte das Gericht nicht. Darauf beruft sich auch Peter Maaß. "Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig. Es wird davon ausgegangen, dass in solchen Bereichen die eigene Aufmerksamkeit gefordert ist", fasst der Leiter der Stadtwerke das Urteil noch einmal in seinen Worten zusammen. Im Bereich des Marienplatzes gebe es ausreichend Ausweichmöglichkeiten.


Nicht so griffig

Er weist zudem darauf hin, dass die Gitterroste (offiziell Baumscheiben genannt) nicht dazu gedacht sind, um auf ihnen zu laufen. "Sie können drauftreten, aber dann mit besonderer Vorsicht." Ein Argument, das Schulz nicht wirklich nachvolziehen kann. "Jeder läuft über die Roste. Das hat doch nichts mit der Praxis zu tun", sagt er. Rutschig könne es übrigens nicht nur auf Baumscheiben werden, gibt Maaß allerdings zu bedenken. Auch auf Metall-Schächten der Telekom oder auf Gullideckeln werde es schnell rutschig. "Das ist systemimmanent. Bei manchen Witterungslagen sind manche Untergründe nicht so griffig", erklärt er. Beim Marienplatz gebe es gleich mehrere verschieden rauhe Untergründe.


"Man schiebt es ja auf sich"

Schulz' Forderung, Warnschilder aufzustellen, hält er für nicht umsetzbar. "Auch ein Kopfsteinpflaster kann bei Nässe rutschig werden. Sollen wir vor jedem Belag, vor jedem Gitterrost alle fünf Meter ein Schild anbringen?", fragt er rhetorisch. Eine Frage sei da dann auch, was leistbar sei. Ein Material wie Quarzsand auf die Roste aufzutragen, sei nicht möglich.

Doch Schulz ist nicht der einzige, dem die Baumscheiben zum Verhängnis wurden. "Ich bin vergangenen Sommer selbst auf einem Gitterrost am Marienplatz ausgerutscht", sagt Ulf Krause, Inhaber von Foto Dölling. "Ich bin mit der Fußkante aufgekommen und bin dann weggerutscht." Mit den Händen habe er sich noch auf dem Boden abfangen können. "Mir ist das schon etwas peinlich gewesen, man schiebt es ja auf sich."


Entscheidung in Karlsruhe

Besonders gefährlich sei es, wenn man längs zu den Stahlstreben laufe. "Wahrscheinlich gerade bei älteren Menschen", vermutet Krause. Er laufe seitdem entweder um die Roste herum oder betrete diese "ganz vorsichtig wie eine Eisfläche".

Bei der Unterführung des Stegs im LGS-Gelände wurde übrigens 2015 ein Schild angebracht, das Radfahrer dazu auffordert, abzusteigen. Freiwillig. Die Antwort auf die Frage, ob auch für alle Baumscheiben in Kronach ein solcher Hinweis angebracht werden muss, um nicht auf Schadenersatz verklagt werden zu können, gibt es nun in Karlsruhe.