Am zweiten Prozesstag um die acht Babyleichen in Wallenfels tauchte das Coburger Gericht am Mittwoch tiefer in das Umfeld der beiden Angeklagten ein. Andrea G. (45) ist des vierfachen Kindsmordes angeklagt, ihr Ehemann Johann G. (55) der Beihilfe dazu.

Der frühere Liebhaber der Angeklagten erinnerte sich daran, dass er mit ihr in einer Pension zusammen gewesen sei, als ein Fernsehbericht vom Leichenfund gelaufen sei. Dabei habe ihm die 45-Jährige gestanden, dass sich der Bericht um ihre Taten drehe. Danach habe sie auf dem Bettrand gesessen und vor sich hin gestarrt. "Komm, lass uns noch ein paar schöne Stunden verbringen", habe ihn die Frau später aufgefordert, noch Geld abzuheben. Anschließend wäre sie bereit, mit ihm zur Polizei zu fahren und sich zu stellen. Sie habe ihrem Liebhaber erklärt, dass sie die toten Kinder "da reingesteckt hat, damit sie bei ihr wären".

Das "ganz liebe Mädel" habe dem Liebhaber während ihrer Beziehung davon erzählt, dass ihr Ehemann sie mehrfach im Rausch "genommen" habe und dieser daher mit schuld daran sei, dass sie Kinder nicht habe austragen dürfen. Seit längerer Zeit habe sie jedoch keinen sexuellen Kontakt mehr zu Johann G. gehabt. Nur wegen ihrer Kinder sei sie noch mit ihrem Mann zusammen. Der Liebhaber selbst habe während seiner Beziehung regelmäßig ungeschützten Sexualkontakt mit Andrea G. gehabt.

Nach der Festnahme der Angeklagten habe er mit ihr nicht mehr weiter über den Vorfall in Wallenfels gesprochen. "Für mich war's grausam, aber es war vorbei", antwortete er dem Gericht darauf, ob er denn keine Fragen an die 45-Jährige gehabt habe.

Die ehemalige Ehefrau des Angeklagten berichtete, dass Johann G. einmal von einer Äußerung seiner jetzigen Frau im Rausch über eine heimliche Geburt gesprochen habe. Er habe ihr das wegen ihres Alkoholkonsums an diesem Abend jedoch nicht geglaubt. Die Zeugin selbst habe ihren Ex-Mann während ihrer Schwangerschaft als fürsorglichen Vater erlebt, der auch nach der Geburt liebevoll zu seinen Kindern gewesen sei. Ansonsten sei er eher ein ruhiger Typ gewesen, der Streit aus dem Weg gehen wollte. Er sei aber auch jemand gewesen, der gegenüber seinem Partner nicht sehr gefühlsbetont gewesen sei.

Nach dem Auszug seiner jetzigen Frau habe die Zeugin auch Einblick in die Wohnung von Johann G. bekommen. "Wie eine Messi-Wohnung" habe die Unordnung auf sie gewirkt. Ihr Ex-Mann habe erklärt, dass er aus Angst, seine Frau könnte mit den Kindern davonlaufen und wegen der drohenden finanziellen Folgen nicht eingeschritten sei. Die Angeklagte selbst habe sie als "mehr oder weniger unehrlichen Menschen" wahrgenommen. Wie der Rechtsanwalt von Andrea G., Till Wagler, herausarbeitete, beruhe viel vom schlechten Eindruck jedoch nicht auf eigenen Erfahrungen mit der Angeklagten, sondern nur aus Erzählungen Dritter.

Der Bruder des 55-jährigen Angeklagten konnte sich nicht erklären, dass niemand etwas von einer Schwangerschaft bei Andrea G. bemerkt hatte - auch er selbst nicht. "Das ist niemandem groß aufgefallen. Dabei hat sie sich ja nicht zurückgezogen", schilderte er seine Eindrücke. Seinem Bruder bescheinigte er ein ganz normales Wesen.

Die Mutter von Johann G. berief sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. "Es geht nicht mehr", sagte die sichtlich von den Geschehnissen belastete und gesundheitlich angeschlagene Seniorin. "Ich bin durch den Schock, ... ich kann keinen ganzen Satz mehr sprechen." Jedoch erlaubte sie die Verwendung ihrer früheren Aussage bei der Polizei.

Aus dem Bekanntenkreis des angeklagten Paares war immer wieder zu hören, dass es keine offensichtlichen Schwangerschaftsanzeichen bei der 45-Jährigen gegeben habe. Ihr wurde ein normales Auftreten im Vereinsleben bescheinigt. Sie habe in der Kneipe das eine oder andere Bier getrunken und sei ein fröhlicher Typ gewesen. Charakterlich ("sie war eher hart im Nehmen") habe sie aber auch Schattenseiten gezeigt; sie sei keine verlässliche Freundin gewesen und habe schon bei Kleinigkeiten eifersüchtig gegenüber ihrem Mann reagiert ("du wirst schon sehen, dann bin ich weg mit den Kindern"), meinte eine Zeugin.


Ein Polizeibeamter ging in der Gerichtsverhandlung auf die Aussagen von Andrea G. bei der Vernehmung nach der Festnahme ein.

Die Geburten will die Angeklagte meistens abends alleine in der Wohnung durchgeführt haben. Die Kinder hätten geschlafen, der Mann sei nicht zu Hause gewesen. Die Geburten der versteckten Babys haben den Ermittlungen zu Folge vermutlich von 2004 bis 2013 stattgefunden.

Die Babys seien meistens im Stehen geboren worden, die Nabelschnüre beim Sturz gerissen. Wie viele Kinder lebend geboren wurden, konnte die Angeklagte nicht mit Sicherheit sagen. Die atmenden Kinder habe sie mit Tüchern erstickt. Der Polizei habe sie dies als "Kurzschlussreaktion" geschildert, die sie bei weiteren Lebendgeburten wohl ebenfalls vorgenommen hätte. Dann habe sie die Kleinen verpackt und versteckt.

Die Angeklagte habe der Polizei erklärt, dass sie ihren Mann über die Jahre auf Kinderleichen im Haus angesprochen, er es aber ungläubig abgetan habe. Aus seiner polizeilichen Vernehmung ging hervor, dass sie 2014 einmal von einer Fehlgeburt gesprochen haben soll. Bei der Polizei habe Andrea G. bestritten, von ihrem Mann vergewaltigt worden zu sein, so der Beamte.

Ein anderer Beamter berichtete von der polizeilichen Vernehmung des Johann G. Der Angeklagte sei davon ausgegangen, dass seine Frau zunächst die Pille genommen habe und dann sterilisiert gewesen sei. Deshalb habe er mit keiner Schwangerschaft mehr gerechnet. Weitere Kinder habe er mit den Worten abgelehnt: "Ich bin doch kein Zuchtbulle." Seine Ehe sei zunächst schön gewesen, später unter anderem durch die finanziellen Probleme seiner Frau getrübt worden.