Der aufwendige Boden- und Treppenbelag ist aus grünem und weißem Marmor, die Fenster- und Türanlagen des Treppenhauses mit polierten goldenen Eloxal gerahmt: Das Treppenhaus ist das anspruchsvollste und repräsentativste Teil des einstigen Personalwohnheims des Kronacher Krankenhauses.

"Man sieht, dass der Landkreis Kronach sich das damals durchaus etwas kosten ließ. Aber auch dieser einstige Glanz veraltet wohl im Laufe von 50 Jahren beziehungsweise wird irgendwann nicht mehr geschätzt", bedauert Kreisheimatpfleger Robert Wachter, als er dem ehemaligen zweiten Personalwohnheim des früheren Kronacher Kreiskrankenhauses - jetzt Helios-Frankenwaldklinik - einen letzten Besuch abstattet.

Das Gebäude in der Friesener Straße wird derzeit dem Erdboden gleich gemacht. Der Bezirk Oberfranken will an dieser Stelle eine psychatrische Tagesklinik errichten.


Haus für die Fachmitarbeiter

"In Folge der Erweiterung des Kronacher Kreiskrankenhauses Anfang der 1960er Jahre mit einer Gesamtsumme von zwölf Millionen DM musste auch ein weiteres Personalwohnheim erstellt werden. Mit der Erweiterung sollten nämlich auch 80 neue Fachmitarbeiter eingestellt werden, die gut untergebracht werden wollten", weiß Wachter. Am 1. April 1965 wurde das Haus von Landrat Edgar Emmert nach einer Bauzeit von nur zehn Monaten seiner Bestimmung übergeben. Die Baukosten wurden mit über 1,2 Millionen DM angegeben.

Einziehen sollten die Schwestern und Schwesternschülerinnen der gleichzeitig gegründeten Schwesternschule sowie das medizinisch technische Personal und das Hauspersonal. Dafür standen 34 Einbett-, 16 Zweibett- sowie 7 Dreibettzimmer zur Verfügung. In jedem Stockwerk befand sich zudem ein Aufenthaltsraum und im Kellergeschoß noch ein Gymnastikraum. Die damaligen Presseberichte sprechen begeistert von den für damalige Verhältnisse modern und vorzüglich eingerichteten Zimmern und bezeichneten das Haus als "Schmuckkästchen des Landkreises".

In diesem Schmuckkästchen befindet sich von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - tatsächlich ein besonderer Schatz. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude noch zusätzlich mit sogenannter "Kunst am Bau" verschönert - so auch das Treppenhaus des Wohnheimes. Diese "Kunst am Bau" war damals staatlich verordnet. So musste ein bestimmter Prozentsatz der Baukosten dafür verwendet werden.


Keine Kunst am Bau mehr

"Leider sind wir diesbezüglich heute wieder etwas ärmer geworden, denn eine aktuelle "Kunst am Bau" kommt nicht mehr nach. Früher fand man sie bei fast jedem öffentlichen Gebäude wie an und in Schulen, Krankenhäusern oder Rathäusern - zumeist in Form von Mosaiken, Wandgemälden und Brunnen", erklärt Wachter. Diese seien mittlerweile häufig bedroht, da die Gebäude dieser Jahre jetzt vielfach saniert oder ganz abgerissen würden - so wie eben auch das Schwesternwohnheim. In jenem findet sich die "Kunst am Bau" in Form von Wandgemälden. Diese führte 1965 der Lichtenfelser Maler Hubert Weber aus - bekannt als "der Maler ohne Hände", da er im Krieg beide Arme verloren hatte.

Die Bemalung in dem Wohnheim ist in der sogenannten Enkaustik-Technik ausgeführt. Bei jener, auch als Wachsglättetechnik bekannten Malform, werden in Wachs gebundene Farbpigmente heiß auf den Maluntergrund aufgetragen beziehungsweise aufgespachtelt. Dadurch erhält die Oberfläche diesen leicht seidig glänzenden, wächsernen Schimmer. Die Malerei ist dadurch recht haltbar und pflegeleicht.

"Man sieht ja, dass die Treppenhauswände in den vergangenen 50 Jahren nie mehr gestrichen werden mussten, was auch noch weitere 50 Jahre problemlos so anhalten würde", ist sich der Kreisheimatpfleger sicher.


Kontrast zur Arbeit

Anders als viele andere Werke Webers überrascht im Personalwohnheim seine Malerei durch pastellige Farbtöne. "Überraschend ist auch die sehr heitere, unkomplizierte Bildwelt, die man mehr in einem Kindergarten oder einer Grundschule vermuten würde. Dies war aber wohl bewusst als Kontrast zur oftmals anstrengenden und belastenden Arbeit des Krankenhauspersonals eingesetzt worden", vermutet Wachter.

Verwundert zeigt er sich darüber, dass sich der Landkreis keine Gedanken über eine andere sinnvolle Nutzung des Gebäudes mit seiner wohl noch recht gut erhaltenen Bausubstanz gemacht habe. "Wir sollten uns Gedanken machen, wie man zukünftig mit solchen Hinterlassenschaften umgehen soll - und wie wertvoll oder nicht das eine oder andere Werk aus künstlerischen Gründen wäre. Gedanken sollte man sich auch machen, ob es ein Zeitdokument ist, das unsere Kulturgeschichte präsentiert, der man mehr Wertachtung entgegenbringen sollte", appelliert der Kreisheimatpfleger.

Einen jüngsten Fall der Nichtachtung solcher "Kunst am Bau" der Nachkriegszeit habe man aktuell beim 1967 eingeweihten Kreiskulturraum. Dort hat man die von Horst Böhm gestalteten Glasfenster der Hauptfront nicht mehr zur Wiederverwendung vorgesehen, obwohl dies recht einfach machbar gewesen wäre.



Webers "Kunst am Bau" im Landkreis Kronach

Hubert Weber wurde 1920 in Staffelstein geboren und verstarb 2013. Mit 21 Jahren rutschte er auf dem Weg an die russische Front zwischen zwei Waggons und wurde von einem Zug überrollt. Dadurch verlor er beide Arme. Der bedeutende Chirurg Prof. Ferdinand Sauerbruch, der an der Berliner Charité wirkte, operierte ihn mehrmals. Er gab ihm neue Bewegungsmöglichkeiten zurück mit für ihn eigens entwickelten Handprothesen. Er erkannte das künstlerische Talent Webers und förderte es. So startete Weber in eine erfolgreiche künstlerische Karriere. Alle seine in ganz Deutschland zu findenden Kunstwerke schuf er nur mit Handprothesen. Im Landkreis Kronach hat er in den 60ern ein großes Wandgemälde für die Berufsschule geschaffen und ebenso die Schule in Breitenloh mit Wandgemälden versehen. Auch stammt das Sgraffito der "Sparer-Familie" an der ehemaligen Sparkassenhauptstelle am Kronacher Bahnhof aus den 1950ern von ihm. Weiterhin schuf er in den 1960er Jahren die Betonglasfenster der Kirche St. Heinrich in Steinbach am Wald oder von St. Marien in Hirschfeld wie auch das Landkreis-Wappen am Kronacher Landratsamt. Am Kronacher Marienplatz - am Treppenaufgang vom Stadtpark hoch zur Stadtpfarrkirche schuf er 1990 die Bronzefigur von Johann Kaspar Zeuß.