Ob Wetteregel oder frühchristliche Märtyrerlegende: Fast jeder kann eine Beziehung zum Siebenschläfertag am 27. Juni herstellen. Auch ein putziges Nagetier gleichen Namens - als nächtlicher Poltergeist auf dem Dachboden oft gehört, aber selten gesehen - fällt vielen zu diesem Datum ein.

Der Forstbetrieb Rothenkirchen nimmt dies in einer Pressemitteilung zum Anlass, um auf einen scheuen Waldbewohner und nahen Verwandten des Siebenschläfers hinzuweisen: den weit weniger bekannten Gartenschläfer. Er ist der "Siebenschläfer des Frankenwaldes".

Nur in hohen Lagen anzutreffen

Wie Siebenschläfer und Haselmaus gehört der Gartenschläfer zur Familie der Bilche, früher auch "Schlafmäuse" genannt. Denn bei ihnen ist der gemeinsame Name Programm: Alle drei halten einen ausgiebigen Winterschlaf. Im Aussehen unterscheiden sie sich allerdings deutlich. Ist die Haselmaus einheitlich rotbraun und der Siebenschläfer grau gefärbt, kommt der Gartenschläfer wesentlich bunter daher. Vor allem seine schwarze Gesichtsmaske gibt ihm ein fast "verwegenes" Aussehen.

Auch der Lebensraum der Bilcharten zeigt deutliche Unterschiede. "Anders als sein Name vielleicht vermuten lässt, finden wir den Gartenschläfer nur in den höchsten Lagen des Staatswaldes ab 600 bis 700 Meter", so Forstbetriebsleiter Peter Hagemann. "Damit ist er so etwas wie eine Charakterart des Frankenwaldes." Der Siebenschläfer komme dagegen auf weit größerer Fläche in ganz Bayern vor und sei deshalb auch bekannter. "Unsere Förster sind stolz darauf, den heimlichen kleinen Gesellen in ihren Revieren zu wissen."

Kinderstube im Nistkasten

Revierleiter Christian Goldammer entdecke bei Tettau jedes Jahr Kinderstuben des Gartenschläfers in Nistkästen oder auf Jagdkanzeln. Max Heindl vom Forstrevier Ködel sei in diesem Frühjahr erstmals auf ein Vorkommen unweit der Talsperre gestoßen. Im Vorjahr hatte er als Naturschutzmaßnahme einen ehemaligen Schiefersteinbruch von beschattendem Aufwuchs befreien lassen. Hagemann: "Neben Früchten und Samen liebt der seltene Nager nämlich auch tierische Kost. Da bieten ihm gerade die strukturreichen Mischwälder des Frankenwaldes einen reich gedeckten Tisch."

Anders als ihr Name vermuten lässt, leben die Gartenschläfer hauptsächlich im Wald. In den letzten 30 Jahren hat sich ihr Verbreitungsgebiet in Europa halbiert und ist auf wenige, inselartig verstreute Bereiche zusammengeschrumpft. Einen derart dramatischen Rückgang gibt es bei keinem anderen europäischen Nagetier. Die Gründe für diese Entwicklung sind unbekannt.

In Deutschland finden die bedrohten Nager wichtige Rückzugsgebiete. Zum Beispiel in den Naturparken Fichtelgebirge und Frankenwald: Dort bieten ihnen alte Bäume Höhlen zur Aufzucht der Jungen. Eine vielfältige Bodenvegetation liefert Moose, Beeren, Würmer und Insekten für ihre Ernährung. Felsen und Blockhalden eignen sich zum Verstecken.

Um die fränkischen Gartenschläfer wirkungsvoll schützen zu können, finanziert die Bayerische Staatsregierung ein Projekt zur Erforschung ihrer Lebensbedingungen. Im Rahmen des "Aktionsprogramms Bayerische Artenvielfalt" wollen Biologen zunächst herausfinden, wie viele Gartenschläfer tatsächlich in den oberbayerischen Naturparken heimisch sind und wie ihr Lebensraum gestaltet sein muss, damit sie sich dort wohlfühlen.

Mit allerlei Tricks versuchen die Forscher den nachtaktiven Nagern auf die Schliche zu kommen: Spezielle Nistkästen sollen die scheuen Tiere anlocken. Kameras mit Selbstauslöser und Nachtsichtmodus schießen "Beweisfotos" von zufällig vorbeistreunenden Tieren. Weiter werden Röhren ausgelegt, die mit Klebeband präpariert sind. Wenn dort neugierige Tiere entlangstreichen, bleiben immer ein paar Haare haften, an denen sich Gartenschläfer oder andere Säuger identifizieren lassen.