Es gibt Lieder, die unweigerlich das Herz berühren. Als Laura Wetzler am Samstagabend in der Kronacher Synagoge mit glasklarer Stimme ihre Eigenkomposition "Flying" sang, da standen vielen Konzertbesuchern die Tränen in den Augen. Das Lied hat sie der Tante ihrer Partnerin gewidmet, die wegen ihres Widerstands gegen die Nazis mit gerade einmal 16 Jahren ihr Leben verlor. Gänsehaut-Potenzial beim Auftritt einer außergewöhnlichen Künstlerin an einem außergewöhnlichen Ort.


Kronacher Wurzeln


Warmer, herzlicher Applaus schlägt der Songpoetin entgegen, als sie in der sehr gut besuchten ehemaligen jüdischen Gebetsstätte nach vorne ans Mikro geht. Auf einer kleinen Bühne auf der Apsis steht Laura Wetzler, deren Urgroßvater von 1883 bis 1921 religiöser Leiter der jüdischen Gemeinde in Kronach war und in eben dieser Synagoge fast 40 Jahre lang als Kantor sang.

"Ich bin so glücklich, wieder einmal in Kronach zu sein. Ich bin das dritte Mal hier und es ist immer etwas ganz Besonderes für mich", sagt die liebenswürdige Sängerin, die auf ihre Kronacher Wurzeln einst bei der Suche nach ihren Vorfahren über eine Internetseite gestoßen ist.


Ungemein vielseitig


Sängerin, Musikerin, Songwriterin - die Schaffenskraft der in New York lebenden Künstlerin ist ungemein vielseitig. Auch in Kronach lässt die Liedermacherin, die sich selbst auf der Gitarre begleitet, eine sehr stimmig zusammengestellte Mischung aus weltlichen und religiösen Stücken erklingen. Lieder des Widerstands, des "Überlebens" und des Friedens, die vielleicht schon ihr Urgroßvater hier gesungen hat.

Die charismatische Interpretin, die bereits mit 15 Jahren zu singen begann, mit bekannten Künstlern auftritt und auch eigene CDS veröffentlicht, konzentriert sich dabei auf das Wesentliche: die Musik. Gesegnet mit einer samtig-weichen, aber zugleich kraftvollen Stimme öffnet sie mit ihrer freundlich-herzlichen Art die Herzen ihres Publikums. Es ist eine Stimme, die aus Tausenden sofort herauszuhören ist, stets authentisch, ehrlich und echt. Die Töne scheinen mit dem Gebäude eins zu werden - und das liegt sicherlich nicht nur an der hervorragenden Akustik. Ihre Lieder von Glaube, Hoffnung, Mut und Liebe sind in Worte gefasste Poesie, die die Seele der Zuhörer streicheln, gesungen mit Hingabe und Leidenschaft.


Wie eine alte Freundin


Das Konzert ist zudem für manche Überraschung gut, beispielsweise für die Offenheit, mit der sie - übersetzt von Ingrid Steinhäußer - aus ihrem Leben und ihrer Familiengeschichte erzählte. Man meint fast, einer alten Freundin zuzuhören. "Beim Gang durch Kronach denke ich daran, wie meine Urgroßeltern hier 38 Jahre lang hier gelebt haben. Sie waren so glücklich hier vor der Nazizeit. Mein Urgroßvater hätte andere Jobs finden können, aber er wollte hier bleiben", sagt sie ergriffen und fügt hinzu: "Ich verspüre große Dankbarkeit, dass ich hierher kommen konnte und dass wir hier heute alle beisammen sind."

Wie wichtig ihr eben dieses Zusammenkommen ist, verdeutlicht sie, als sie mit besorgter Mine über die derzeit schwierige Lage in den USA spricht: "Wir haben großen Kummer und viele Sorgen. Aber wir sind sehr aktiv. Wir singen Protestlieder und gehen auf Protestmärsche." Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie vorschlägt: "Wir tauschen einfach. Wir geben euch Trump und nehmen dafür eure Frau Dr. Merkel aus Deutschland."

Sie erzählt, dass auch ihr Vater Rudi Wetzler der Reichsbanner- Widerstandbewegung angehörte. "Er konnte nur rechtzeitig fliehen, weil einer seiner Schulfreunde Fahrer bei den Nazis war und ihn auf dem Autorücksitz ins Elsass schmuggelte. Er ist mein Held", sagt Laura Wetzler, die auch einige Eigenkompositionen aus ihrem großartigen neuen Album "Flying" erklingen lässt. Wie ein roter Faden ziehen sich Hoffnung und Zuversicht durch ihre Liedtexte und ihre Ausführungen - unglaublich gefühlvoll, unglaublich menschlich.


Losgelöst und verzaubert


Losgelöst, weltentrückt, verzaubert, so fühlt sich das Publikum. Den innig-ergreifenden Abschluss bildet das bekannte "We shall overcome", ein Protestlied, das eine wichtige Rolle in der US-Bürgerrechtsbewegung spielte. In den Refrain stimmen ihre Gäste gerne mit ein. Dann bedanken sie sich mit nicht enden wollendem Applaus für ein faszinierende s Konzert voller musikalischer Tiefe. Man könnte es auch Seele nennen.