Die jüngsten Unwetter riefen Erinnerungen wach an den Sturm "Kyrill" am 19. Januar 2007, der mit ungeheurer Zerstörungskraft über den Frankenwald fegte und Tausende von Fichten entwurzelte. Doch das Jahrhundert-Unwetter am 1. August 1958 stellte alles Bisherige in den Schatten. Nicht nur, dass durch den Orkan riesige Waldflächen verwüstet wurden, sondern vor allem die Gebäudeschäden waren beträchtlich. Selbst die Stromversorgung und der Fernsprechverkehr wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Als sich am Freitag, 1. August 1958, zwischen 21 und 22 Uhr der Himmel drohend verdunkelte, wurde unverkennbar, dass ein Unwetter aufkommen würde. So mancher mochte sich nach der hochsommerlichen Tageshitze eine "Erfrischung von oben" erhofft haben. Doch was sich da in relativ kurzer Zeit ereignete, das war eine Entfesselung der Elemente. Unablässig zuckten grelle Blitze auf und ein Sturm hob an, wie man ihn seit Jahrzehnten hierzulande nicht mehr erlebt hatte. Eine knappe halbe Stunde genügte, um weite Teile vor allem des nördlichen Kreisgebietes zu verwüsten.

Innerhalb weniger Minuten glich die Landschaft rund um den Rennsteig einem Schlachtfeld. So mancher glaubte an das Ende der Welt, so ein Augenzeuge. Quadratkilometerweise war der Wald beiderseits der Rennsteigstraße verwüstet. Als hätten Titanen ihre Wut ausgelassen, lagen Bäume kreuz und quer, über- und durcheinander. Die vom Rennsteig abzweigenden Straßen in Richtung Windheim Kehlbach waren durch geborstene Bäume ebenfalls total versperrt.

In der Nacht noch rückten die Männer von staatlichem Forst, Grenz-, Zoll- und Landpolizei, die Feuerwehren sowie freiwillige Helfer aus, um die wichtigsten Verkehrswege freizumachen. So konnten vor allem die Culemeyerfahrzeuge ihren Weg wieder zum Tettaugrund nehmen. Die bekannte "Rennsteigklause" in Kleintettau ist durch den Sturm ihres Daches beraubt worden. Ebenso wurde in der Glashütte Christian Hammerschmidt in Kleintettau ein 35 Meter hoher Schornstein umgelegt. Und in Windheim war der Aufbau eines Wohnhauses mit einem Dachstuhl versehen worden. Man feierte Richtfest, als der Sturm einsetzte. Doch das ganze Dach wurde eingeworfen.

Die Schneise der Vernichtung zog sich bis an die östliche Landkreisgrenze. So wurden auch rund um Nordhalben riesige Waldflächen niedergelegt. Die Bäume, die fast durchwegs in halber Höhe gebrochen und aufgesplittert waren, konnten größtenteils nur noch als Brennholz Verwendung finden. Auf über 500 000 Festmeter Holz belief sich im Frankenwald der Schaden. Und in Tschirn deckte der Sturm teilweise das Kirchendach ab. Aber auch in Reitsch verwüstete das Unwetter den Gemeindewald. Besonders litt Wilhelmsthal unter der Katastrophe. So entstand beträchtlicher Schaden an zwölf Wohnhäusern.


Schornstein umgefegt

Ganz schlimm wütete das Inferno in Gundelsdorf. In der Dampfziegelei "Marie" wurden ein 38 und ein 30 Meter hoher Schornstein umgelegt. Die Gesteinsmassen durchbrachen das Dach des Fabrikgebäudes. Der Brenner Ludwig Schwarz, der gerade Dienst hatte, konnte nur durch schnelle Flucht sein Leben retten. Gerade dort, wo er arbeitete, lagen wenig später viele Zentner Steine. "Ich hörte ein Krachen, die ganze Fabrik bebte", erzählte er. Der eine Schornstein war auf den Ofen gefallen, aus dem schon die Flammen schlugen. Die Feuerwehren Gundelsdorf und Kronach verhinderten durch rasches Eingreifen Schlimmeres.

Am Wohnhaus des Bahnvorstehers am Bahnhof Gundelsdorf wurde das ganze Dach weggerissen. Ein Bett fand sich später an einem Oberleitungsmast, 200 Meter vom Haus entfernt. Der sieben Meter lange schwere Fahrradständer flog über 100 Meter durch die Luft und wurde gegen eine starke Birke geschleudert, die durch die Wucht entwurzelte.

Schreckensszenen gab es auch in Rothenkirchen. Schausteller sowie der Zirkus "Heppenheimer" befanden sich zum bevorstehenden Schützenfest gerade im Aufbau. Die traurige Bilanz: Das große Bierzelt wurde abgedeckt, die Planen zerfetzt und vom Wind fortgetragen. Von den Wohnwagen wurden Dächer abgedeckt, eine Schießbude, in der Preise im Wert von etwa tausend Mark aufgebaut waren, glich nachher einem Trümmerhaufen. Und das große Zirkusstellzelt wurde vom Wind einfach fortgetragen und die Pferde suchten im Wald Schutz. Die Bundesbahn stellte dem Zirkus einstweilen Eisenbahnwaggons für die Unterbringung der Tiere zur Verfügung.
Aber auch in Teuschnitz und Wickendorf richtete der Sturm beträchtlichen Schaden an. An der Straße nach Reichenbach wurden ganze Waldstücke vernichtet. Hierbei wurden zwei Teuschnitzer Motorradfahrer verletzt, die auf der Fahrt zwischen die stürzenden Stämme gerieten und nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkamen.


Ein Orkan rast über Tettau

Aufschlussreich ist der Augenzeugenbericht von Ernst Langer.: "Am Freitag, 1. August 1958, rast in den späten Abendstunden ein schwerer Orkan, verbunden mit Gewitter und Wolkenbruch, über die Gemeinde Tettau. Die unterschiedlichen Berghöhen lassen den Kern des Orkans richtige Sprünge vollführen und wo er wieder aufprallt, wird der gesamte Waldbestand, werden Licht- und Telefonmasten wie Streichhölzer geknickt, Dächer abgetragen und zum Teil auch wie ein Segel über weite Strecken in die Luft gewirbelt und davongetragen.
Wie eine Rasur erscheint die Landschaft vor allem in den geschlossenen Waldabteilungen. Es sieht wie nach einem Erdbeben aus. Feuerwehr und alle Helfer haben die ganze Nacht zu tun, um alle Versorgungsleitungen wieder in Betrieb zu setzen, aufgerissene Straßen für den Verkehr in Stand zu setzen, Wasser aus den Kellerräumen zu pumpen.

Es sieht in den Morgenstunden wüst in Tettau aus. Noch in der Katastrophennacht beschließt der Marktgemeinderat, den am meisten von der Katastrophe Betroffenen mit 1000 Mark zu helfen.

Es dauerte viele Tage", so notierte Ernst Langer, "bis die Aufräumungsarbeiten soweit fortgeschritten waren, dass das Leben wieder normal verlaufen konnte."