Noch einmal schlafen, dann ist es so weit. Zum 50. Mal werden die Besten der Besten im American Football beim Superbowl ihren Champion ermitteln. Und zum grob geschätzt 15. Mal werde ich bis in die frühen Morgenstunden vor dem Bildschirm ausharren. In Aqua und Weiß, den Farben meines Lieblingsteams. Allerdings werde ich weit und breit wohl wieder der einzige sein, der die Fahnen der seit langem erfolglosen Miami Dolphins hochhält. Den Ton auf dem Rasen geben diesmal die Carolina Panthers und die Denver Broncos an. Und trotzdem würde ich dieses Spiel um nichts auf der Welt verpassen wollen.

Mein Herzblut gehört dem Kampfsport und dem Laufen; Basketball, Volleyball und natürlich Fußball durften's hobbymäßig zwischendurch auch gerne mal sein. Und sogar ins Baseball habe ich reingeschnuppert. Vielleicht hat das auch mein ohnehin vorhandenes Faible für den US-Sport noch verstärkt.


Sport als Ereignis

Bei den Amerikanern wird Sport nicht getrieben, sondern zelebriert. Da heißt es für die Zuschauer nicht: 90 Minuten dem Geschehen auf dem Platz folgen, austrinken und gut ist's. Schon Stunden vorher beginnt die Show; das Rahmenprogramm ist fast so wichtig wie das Spiel selbst. Auf den Rängen geht es locker, auf dem Platz knallhart zu. In den Mannschaften sind nämlich unheimlich viele Typen zu finden. Leute, die hierzulande gerne als (oft herbeigesehnte) Führungsspieler bezeichnet werden, als Identifikationsfiguren oder auch als "böse Buben". Eben Typen, die dafür sorgen, dass es nicht nur ein Spiel ist.


Ein Spektakel

Der Inbegriff des US-Sports ist jedoch American Football, das mit seinem Superbowl zum Ende der Saison ein weltweites Megaspektakel ist. Hunderte Millionen schauen zu. Fünf Millionen Dollar für 30 Werbesekunden ist es Firmen wert, bei diesem Medienereignis auf den Bildschirmen vertreten zu sein. Superstars reißen sich darum, als "Pausenfüller" singen zu dürfen. Und dank der inzwischen an die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe vergebenen Rechte kann ich auch ohne Bezahlfernsehen in Deutschland mittendrin sein.

Was macht aber den Reiz des Spiels aus, ganz abseits des Spektakels? Football ist pure Strategie. Die Spielzüge dauern nur Sekunden, doch trotz der permanenten Unterbrechungen schaltet man als Fan ebenso wenig ab wie die Spieler. Das dritte Down, es fehlen noch zwei Yards. Ein Laufspielzug, um die kurze Distanz zu überwinden? Ein langer Pass, der Risiko birgt, aber den Gegner vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt? Oder geht der Quarterback gar selbst und läuft Gefahr, sich einen harten Block einzufangen? Und klappt es nicht, puntet man den Ball oder spielt man das vierte Down auf volles Risiko doch aus? Das Mitfiebern vor dem Spielzug ist mindestens genauso spannend wie das Beobachten der nachfolgenden Aktionen - und das Fachsimpeln, wenn das Manöver wie am Schnürchen gelaufen oder doch voll danebengegangen ist.

Fachsimpeln ist in dieser Hinsicht ein sehr gutes Stichwort. Die deutsche TV-Übertragung ist in diesem Jahr etwas ganz Besonderes und sicher nicht jedermanns Sache. Mancher Neuling wird sich zurechtfinden müssen, wenn über unmögliche Ideen wie einen "Fake-Interception-Fumble-Recover" geflachst wird. Anderen werden die Scherze a la Werner Hansch zu albern sein. Da wird dann schon mal über den Einfluss des "großen Gasförmigen" aufs Spiel philosophiert oder geraten, dem lange in der Luft hängenden Ball eine Scheibe Brot hinterherzuwerfen, damit er nicht verhungert. Aber das alles ist stimmig und passt zum Nationalsport der Amis wie die Faust aufs Auge.


Die Hoffnung bleibt

Bleiben noch die Teams. Wer soll's denn nun reißen? Mister "O-ma-ha", Quarterback-Legende Peyton Manning (Denver), der seine Spielzüge stets mit diesem unverkennbaren Ausruf einleitet? Oder doch lieber sein ebenso extrovertierter wie sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Getümmel schmeißender Gegenüber, Cam Newton (Carolina)?

An der Stelle gibt's ein klares Votum von mir. Manning hat schon seinen Siegerring. Das Defensivspiel Denvers ist zwar genial, aber auch ebenso unspektakulär anzusehen. Carolina hat hingegen überragendes Offensivspiel gezeigt und die ganze Saison über begeistert. Und einem jungen, (nur auf dem Platz) durchgeknallten Typen wie Newton kann ich eigentlich nur den Erfolg wünschen.


Alte Football-Weisheit

Der Haken ist aber eine alte Football-Weisheit, die besagt: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften. Da bleibt mir nur ein fragender Blick auf mein Miami-Trikot. Seine Farbe ähnelt ein wenig dem Türkis der Panthers. Hoffentlich trage ich am Montagmorgen also nicht gleich für zwei erfolglose Teams Trauer ...