"Kommt rein! Ihr seid ja pünktlicher als die Eisenbahn", schallt es aus dem Badezimmer als die Pflegekraft gegen 9 Uhr durch eine Terrassentür die Wohnung in Pressig betritt. Das kleine Zimmer sieht aufgeräumt aus, die Tageszeitung liegt akkurat und noch ungelesen auf dem Schreibtisch. Da betritt Karl-Otto Böhling den Raum, gestützt auf seinen Rollator. An seiner Wohnzimmerwand hängt ein Bild von seinem Sohn, der nach Amerika ausgewandert ist. "Der ist schon seit 13 Jahren tot. Lag eines Tages einfach tot auf der Couch", sagt der 77-Jährige. Böhlings Frau ist ebenfalls bereits vor 25 Jahren verstorben.

"Ich bin jetzt ein Einzelkämpfer", sagt Böhling stolz. Trotzdem braucht er Hilfe im Alltag. Das Bücken klappt nicht mehr so gut. Schuhe anziehen, Hosen anziehen, etwas vom Boden aufheben - das fällt ihm schwer. Deshalb wird er ambulant betreut von den Pflegekräften des Arbeiter-Samariter-Bunds Pressig-Rothenkirchen (ASB), heute ist das die Pflegedienstleiterin Jennifer Hertel. Sie wäscht ihn und gibt ihm Spritzen, denn er ist Zuckerkrank. Viermal am Tag muss das gemacht werden.


Lähmung, Bypass, Rollstuhl

Selbst schafft er das nicht mehr. Die rechte Körperseite kann er seit seinem Schlaganfall 1987 nicht mehr so gut bewegen. "Danach war ich halbseitig gelähmt", erzählt Böhling. Auch das Sprechen klappte erstmal nicht so gut. In der Zeit danach blieb er ebenfalls nicht vom Schicksal verschont: Er bekam einen dreifachen Bypass und saß anderthalb Jahre im Rollstuhl.

"Seit meinem Schlaganfall kämpfe ich", sagt er entschlossen. Immer wieder hat er sich aufgerafft. Er trainiert zum Beispiel jeden Tag seine Arme mit Hanteln. Und so schmeißt Böhling seinen Haushalt heute selbst, inklusive Kochen. Sogar sein Auto kann er seit einem halben Jahr wieder fahren. "Ich lasse mich nicht hängen", sagt Böhling.

Das Krankenhaus bleibt ihm aber trotzdem nicht erspart. Einmal im Jahr landet er immer wieder dort. "Das ist immer mein Urlaub", scherzt er. Und ohne die Hilfe vom ambulanten Pflegedienst ginge es nicht.

Seine Nachbarn müssen immer unterschiedlich arbeiten und können ihn daher nicht unterstützen. "Außerdem muss ja in der Spritze auch die richtige Menge drin sein. Das ist nicht so einfach", erklärt er. Deshalb ist er froh über den Besuch vom ASB, der bei ihm nach dem Rechten sieht.

Immer einen Schlüssel dabei

Dann ist der Besuch auch schon wieder vorbei. Jennifer Hertel muss zur nächsten Patientin nach Stockheim. Schnell noch die Hände desinfizieren und weiterfahren. Diesmal muss sie klingeln. Normalerweise hat sie einen Schlüssel für die Wohnung dabei, falls es im Haus einen Notfall gibt.

Es dauert ein bisschen, bis Maria Zimmermann die Tür öffnet und ihren Besuch ins Wohnzimmer führt. Dort liegt Kater Moritz am Boden neben seinem Kratzbaum. "Ich bin so froh, dass ich ihn habe. Sonst wäre ich ganz allein im Haus", sagt Zimmermann.

Ihr Sohn leidet an Multipler Sklerose (MS) und ist selbst pflegebedürftig. Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist etwas schwierig und ihre drei noch lebenden Geschwister wohnen etwas verstreut. Ihr Mann war früher auch ein Pflegefall bevor er starb. Schon damals kam der Kontakt zum ASB zustande: "Da sind wir ja in Stockheim gut versorgt", meint sie.

Eigentlich wollte die gebürtige Hollfelderin gar nicht nach Stockheim ziehen. Aber sie und ihr Mann haben dann dessen Elternhaus geerbt, in dem sie bis heute wohnt. "Ich bin froh, dass ich daheim bleiben kann", sagt die 88-Jährige. Sie hat auch über betreutes Wohnen nachgedacht und sich einige Häuser angeschaut. "Aber das war nicht das, was ich mir erhofft hatte", sagt sie. Teilweise war es ihr auch einfach zu teuer.


Im Wohnheim zu langweilig

Dabei schafft sie vieles alleine. Putzen, Kochen und den Garten etwa. Auch zum Frisör geht sie selbst. "Im Wohnheim wäre es mir vielleicht auch zu langweilig geworden", scherzt sie.

Dennoch braucht sie die Hilfe der Pflegekräfte, denn der Rücken macht nicht mehr ganz mit, nachdem zwei Lendenwirbel gebrochen sind und sie operiert wurde. Dafür hat Zimmermann auch einen Bauchgurt, der ihren Rücken stützt. Auch wenn sie diesen in letzter Zeit immer wieder mal vergessen hat. Hertel stimmt ihr mahnend zu. Morgens und Abends kommt jemand vorbei und hilft ihr beim Ankleiden, denn ihre Kompressionsstrümpfe kann sie selbst nicht mehr anziehen. Auch beim Waschen braucht sie Unterstützung. Immer ein Teil des Körpers pro Tag - mal ein Fußbad, dann den Oberkörper.

Wenn sie mal Zeit hat, nimmt sie die Stricknadel in die Hand oder macht Ausflüge mit dem Seniorenkreis. Früher hat sie noch ihren Mann und sogar ihre Schwiegermutter gepflegt. "Aber jetzt, wo ich mal jemanden brauche, habe ich niemanden", sagt sie.


Ambulante Pflege in Zahlen

Rund 2,6 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Davon werden etwa 1,8 Millionen zu Hause betreut (Stand 2013).

320.000 Pflegekräfte arbeiten im ambulanten Pflegediensten. Dabei verdienen sie im Schnitt 2252 Euro brutto pro Monat (Stand 2013).

Im Landkreis Kronach gibt es 20 ambulante Pflegedienste. Elf davon werden von privaten Trägern geführt.

Vorschau In der kommenden Woche widmen wir uns Themen rund um den Bereich Gesundheit. Es geht ebenso um Sport im Alter wie um Demenz.

Quellen: Statistisches Bundesamt, Landratsamt Kronach