Die Diskussion um den Neubau oder die Erweiterung des Regenüberlaufbeckens (RÜB) sorgte in Nordhalben für Turbulenzen. Nun kommt Bewegung in die Sache. Bürgermeister Michael Pöhnlein (FW) zeigt im Interview seine Sicht der Dinge auf.

Die anvisierte RÜB-Größe ist inzwischen bei 220 Kubikmetern angekommen. Start war bei 890 Kubikmetern. Wie lässt sich eine dermaßen hohe Reduzierung erklären?
Als vor circa vier Jahren die ersten Pläne für einen RÜB-Neubau im Gemeinderat vorgestellt wurden, hat man folgende Behauptungen präsentiert: Aktuelle Einwohnerzahl Nordhalben 2400, jährliche erwartete Steigerung um acht Prozent - etwa 192 Einwohner pro Jahr! Im gesamten Ortsgebiet von Nordhalben sei auf Grund der Bodenstruktur angeblich keine Versickerung von Regenwasser möglich. Das vorhandene Regenüberlaufbecken sei in einem schlechten baulichen Zustand, nur ein Provisorium und kein offizielles Regenüberlaufbecken.
Die äußerst wichtige Kanalsanierung - zur Reduzierung von Fremdwasser im Kanal - war erst als zweiter Schritt nach einem RÜB-Neubau vorgesehen, nicht als erster Schritt. Die Menge des Fremdwasseranteils im Kanal hat jedoch Auswirkung auf die Größe des RÜB. Je mehr Fremdwasser im Kanal, desto größer wird das RÜB.

Der 1. September war nach einigen Verschiebungen der Stichtag für das Einreichen der Planunterlagen. Konnten diese dem Landratsamt pünktlich vorgelegt werden?
Der 1. September 2015 war Stichtag für die Beantragung zur Erlaubnis der Mischwasserbehandlung auf den bestehenden Anlagen. Diesen Punkt haben wir selbstverständlich erfüllt.

Das RÜB soll statt eines Neubaus erweitert werden. Was bedeutet das hinsichtlich des Kostenpunktes, und wie zeitnah ließe sich eine solche Erweiterung realisieren?
Es wird deutlich günstiger. Beim RÜB-Neubau hätte zum Beispiel das erst 20 Jahre alte RÜB abgerissen und entsorgt werden müssen. Nach den aktuellen Planungen können wir das Außenbecken des RÜB, wenn nötig, zeitnah erweitern.

Ihr Amtsvorgänger Josef Daum hatte im Mai in einem FT-Artikel behauptet, er habe es geschafft, die benötigte Größe des Regenüberlaufbeckens von 800 auf 380 Kubikmeter zu reduzieren. Was hat es damit auf sich?
Seit der ersten Vorstellung im Gemeinderat haben wir, der NohA-Arbeitskreis "Alternativen zum RÜB-Neubau" mit Ratsmitglied Gerhard Schneider an der Spitze, gegen diese irrsinnige Planung und für Alternativen gekämpft. Das war nicht einfach, kam der Widerstand doch vor allem aus dem Rathaus. Wir hatten schon damals, auf Anregung unseres Landrates Oswald Marr, zu mehreren "Runden Tischen" eingeladen, um gemeinsam mit der Gemeinde alternative, kostengünstigere Lösungen zu erarbeiten. Leider wurde dieses Angebot vom Rathaus seinerzeit nicht angenommen. Gerhard Schneider und der Bayerische Kommunale Prüfungsverband haben die Berechnungen immer wieder kritisch unter die Lupe genommen, und deshalb wurde das Volumen kleiner.
Im Übrigen gibt es deutschlandweit ein Umdenken bei diesem Thema: Zum einem sind solche großen Bauten in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs auf dem Land nicht mehr zeitgemäß. Wir haben alle Hände voll zu tun, die bestehenden Abwasseranlagen zu erhalten. Zum anderen soll Regenwasser zukünftig wieder natürliche Wege gehen und nicht mit Schmutzwasser vermischt werden. Veröffentlichungen unter anderem des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz zum Thema "Regenwasserbehandlung" bestätigen unsere Vorgehensweise.
Es herrscht Einigkeit, dass Wasser, das nicht gereinigt werden muss, von der Kläranlage möglichst fernzuhalten ist. Diese Vorgehensweise senkt die Betriebskosten und erhöht gleichzeitig die Reinigungsleistung der Kläranlage. Wir bedanken uns besonders bei unserem Landrat Oswald Marr, der uns großartig unterstützt hat.

Wie zufrieden sind Sie als Bürgermeister persönlich mit dem aktuellen Sachstand beim RÜB?
Wir liegen im Plan, und ich bin damit zufrieden.

Bis zum 15. Oktober sollen dem Landratsamt Berechnungen der exakten Einzugsgebiete vorgelegt werden. Kann der Termin eingehalten werden?
Der Termin kann eingehalten werden. Für die Berechnung haben wir unsere Fachleute. Es geht darum, festzulegen, welche Flächen sind oder werden zukünftig vom Kanal abgekoppelt und welche bleiben am Kanal, auch zukünftig.

Welche Schritte kommen neben dieser Berechnung in den kommenden Monaten auf die Gemeinde zu?
Wir machen soeben eine Ausschreibung für die Kamerabefahrung des gesamten Ortsnetzes. Die ist turnusgemäß 2016. Hier werden wir dann den aktuellen Zustand der Kanäle erfahren. Für große Kanalsanierungsmaßnahmen, zum Beispiel einen Kanalneubau, brauchen wir allerdings finanzielle Unterstützung. Daueraufgaben sind die nächtlichen, optischen Kontrollen auf Fremdwasser in den Schächten und im Kanal. Dabei sichtbare Schäden werden sofort repariert. Das Abkoppeln beziehungsweise Entsiegeln von Flächen, wird dort, wo es möglich ist, weiter fortgeführt. Die Sanierung unseres Trinkwassernetzes ist eine weitere wichtige Aufgabe, denn wir mussten unter anderem feststellen, dass ein nicht geringer Teil unseres Trinkwasserverlustes in den Abwasserkanal gelangt. Das heißt, die Bürger bezahlen zweimal das Wasser, obwohl es niemand verwendet hat.




Das sagt das Wasserwirtschaftsamt

Josef Stenglein vom Wasserwirtschaftsamt Kronach bestätigte auf unsere Anfrage, dass die Marktgemeinde Nordhalben die Frist am 1. September eingehalten hat und daher für ein Jahr die Erlaubnis zur Mischwasserbehandlung bekommt. "Sie ist mit strengen Auflagen verbunden", fügt er an, dass diese Genehmigung kein Freifahrtschein ist.

Was nun kommt, ist seinen Worten nach das Ermitteln konkreter Werte für den maximalen Zufluss zur Kläranlage. Hierfür liegen bisher noch keine Zahlen vor. Dafür müssen die unterschiedlichen Flächen eingerechnet werden, ähnlich wie es auch bei einer Privatperson zu Hause ist. "Dachfläche, Grünfläche, Gefälle - dafür gibt es unterschiedliche Werte. Die muss man alle berücksichtigen", spricht er die komplizierte Berechnung der so genannten Abflussbeiwerte an. Diese Datengrundlage sei sehr wichtig für das weitere Vorgehen, weshalb die Zahlen genau passen müssten, so Stenglein.

Dass man in Nordhalben eine Lösung für das Regenüberlaufbecken finde, sei schon aus Sicht des Gewässerschutzes dringlich. Dabei werde die Gemeinde sicherlich auch Wünsche äußern, ist Stenglein überzeugt. Doch letztlich gebe die rechtliche Grundlage vor, was am Ende passieren werde. "Wir leben in Bayern - da gibt es feste Vorgaben", betont der Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes. "Man kann mal etwas schieben, aber nicht auf Dauer."