Der dicke Amigo hat eine gut zwanzig Zentimeter lange Narbe am Hals. Er hatte sich an einem Zaun verletzt, eigentlich keine große Wunde, der Besitzer wollte ihn damals dennoch einschläfern lassen. Da haben Peter und Christine Bügler ihn gekauft.

Heute steht Amigo, braun-weißes Fell und blonder Schweif, mit seinen sieben Pony-Genossen auf einer gut 100 Quadratmeter großen Koppel an einem flachen Hang hinter dem Schützenplatz und steckt seinen Kopf in eine Tränke.

Peter und Christine Bügler haben das Ponygeschäft vor 25 Jahren von seinem Vater übernommen. Auf dem Kronacher Freischießen sind sie zum zweiten Mal. Zwischen Riesenrad und Geisterbahn bauen sie ihre kleine Manege auf. Anfang des Jahres schien dieser Platz kurzzeitig ins Wanken zu geraten.


Eine Petition mit Folgen

Charly Wittig ist der Platzwart des Schützenfests und immer noch ein wenig verstimmt. Als im März dieses Jahres eine Frau in einer Online-Petition gefordert hatte, das Ponyreiten abzuschaffen, hätte er sich gewünscht, sie wäre erstmal auf ihn zugekommen. "Man hätte doch über alles reden können", sagt er. Ponyreiten sei, so kurzgefasst der Inhalt der Petition, Tierquälerei. Besonders beklagt wurde, dass es keine Koppel für die Tiere gebe, die kleine Rasenfläche hinter der Manege sei nicht ausreichend. Das sah auch Charly Wittig so: "Eine Koppel war mir auch ein Anliegen". Jetzt gibt es eine.


Reiterhof statt Ponyreiten

"Wenn uns die Gelegenheit gegeben wird, sind die Pferde immer draußen", sagt Christine Bügler. Bügler ist 44 Jahre alt, trägt Micky-Maus-Shirt zu Jeansshort und steht am Rand der Koppel, als sie sich umdreht und antwortet: "Ob ich die Tiere liebe? Wie meine eigenen Kinder." Fünf Mädchen haben die Büglers. "Erst bekommen die Tiere zu fressen, dann wir", sagt sie, lacht und steigt zwischen den gespannten Zaunwinden hindurch auf die Koppel.

"Bei uns werden die Tiere alt", sagt sie. Das jüngste Pony ist vier, das Älteste 22 Jahre alt. In altersgemäßem Fell, grau-weiß, steht es am anderen Ende der Koppel, etwas kleiner als alle anderen. In der Manege kommt es nur noch selten zum Einsatz. In ein paar Jahren wird es mitsamt Schutzbrief auf einen Gnadenhof gebracht und Büglers werden ihn noch ab und an besuchen.

Katrin Meserth ist stellvertretende Leiterin des Kronacher Tierheims und hat die Petition damals unterstütz. Wie Maschinen, sagt sie, trotteten die Ponys ihr ganzes Leben im Kreis vor sich hin - den Kopf am Hinterteil des Vordermanns. "Ich finde das furchtbar." Abgestumpft würden die Pferde. Natürlich, sagt sie, könne man auf einem Pony reiten. Aber sie würde sich wünschen, wenn die Eltern ihre Kinder dazu auf einen Reiterhof brächten. "Da lernen die Kinder auch das ganze drum herum, das Putzen, das Pflegen."


Lebensversicherung für Anhänger

Die Kritik mache einen traurig, sagt Christine Bügler. "Weil's nicht der Wahrheit entspricht." Kürzlich haben sie einen neuen Pferdebox-Anhänger gekauft. Das Dach ist isoliert, die Boxen sind geräumig, die Tränke an der Wand wir mit Wasser aus einem Schlauch befüllt. An der Tür hängt ein frischer Sack mit Heu, in eine Ecke streut Bügler alte Semmel.

Für die Tiere, sagt Christine Bügler, "würde ich alles machen - da steckt mein ganzes Herzblut drin". Und mittlerweile auch ein Teil ihrer Versicherungen: der neue Anhänger hat Büglers die Lebensversicherung gekostet.
Die Tiere sind geimpft, regelmäßig kommt ein Hufschmied, vor jeder Veranstaltung prüft das Veterinäramt die Haltung und den Zustand der Tiere.

Rund sieben Veranstaltungen haben die Büglers im Jahr, den Rest der Zeit haben die Tiere frei und Peter Bügler fährt Touren mit dem Lkw. "Viele denken, die Tiere sind rund um die Uhr im Einsatz, das stimmt einfach nicht", sagt Peter Bügler. Nach dem Freischießen haben die Tiere zehn Tage frei, bevor es auf das nächste Fest geht, sagt Peter Bügler.

Schwarze Schafe gebe es sicher auch im Pony-Business, sagt Bügler, aber die gebe es schließlich überall. Bügler hat eine Gegenpetiton auf Facebook gestartet: Für den Erhalt des Ponyreitens. Er postet dort Fotos von den Tieren im Stall, bei der Pflege, wenn etwas lustiges passiert.


Ein Kampf ums Überleben

Er klappt die Smartphonehülle zu und sagt: "Die Leute sollen uns nicht die Existenz kaputt machen." Die Leute würden im Kreis laufende Ponys sehen, aber "dass davon eine Familie ernährt wird", sagt Peter Bügler, "dass sehen sie nicht". Manche, sagt er, forderten sogar die Tiere einschläfern zu lassen, nur damit sie nicht mehr laufen müssen.

Hubert Schmittnägel ist seit 34 Jahren Tierarzt in Kronach und kann mit der ganzen Kritik am Ponyreiten nicht viel anfangen. Die Tierhaltung, sagt er, werde zu sehr vermenschlicht. Für Menschen wäre es schlimm, stundenlang im Kreis zu trotten. "Ein Pferd ist ein Bewegungstier". Die Bewegung dürfe nur nicht immer in eine Richtung führen. Eine Koppel hält auch Schmittnägel für unerlässlich.

Sicher, sagt er, für das Pferd sei es nicht das Nonplusultra, auf 30 Quadratmetern im Kreis zu traben. Aber so hätten die Tiere immer noch mehr Bewegung und Kontakt zu Menschen, als beispielsweise die Pferde der Freizeitreiter, die nur am Wochenende mal geritten würden und sonst die meiste Zeit in der Box stünden. Dass die Tiere abstumpfen sieht Schmittnägel nicht. Schließlich biete so ein Fest genügend Eindrücke von außen.
Natürlich stünde bei den Haltern der Tiere das monetäre Interesse im Vordergrund, aber ein krankes Tier wäre dem Geschäft nicht gerade förderlich. Daher stehe es auch im Interesse der Halter, die Tiere zu hegen und zu pflegen, sagt Schmittnägel.

Zwischen zwei und vier Stunden laufen die Tiere pro Schicht, bei über 33 Grad machen die Büglers die Manege gar nicht auf. Dann stellen sie Plüschponys in das Streu und hängen ein Schild davor: "Die Ponys haben hitzefrei."

Manche, sagt Christine Bügler, denken, wir hätten so ein Zelt, da stünden die Tiere dann bei 40 Grad die ganze Zeit drin. Bis um zehn werden die Tiere abends auf der Koppel stehen. Morgens um sieben werden sie hochgebracht. Zwischen drei und acht würden sie dann wohl in der Manege laufen, sagt Peter Bügler und hält die Zaunwinden auseinander, seine Frau steigt durch. "Peter, mach den Strom drauf", sagt sie und geht den Hang hinunter.

Es seien auch schon Leute gekommen, sagt Christine Bügler noch, die hätten sich beschwert, dass sie trächtige Stuten laufen lassen. "Aber wir haben nur Hengste", sagt sie und ihr Mann tätschelt den Bauch vom dicken Amigo: "Denen geht's halt gut bei uns."