Die wichtigste Währung der Welt? Zeit! Zugegeben: Börsenmakler dürften das wohl etwas anders sehen. Für wahlweise vom Tag oder den eigenen Kindern ermattete Eltern gilt es aber sicher umso mehr. Auch Tatjana Hentschel würde wahrscheinlich liebend gerne die Währung wechseln. "Momentan fährt Julian bei Bekannten mit. Da habe ich gemerkt, wie angenehm das ist, nicht ständig hin- und herfahren zu müssen", sagt die 36-Jährige.


Aus dem Rhythmus gebracht

Zwar dauere die Fahrt von Neuengrün, wo sie seit zehn Jahren mit ihrem Mann lebt, zum Kindergarten des Bildungszentrums (BIZ) in Wallenfels nur zehn Minuten, doch ehe ihr vierjähriger Sohn Julian angezogen sei, sich verabschiedet habe und im Auto sitze, dauere es dann doch etwas länger. Pro Tag sei man da schnell bei einer Stunde, erzählt Hentschel. Zeit, die fehlt - denn arbeiten muss sie schließlich auch noch. "Zum Glück habe ich es nicht weit und kann meine sieben Monate alte Tochter Milena mitnehmen", sagt die 36-Jährige. Dort könne der jüngste Familienzuwachs zwar in Ruhe schlafen, werde aber aus dem Rhythmus gebracht, wenn es zwei Stunden später soweit ist, Julian aus dem Kindergarten abzuholen.

Zwei Fahrten stehen jeden Tag an. Eine um 8 Uhr, die Abholrunde vier Stunden später. Weil auch andere Eltern mit der permanenten Fahrerei unzufrieden sind, haben sie eine Art Fahrgemeinschaft für ihren Nachwuchs gegründet. Denn für neun von elf Kindern der Kindergartengruppe gehe es schon zur Mittagszeit wieder nach Hause. Hentschels Idee: Warum nicht einen Kindergartenbus für die Stadtteile anschaffen? Dachte es und postete die Frage auf der Facebook-Seite des Wallenfelser Bürgermeisters Jens Korn (CSU) - der Gesprächsbereitschaft signalisiert. "Ich werde im November die Elternbeiräte des BIZ zu einem Gespräch einladen. Dabei können wir die Idee gerne mal besprechen", schrieb er zurück, erinnerte aber daran, dass dafür nicht nur die Betreuung, sondern auch die Frage der Finanzierung geklärt werden müsse.

Der Gesprächstermin mit den Elternbeiräten der vier Einrichtungen des Bildungszentrums sei aber schon unabhängig von der Anfrage angedacht gewesen, erzählt Korn. "Mit denen wollte ich mich zusammensetzen, um zu sehen, wo es Probleme gibt und was gemacht werden muss." Inzwischen ist mit dem kommenden Donnerstag auch ein Termin gefunden. Hauptinhalt seien zwar andere Themen des BIZ, aber die Beförderungsfrage könne dort auch diskutiert werden. "Ich kann mir vorstellen, dass eine Bedarfsanfrage bei den Kindergärten gemacht wird", sagt Korn, der von einer relativ kniffligen Situation spricht. Denn das Problem habe verschiedene Ebenen.


Beispiel aus der Nachbarschaft

Etwa die der Finanzierung. "Es gibt für Kommunen keine Beförderungspflicht, das heißt: auch keine Zuschüsse", erklärt er. Damit handele es sich um eine freiwillige Leistung. "Und da tun wir uns gerade etwas schwer mit." Der Grund: Die Stadt sei von der Rechtsaufsicht dazu angehalten, freiwillige Leistungen eben nicht einzugehen. "Wir müssen einfach mal diskutieren, ob es flächendeckenden Bedarf gibt und wie wir es finanzieren können", sagt der Wallenfelser Bürgermeister.

Nur wenige Kilometer weiter südwestlich wurde diese Frage längst geklärt - vor fast 20 Jahren. "Wir freuen uns, dass wir uns damals für einen Kindergartenbus entschieden haben", erzählt Korns Marktrodacher Amtskollege Norbert Gräbner (SPD). "Der wird sehr gut angenommen. Die Eltern freuen sich und die Kinder haben sich schnell daran gewöhnt."

Vergangenes Jahr schaffte der Markt bereits den dritten Bus mit Platz für acht Personen an, der die Ortsteile mit dem Kindergarten verbindet. "Der erste wurde über Werbung finanziert, der zweite durch Spenden Marktrodacher Unternehmen und der dritte schließlich aus eigener Tasche", zählt Gräbner auf. "Weil wir die Firmen nicht nochmal belasten wollten."

Zehn Euro kostet die Eltern derzeit die Fahrt von einer Sammelstelle in den Ortsteilen bis zur Einrichtung. "Wir haben dafür eine qualifizierte Kraft eingestellt, die die Kinder fährt", sagt Gräbner. Kostendeckend sei das Modell durch den für die Eltern gedeckelten Betrag zwar nicht, doch der Markt fahre gut damit. Laut Korn erkundige sich Wallenfels derzeit bei Nachbargemeinden, wie diese das Thema gelöst haben.


Nicht abschreckend

Von den monatlichen Kosten würde sich Tatjana Hentschel nicht abschrecken lassen. "Ein Auto kostet ja schließlich auch", argumentiert sie. Denn neben dem Faktor Zeit spiele auch der Faktor Geld eine wichtige Rolle. "Wir fahren am Tag zirka 40 Kilometer, im Monat also 800. Das wären rund 100 Euro an Fahrtkosten", rechnet die 36-Jährige vor. Es müsse doch finanziell möglich sein, ein solches Vorhaben zu realisieren. "In anderen Gemeinden klappt das doch schließlich auch", meint Tatjana Hentschel.

Sollte der Kindergartenbus in Wallenfels nicht machbar sein, werde die Fahrgemeinschaft unter den Eltern definitiv intensiviert, betont sie. Statt zehn Fahrten pro Woche stünden für sie so nur vier bis fünf an.