Der dunkle Bühnenraum wird nur durch ein Kreuz aus Leuchtkacheln auf dem Boden erhellt. Auf ihm liegt, wie gekreuzigt, ein junger Mann, der sich dann wie von Krämpfen geschüttelt darauf herumwälzt. Nicht nur die Nerven, der ganze Körper ist zum Zerreißen gespannt. Die fahlen Töne eines Streichinstruments und rhytmisches Pochen scheinen direkt aus Kopf und Körper dieser leidenden Gestalt zu kommen.
Die höchst originelle Bühnenmusik auf Percussion-Instrumenten von Anno Kesting gehört wie ein vierter Schauspieler zur Inszenierung: sie unterstreicht das Geschehen, spielt sich aber nie plakativ in den Vordergrund.


Wie eine Tanzperformance

John von Düffels Theaterstück "Martinus Luther - Anfang und Ende eines Mythos" beginnt wie eine moderne Tanzperformance. Sebastian Gerasch gibt den jungen Luther von Anfang an intensiv und körperbetont. In der Haut des Protagonisten möchte man nicht stecken. In seinem verzweifelten Monolog kommen die Dämonen und Ängste zu Wort, die den jungen Mann heimsuchen und denen er sich sein ganzes Leben lang stellen wird. Das große Kreuz auf dem schräg aufgestellten Bühnenboden ist Kulisse und Symbol nicht nur für den christlichen Glauben und die Kirche, sondern auch dafür, wie es war, Martin Luther zu sein. Der Mann trug zeitlebens sozusagen ein Doppelkreuz.
Im Stück hat der junge Luther gerade seinen Magister abgeschlossen, sein Vater hat für ihn eine bürgerliche Karriere als Jurist und gut verheirateten Ehemann vorgesehen. Doch sein Sohn hat in einer Gewitternacht ein Erweckungserlebnis, von Todesangst gepeinigt legt er ein Gelübde ab, er wolle Mönch werden. Dies führt zum Bruch mit dem Vater und damit dem 4. Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren". In der heutigen Zeit sind dieser innere Zwiespalt und der unerhörte Mut, sich gegen das Elternhaus aufzulehnen, so gar nicht mehr nachvollziehbar. Gerasch gelingt es mit seiner Darstellung dennoch, die Nöte sichtbar zu machen. Dabei hilft ihm die vom Autor entwickelte Sprache, die eine Anlehnung an das damals übliche Frühmittelhochdeutsch ist.


Raus aus dem "Alltagssprech"

Wie Regisseur Thomas Luft erläutert, soll die Sprache die Zuschauer aus ihrem "Alltagssprech" herausholen. Man muss sich erst einhören, aber die damit verbundene Konzentration auf den Text sowie das monochrom reduzierte Bühnenbild sorgen dafür, dass man sich auf diese Reise ins Innerste des Menschen Luthers einlassen kann, von dem man so viel zu wissen glaubt.
Der Teil im Leben und Wirken Luthers, den alle kennen, kommt im Stück so gut wie gar nicht vor.
Im ersten Teil erlebt man also die Entwicklung des jungen Luthers vom Studenten zum Mönch zum Reformator. Dabei werden Wiederholungen in der Biografie deutlich: die Auflehnung gegen höhere Autoritäten läuft wie ein roter Faden durch sein Leben. Erst ist es der Vater, dann sein Mentor, der Generalvikar Johann von Staupitz und natürlich der Papst selbst, der für ihn sogar den Antichristen verkörpert. Luther kämpft und ringt, mit der Kirche, dem Teufel, den Frauen, er zweifelt und sucht, entscheidet sich und stellt wieder in Frage.
Die Mühsal eines solchen Lebens ist dem alten Luther im zweiten Teil daher anzusehen. Er ist krank, erschöpft, verbittert: mit Mitte Vierzig hat er Katharina von Bora geheiratet, eine entlaufene Nonne. Mit ihr hat er sechs Kinder, von denen vier überlebt haben. Es ist keine Liebesheirat, aber sie erdet ihn und regelt seinen Alltag. Anja Klawun zeigt sie als lebensechte und resolute Frau, die sich nicht umsonst den Namen "Herr Käthe" erworben hat.
Während Luther in seiner Jugend gefastet und sich kasteit hat, kehrt sich das im Alter um. Thomas Kügel, im ersten Akt der Vater und Generalvikar von Staupitz, schlüpft nun in die Rolle des alten Luthers. Er spielt ihn maßlos in Essen und Trinken, aber auch Reden und Denken. Ungebremst wettert er wider Juden und Türken, fast meinte man, es wären gar keine 500 Jahre vergangen.


Ein Spiegel für die einzelnen Rollen

Sebastian Gerasch als junger Student im zweiten Teil dient als Spiegel für die einzelnen Rollen des alten Luthers: ihm zeigt er sich als sorgender Vater, Ehemann mit Alltagssorgen, als streitbarer Theologe aber auch bereits als die geschichtliche Person, die er einmal sein wird. Zeitlebens sehnt sich Luther nach einem gnädigen Gott und als Zuschauer hofft man, dass der Tod ihm den Frieden gebracht hat, den er nach einem harten Leben mehr als verdient hat.
Beim Publikum kam das Stück gut an. Einige Stimmen waren zu vernehmen, dass man sich über den Mut freue, Luther derart ungeschminkt zu zeigen, "und das in Kronach". Dabei zahlt es sich doch immer wieder aus, das Publikum für voll zu nehmen: auch nach diesem Theaterabend wird niemand die theologischen und kulturwissenschaftlichen Errungenschaften von Martin Luther in Zweifel ziehen, nur weil dieser auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Die freie Theaterproduktion Theaterlust überzeugte schon mehrfach in Kreiskulturring-Aufführungen, zuletzt mit der Päpstin und der Wanderhure. Auf weitere Produktionen dürfen sich die Zuschauer hoffentlich freuen.