Tino Wetzig sitzt am Computer und klickt sich durch die digitale Akte eines Betrügers, der versucht hat, online seine Identität zu verschleiern. Doch der Kriminalhauptkommissar ist ihm auf die Schliche gekommen. "Jetzt haben wir ihn", freut sich Wetzig.

Viele Kriminelle sind im Internet unterwegs, fast jede Straftat gibt es auch im Cyberspace. "Das Internet zieht sich im Prinzip durch alle Delikts-Fälle", sagt Bernd Rebhan, der Direktor der Kriminalpolizeiinspektion Coburg. Rebhan, der kürzlich zum Bürgermeister von Küps gewählt wurde, kennt die lange Liste der Internetstraftaten: Kinderpornographie, Erpressung, Betrug, Rauschgifthandel oder politisch motivierte Straftaten sind Fälle, mit denen die Coburger Kommissare im Internet bereits zu tun hatten.


Cybercops in Coburg

Nach den Gewalttaten in Würzburg, München und Ansbach im vergangenen Jahr hat die bayerische Staatsregierung ein neues Sicherheitskonzept beschlossen. Ein Aspekt: Die Polizei soll intensiver Internet- und Cyberkriminalität bekämpfen. Dafür gibt es ab 1. März bei der Kripo Coburg ein eigenes Kommissariat. Tino Wetzig wird die Einheit aus drei Polizeibeamten und zwei "Cybercops" leiten.

Das sind externe Fachkräfte, die ein abgeschlossenes IT-Studium haben und ein Jahr lang zu sogenannten Internetpolizisten umgeschult werden. Sie erhalten Unterricht in rechtlichen Fragen, müssen Einsatztrainings absolvieren und lernen mit der Schusswaffe umzugehen. Ein Cybercop ist in Coburg schon in der Ausbildung, ein weiterer soll bis Mai eingestellt werden.

Bei der Kripo gibt es bereits seit 2014 den "Arbeitsbereich Cybercrime", einen Seitenzweig des Kommissariats für Betrugsdelikte. Vergangenes Jahr bearbeiteten dort drei Beamte rund 600 Fälle. Die Aufklärungsquote bei Internetstraftaten liege "deutlich unter" der bayerischen Quote von rund 70 Prozent, erklärt Wetzig. Auch deshalb hält er das neue Kommissariat für notwendig.

Zudem nehme die Computerkriminalität in den vergangenen Jahren enorm zu. "Analog zur Technik hat sich das Aufkommen von Straftaten im Zusammenhang mit dem Internet entwickelt", sagt der Kriminalhauptkommissar. Die zunehmende Digitalisierung führe zu mehr Cyberkriminalität.


Täter verkaufen Daten oder erpressen Opfer

Die häufigsten Fälle sind Computerbetrugs-Delikte. Das heißt, dass Kriminelle die Computer von Firmen oder Privatpersonen manipulieren, um sich Geld zu ergaunern. Durch Hacker-Attacken oder Schadsoftware gelangen die Betrüger an Adress-, Konto- oder Zugangsdaten. Die Täter verkaufen die Daten, erpressen die Opfer, tätigen Wareneinkäufe oder überweisen Geld auf Konten. Aktuell ist wieder ein schädlicher Trojaner im Umlauf: Computernutzer erhalten eine gefälschte O2-Telefonrechnung per Mail. Sobald man den Anhang oder einen Link öffnet, lädt sich ein Computervirus auf den Rechner und verschlüsselt sofort sämtliche Daten. Computer oder Handy können nicht mehr genutzt werden. Von den Geschädigten wird dann Lösegeld erpresst, damit die Geräte wieder freigeschaltet werden.
Die Computerspezialisten der Kripo Coburg sind aber in allen Deliktsbereichen tätig. Bei Fällen wie Kinderpornografie oder Drogenhandel leisten sie primär technische und fachliche Unterstützung, erläutert Tino Wetzig.
Um den Internetverbrechern das Handwerk zu legen, verfolgen die Beamten Datenspuren. Sie werten Datenbanken aus und analysieren Programme. Die IP-Adresse - so etwas wie eine digitale Postanschrift - ist eines der häufigsten Ermittlungsansätze.


Polizeiarbeit im Netz und vor Ort

Außerdem recherchieren die Polizisten in sozialen Netzwerken, Foren und im Darknet - einem alternativen Internet-Netzwerk, in dem man anonym surft. Die Ermittler sind auch technisch speziell ausgerüstet und nutzen "isolierte" Computer, die nicht als polizeiliche Rechner erkennbar sind. Die Cybercrime-Polizisten überwachen aber auch Verdächtige vor Ort, durchsuchen Wohnungen und nehmen Täter fest.

Die zunehmende Anonymisierung im Internet bereite ihnen große Probleme, sagt Wetzig. Das Angebot an Software, die Spuren verwischen kann, ist groß. "Auch die Tatsache, dass keiner der Anbieter Daten verifiziert, öffnet den Tätern Tür und Tor", sagt er. Online kann man problemlos falsche Identitäten mit Mail-Adressen und in sozialen Netzwerken erschaffen.

Der Kriminalhauptkommissar kritisiert außerdem die fehlende Vorratsdatenspeicherung. Die Anbieter müssten ermittlungsrelevante Daten zu schnell löschen. Die Speicherung von personenbezogenen Daten "auf Vorrat" ist höchst umstritten. Datenschützer und Juristen kritisieren die Pläne und warnen vor mehr Überwachung durch den Staat.


Mehr Qualität und mehr Erfolge

Mit dem neuen Cybercrime-Kommissariat, will die Kripo Coburg vor allem die Qualität im Kampf gegen Internetverbrecher verbessern. "Wir müssen Waffengleichheit herstellen, denn unser Gegenüber ist da schon fit auf diesem Gebiet", erklärt Kripo-Direktor Bernd Rebhan.

Auch Tino Wetzig hofft, dass er mit seinem Cybercrime-Team und der neuen Struktur bald häufiger Fälle aufklären kann und mehr Cyberkriminellen auf die Schliche kommt.