Es ist der erste Sonntag im Mai 2015, als die Welt von Petra R. (Name geändert) zusammenbricht. In einem kleinen Dorf im Spree-Neiße-Kreis steht ein damals siebenjähriger Bub in der Küche vor seiner Mama und erzählt, dass sich der Nachbar an ihm vergangen habe. Wenig später offenbart sich auch der ein Jahr jüngere Sohn. Die Mutter zeigt den Mann an, Jörg A. kommt in Untersuchungshaft. Im Januar 2016 verurteilt ihn das Landgericht Cottbus wegen zum Teil schwerem sexuellen Missbrauchs der beiden Kinder zu sechs Jahren und acht Monaten Haft.

Ins Gefängnis kommt der gelernte Koch allerdings nicht. "Der Angeklagte ist nach der Urteilsverkündung auf freiem Fuß, weil die Strafkammer einen Haftbefehl bisher nicht erlassen hat", bestätigt der Pressesprecher des Landgerichts Cottbus, Frank Merker. Dies sei bis heute nicht geschehen, da keine Fluchtgefahr bestehe.
Aktuell prüfe das Landgericht, "ob ein Haftbefehl wegen des Haftgrundes der Wiederholungsgefahr zu erlassen ist". Jörg A. ist, das bestätigt der Pressesprecher des Landgerichts, "mehrfach wegen Sexualdelikten vorbestraft" und deshalb bereits verurteilt worden.


"Habe den Kindern nichts getan"

Der 45-Jährige lebt derzeit bei Verwandten im Landkreis Kronach, hat dort sogar eine Arbeitsstelle gefunden. Er beteuert seine Unschuld, hofft in einem Revisionsverfahren auf einen Freispruch. Aus seiner Sicht sind die Vorwürfe haltlos. Ja, er habe die beiden Jungen zu sich eingeladen, damit sie an der Spielkonsole "zocken" können. "Ich habe den Kindern aber nichts getan." Laut seiner Verteidigerin seien die Aussagen der Brüder nicht glaubwürdig.

Das sieht die Gegenseite anders. Staatsanwältin Martina Eberhart hatte nicht nur eine höhere Haftstrafe, sondern auch die anschließende Einweisung in Sicherungsverwahrung gefordert. Außerdem beantragte sie, für den Verurteilten noch im Gericht Untersuchungshaft anzuordnen. Unterstützung erhielt Eberhart von der Nebenklage. Rechtsanwalt Claus Meffert führte unter anderem an, dass A. in der Vergangenheit gegen die durch ein Gericht angeordnete Weisungen, darunter die Verpflichtung zu einer Psychotherapie, verstoßen habe.


Bundesgerichtshof entscheidet

Das Landgericht Cottbus entschied trotzdem anders. Weil er im Januar pünktlich zu jedem Verhandlungstag kam, sieht die Kammer keine Fluchtgefahr. Eine Sicherungsverwahrung sei ebenfalls nicht gerechtfertigt, auch Jörg A. wieder in U-Haft zu nehmen, lehnt das Gericht derzeit noch ab.

Durchaus möglich also, dass sich Jörg A. bis zur (möglichen) Revisionsverhandlung weiter im Landkreis Kronach aufhalten wird. Und das könnte sich einige Monate hinziehen: Über das Revisionsverfahren entscheidet der Bundesgerichtshof (BGH), allerdings muss dafür zunächst einmal die Urteilsbegründung vorliegen. Und die ist beim BGH noch nicht eingetroffen. Merker: "Wann das Urteil verfasst sein wird und die Akten zum Revisionsgericht abgehen werden, vermag ich nicht zu sagen."

Immerhin: Jörg A. wird derzeit überwacht. Der Mann steht unter Führungsaufsicht des Landgerichts Bamberg, wie ein Sprecher des Landgerichts bestätigt. Zudem besteht ein sogenanntes Kontakt- und Näherungsverbot: Der 45-Jährige darf keinen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben.