Mit sechs Mitarbeitern machte sich Firmenchef Roland Hofmann (60) vor fast 20 Jahren mit der Produktion für Orthopädieschäften selbstständig. Seitdem rattern in der Gemeindekanzlei in Tschirn die Ledernähmaschinen. Doch inzwischen ist das Unternehmen SHS Orthopädie-Produkt- und Modellgestaltungs-GmbH sowie SHS "Superior Handmade Shoes" auf 14 Beschäftigte angewachsen und platzt aus allen Nähten. Sogar im Keller sind noch Zimmer angemietet. Längst werden in Tschirn nicht nur die Schäfte für Problemfüße gefertigt, sondern auch die Schuhe von einem Orthopädieschuhmacher fachgerecht montiert. Und edle Golfschuhe und Maßschuhe macht das Unternehmen außerdem - aber das ist in Insiderkreisen noch ein Geheimtipp.

Jetzt kehrt SHS Tschirn den Rücken - und möchte in Kronach einen Neuanfang wagen. "Ja, wir haben in Kronach-Kreuzberg am Inneren Ring ein Gebäude gefunden, das für uns regelrecht zugeschnitten ist", erklärt Juniorchef Christopher Hofmann (34). Es ist 360 Quadratmeter groß, also mehr als doppelt so groß wie das bisherige, die Fläche liegt auf einer Ebene. "Das Gebäude war für uns ein Glücksgriff", sagt Hofmann. Notariell ist der Kauf bereits unter Dach und Fach, der Mietvertrag in Tschirn ist gekündigt. Denn schon Mitte nächsten Jahres möchte SHS in Kronach produzieren.

"Wir haben von Anfang an in die Entscheidung die Mitarbeiter eingebunden. Viele kommen aus Coburg, Sonneberg und Kronach - alle sind einverstanden", so Christopher Hofmann. Und für die meisten liegt Kronach sogar näher oder verkehrsgünstiger. Ein Grund für die Verlagerung des Unternehmens ist die immer stärker fehlende Infrastruktur in Tschirn. "Wir finden keine Azubis, weil die einfach nicht nach Tschirn kommen. Die Busverbindung Tschirn-Kronach ist zwar gut, aber das ganze Umland ist nicht angebunden", erklärt Hofmann.

Bunt und pfiffig
Doch es sind auch die einfachen Dinge, die Probleme machen. "Wir haben in Tschirn nicht mal mehr einen Bäcker. Wenn wir spontan unseren Kunden ein paar Hörnchen oder etwas Ähnliches anbieten wollen, müssen wir fahren", sagt Christopher Hofmann. Sein Vater wird in Zukunft also von Tschirn nach Kronach pendeln. Er selbst lebt ohnehin in Bamberg und pendelt.

"Die Maßschuhbranche entwickelt sich weiter", sieht Christopher Hofmann, der bei seinem Vater in der Firma gelernt hat, dann Berufschullehramt für Gesundheit und Pflege studiert hat, großes Zukunftspotenzial. Während früher Maßschuhe vor allem für Kriegsversehrte gefertigt wurden und meistens schwarz oder braun waren, sind Maßschuhe inzwischen modisch bunt, peppig und pfiffig. Sogar für Kinder fertigt SHS schon spezielle Schuhe.
Die größte Zielgruppe allerdings sind Rollstuhlfahrer, Menschen mit Behinderungen und Diabetiker. Denn die brauchen besonders feine, nicht drückende Schuhe. Die werden mit speziellen Diabetikerfutterstoffen gepolstert. Für offene Füße sind die Futter sogar abwaschbar. Die Nähte verlaufen dort, wo die Kunden es wünschen - sind also auch bei Vernarbungen oder ähnlichen Problemen speziell auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt.

"Aber wir versuchen auch, schwere Fußschäden so zu kaschieren, damit sie nicht zu erkennen sind. Das ist manchmal nicht einfach, aber es ist vieles möglich", erklärt Roland Hofmann und zeigt stolz ein Modell von einem besonders schweren Fall: Der Fuß ist deformiert, steht schief - und zudem ist noch ein Bein kürzer, das heißt, der Schuh muss mit einer dicken Sohle versehen werden.

Bei dem Tschirner Unternehmen wird ausschließlich Leder, das ohne chemische Zusätze gegerbt ist, verwendet. Aber es darf ruhig bunt sein. Denn auch Menschen mit Fußproblemen sollen nicht auf modisches Schuhwerk verzichten. "Man muss ehrlich sagen, die ersten Schuhe sind meistens schwarz, aber bei der Zweitversorgung ist viel möglich", sagt Christopher Hofmann und will in diesem Sinn die Arbeit seines Vaters fortsetzen.

Bis zu 90 Arbeitsgänge sind pro Schuh nötig. Der Leisten muss in eine zweidimensionale Zeichnung vom Modellbauer umgesetzt werden, dann müssen die Teile detailliert aus Pappe entworfen werden. Erst dann erfolgt der Zuschnitt - wieder eine Wissenschaft für sich. Denn jedes Leder reagiert anders. Kalbsleder dehnt sich in die Längs- und Querrichtung, Rindsleder nur in die Querrichtung. Das muss beachtet werden, sonst leiern sich Schuhe aus. "Und natürlich muss ein Zuschneider auch darauf achten, dass nicht zu viel Abfall anfällt. Den ein Quadratmeter Leder kostet zwischen 140 und 160 Euro", sagt Roland Hofmann. Nach dem Zuschnitt wird das Leder vorgerichtet, Kanten werden abgeflacht oder Applikationen aufgebracht. Und schließlich wird der Schaft zusammengenäht.

Neuerdings beschäftigt SHS auch einen Orthopädieschuhmacher. Der sorgt dafür, dass die Schuhe eine passende Sohle bekommen und fix und fertig an die Kunden ausgeliefert werden.

Doch Christopher Hofmann hat noch weitere Ideen. So arbeitet er mit den Universitäten Magdeburg und München zusammen, hat ein Buch über Arbeitsschutz in Betrieben geschrieben und veröffentlicht regelmäßig in wissenschaftlichen Zeitschriften. Auch Qualitätsmanagement ist ihm ein Anliegen. Und neuerdings hat Christopher Hofmann auch einen Vorstoß in den Maßschuhbereich gewagt. Er fertigt hochwertige, edle Golfschuhe. "Das wäre zum Beispiel auch eine Sparte, die man ausbauen könnte", sagt der Juniorchef.