Ein absoluter Albtraum für alle Frauen: Arme und Beine werden immer dicker, ohne dass man etwas dagegen tun kann. Täglicher Sport und sämtliche Diäten bringen einfach nichts. Nicole Borg aus Haßlach ergeht es seit ihrem 14. Lebensjahr so. Die Pubertät war für sie eine harte Zeit. "Ich habe echt viel Sport gemacht. Und trotzdem waren meine Beine dicker und delliger als bei den anderen", erzählt die heute 30-Jährige. Zwölf Jahre lang konnte sie sich nicht überwinden, ins Schwimmbad zu gehen. "Es ist einfach unangenehm. Ich fühle mich selbst absolut nicht wohl."


Krankheit ist vererbbar

Vor vier Jahren hatte sie dann einen schweren Arbeitsunfall. Jahrelang musste sie Zuhause bleiben. "Und dann ist es so richtig schlimm geworden", erzählt Nicole Borg. Ihr Körper schwillt so an, dass die Ellbogen und die Knie kaum noch zu sehen sind. Langsam dämmert es der jungen Frau, denn auch ihre Mutter hatte ähnliche Symptome. Sie lässt sich bei einem Facharzt für Gefäßerkrankungen untersuchen. Das Ergebnis: Nicole Borg leidet unter der Krankheit "Lipödem". Dabei handelt es sich um eine Störung der Fettverteilung, die vererbbar ist. Unterhautfettgewebe setzt sich vermehrt an Beinen, Po und Armen an.

Viele Betroffene leiden wie Nicole Borg unter ihrem Aussehen. "Am Oberkörper sehe ich durch den vielen Sport oft aus, als wäre ich magersüchtig. Und dann kommen meine dicken Beine. Das ist einfach nicht schön." Von anderen Leuten habe sie noch nichts Negatives gehört. "Gott sei Dank habe ich noch nie erlebt, dass mich jemand als fett bezeichnet hat. Das wäre die Krönung", so Borg.

Neben dem psychischen Druck leidet sie durch das Lipödem an starken Schmerzen. Selbst Treppensteigen fällt der 30-Jährigen an manchen Tagen extrem schwer. Und dann ist da noch das empfindliche Gewebe. "Gestern bin ich wieder einmal ausgeritten. Heute ist die Innenseite meiner Oberschenkel wieder blitzeblau", schildert sie. Bereits bei den kleinsten Berührungen bekommt Nicole Borg blaue Flecken. "Ich kann es teilweise gar nicht aushalten, wenn mein Freund Frank mir über das Bein oder den Arm streicht."

Ihr Freund, Frank Herrmann, ist immer an ihrer Seite. Auch während des Interviews ist er da. Im Gesprächs hält er immer wieder ihre Hand und streicht ihr über die Schulter. Die 30-Jährige sucht Blickkontakt zu ihm. "Er nimmt mich so wie ich bin - und selbst, wenn ich einen Tag mal nur im Bett liege und weine, ist er für mich da. Du machst mit mir schon einiges mit", sagt sie dankbar und schaut ihren Freund an.

Therapiemöglichkeiten gibt es für das Lipödem nicht wirklich. Zwei bis drei Mal die Woche geht Nicole Borg zur Lymphdrainage. Dabei sollen die Lymphgefäße zum Arbeiten angeregt werden. Während des Erzählens holt die 30-Jährige eine schwarze Hose vom anderen Ende des Sofas: ihre Kompressionsstrumpfhose. Egal ob Sommer oder Winter sie muss die dicke, straffe Strumpfhose unter ihrer Jeans anziehen. Bei über 30 Grad kaum auszuhalten. "Schon beim Anziehen ist das eine Quälerei. Letztens hat mir Frank geholfen und wir haben trotzdem eine halbe Stunde gebraucht", erzählt die 30-Jährige.

Lymphdrainage und die Kompressionsstrumpfhose - beides lindert vielleicht etwas die Schmerzen, aber weg geht das Lipödem damit nicht. Für Nicole Borg ist eine Operation die letzte Hoffnung. Doch von der Krankenkasse wird sie nicht bezahlt. Die Begründung: Es handele sich lediglich um eine Schönheitsoperation. Selbst Gutachten von verschiedenen Ärzten konnten die Kasse nicht überzeugen. Doch Nicole Borg hat einen Entschluss gefasst. Sie will sich operieren lassen und der erste von drei Terminen steht auch schon. "Ich freue mich da schon riesig drauf", sagt sie. Ihr Freund übernimmt die Kosten für die Operation. "Er merkt, dass es mir mit dieser Situation sehr schlecht geht und nur eine OP könnte es verbessern", meint Nicole Borg.

Sie selbst könnte die 15 000 Euro für die drei Eingriffe nicht aufbringen. "Ich verstehe nicht, warum die Krankenkasse das nicht übernimmt", sagt die 30-Jährige. Im Jahr bekomme sie zwei Kompressionsstrumpfhosen im Wert von jeweils 1000 Euro. Noch dazu gehe sie zwei bis drei Mal pro Woche zur Lymphdrainage. "Wenn man das hochrechnet sind die wirklich blöd, die Operation nicht zu zahlen", so Borg.


Facebook-Gruppen helfen

Die Entscheidung für die Operation ist der jungen Frau nicht schwer gefallen. Momentan ist sie noch im ersten Stadium der Krankheit. Die Erfolgschancen seien jetzt am höchsten. "Und als wir dann die vorher-nachher-Bilder in Facebook-Gruppen gesehen haben, war alles klar", sagt Frank Herrmann. Nicole Borg ist in mehreren Lipödem-Gruppen in dem sozialen Netzwerk angemeldet. Dort habe sie sich hauptsächlich über die Krankheit informiert. Betroffene tauschen sich aus und bauen sich gegenseitig auf. "Kein anderer, gesunder Mensch versteht, was mit uns los ist. Oft erkennen selbst die Allgemeinärzte die Krankheit nicht."

Erst ein Besuch beim Facharzt kann die Diagnose Lipödem ans Licht bringen. Nicole Borg glaubt, dass viele Frauen daran erkrankt sind und es gar nicht wissen. "Sie machen sich verrückt mit Sport und Diäten und nehmen nicht ab. Sie machen sich solange kaputt, bis sie in die Bulimie oder Magersucht rutschen." Im Gespräch mit ihr merkt man schnell, wie wichtig es ihr ist, über die Krankheit aufzuklären und anderen Betroffenen Mut zu machen.