Sauber aufgereiht liegt Feile an Feile. Nicht ganz wie die berühmten Orgelpfeifen - links außen hat sich doch tatsächlich eine dickere mit schwarz-blauem Griff neben die kleineren mit roter Ummantelung verirrt. Voneinander getrennt sind sie dennoch im fast exakt gleichen Abstand. Jederzeit griffbereit, gleich neben dem Schraubstock. Viel ordentlicher geht es in einer Werkstatt wohl nicht.

Matthias Graf sieht das anders. "Ich muss mich entschuldigen, normalerweise sieht das hier aufgeräumter aus", sagt er - und meint das ernst. Graf braucht Ordnung. Schnell wird auch klar, warum: Ordnung ist sein erster Schritt zur Perfektion. Denn die strebt er an.


Unauffälliger Laden

Rund zwei Wochen liegen zwischen dem Tag, an dem er erstmals zu einem Stück Baumheide sowie einem etwa unterarmlagen und fingerdicken schwarzen Ebonit-Stab - einem Naturkautschuk - greift, und jenem, an dem er sein nahezu unendlichfach poliertes Endprodukt stolz in den Händen hält: Eine Pfeife. Denn das ist jetzt sein Beruf. Pfeifenmacher.

Seit Januar hat Graf - kurze blonde Haare, Bart, schwarze Brille - in der Kronacher Schwedenstraße seinen eigenen Laden. Sonderlich auffällig ist der nicht. Lediglich einige Bilder mit den unterschiedlichsten Pfeifen darauf sowie ein handgeschriebenes Schild mit der Internetadresse www.pfeifenmacherei.de liegen im unscheinbaren Schaufenster.

Doch als Laden ist der nur wenige Quadratmeter kleine Raum auch gar nicht gedacht. "Ich sehe es mehr als Werkstatt", betont der 39-Jährige. In dem kleinen Raum seien die Arbeitsabläufe nun deutlich kürzer als in seinem Arbeitskeller.

Wer Interesse an seinen Produkten habe, dürfe dennoch gerne hereinkommen und sich ansehen, was er zuletzt geschnitzt, geschleift, geformt oder gebohrt hat. Zu betrachten sind die Stücke aber weder im Schaufenster noch in seinem Online-Shop. "Den habe ich offline genommen, bis ich genug Pfeifen fertig habe." Drei bis vier wolle er noch angehen. Nur die zuletzt fertiggestellten Pfeifen sind in Reichweite. Verkauft werden sollen sie irgendwann auch überregional bei Fachhändlern.


Holz aus kleinen Sägewerken

Und zu welchem Preis? "Der richtet sich nach den Einschlüssen im Holz oder wie gut ich die Maserung herausgearbeitet habe", erklärt Graf. Qualitativ hochwertige Pfeifen könnten schnell über 500 Euro kosten. "So viel würde ich aber nie für eine ausgeben." Für seine Pfeifen wird er zwischen 200 und 300 Euro verlangen. Das klingt angesichts des Material- und Zeitaufwands fast zu wenig. Denn billig sind die Materialien nicht gerade.

Statt auf Acryl setzt der gebürtige Kronacher für das Mundstück auf Ebonit. Das sei weicher und daher im Mund angenehmer. Der Rest der Pfeife entsteht aus einem Stück glutresistenten Bruyèreholzes. "Das hält hohe Temperaturen aus und ist außerdem einfach ein wunderschönes Holz", sagt Graf und streicht mit der Hand wie zum Beweis über die kleinen Erhebungen der Rinde.

Das Holz bezieht der Pfeifenmacher von kleinen Sägewerken in Spanien, Griechenland oder Italien. Zwischen 30 und 50 Jahren ist es im Idealfall alt. Kostenpunkt: 30 bis 80 Euro. "Wenn dann ein Einschluss drin ist, etwa ein Steinchen, ist es nur noch richtig teures Feuerholz", sagt Graf pragmatisch. Denn das führe etwa zu Rissen oder Löchern.


Wenn Zeit obsolet wird

Auch die investierte Zeit geht in diesem Fall verloren. Doch wie viele Stunden er für eine seiner Pfeifen in der Werkstatt verbringt, kann er nur schätzen. Zwischen 30 und 40 Stunden seien es bei seinem letzten Stück gewesen. Mit eingerechnet sind dabei aber noch nicht die Trockenzeiten nach dem Beizen oder Einölen.

Die genaue Zeit scheint ihm jedoch ziemlich egal. Er merke gar nicht, ob er an einem sauberen Übergang vom Mundstück zum Holz nun 30 Minuten feile oder drei Stunden. Er sei halt Perfektionist. "Man muss schon besessen sein. Muss Eigenschaften haben, die anderen Menschen wohl ziemlich auf die Nerven gehen", vermutet er. "Ich bin nie zufrieden." Wichtig sei auf dem Weg zur perfekten Pfeife die Maserung der Baumheide. Sie dient als Orientierung. Zuerst komme die Idee, daraufhin suche er sich das dafür passende Holz aus.


Erinnerungen geweckt

Dass das einmal seine Hauptbeschäftigung werden könnte, hätte Graf vor drei Jahren wohl selbst nicht gedacht. Als kaufmännischer Angestellter las er einen Zeitungsartikel über diesen eher ungewöhnlichen Beruf. Einen Artikel, der Erinnerungen weckte. "Mein Vater hat Pfeife geraucht, ich hab dann irgendwann auch angefangen. Ich fand den Rauch so gemütlich", erzählt er. Mit 17 oder 18 Jahren habe er sich dann erstmals selbst an einer Pfeife versucht. "Die hat zwar funktioniert, war aber eher grobschlächtig."

Genau die schwirrte seit dem Artikel wieder in seinem Kopf herum. Diese primitive Version einer Pfeife. "Ich wollte es mir selbst beweisen." Lange habe es nicht gedauert, ehe er feststellte, dass es für eine gute Pfeife mehr braucht, als ein Paar Löcher in ein Stück Holz zu bohren.

Doch wie geht es richtig? Erste Anlaufstelle: das Internet. "Dort fand ich aber eigentlich nur grundsätzliches und unvollständiges Wissen", sagt Graf. Die wirklich wichtigen Kenntnisse habe er sich selbst beibringen müssen - wie nahezu alle Pfeifenmacher. Denn um einen klassischen Ausbildungsberuf handelt es sich bei seinem neuen Job nicht. "Jeder hat seine eigenen Geheimnisse", sagt der 39-Jährige. Sogar die Werkzeuge unterscheiden sich.

Einige hat Graf sogar selbst gebaut. Etwa einen umfunktionierten Bandschleifer, der nun fest auf einem Metallgestell verbaut ist. "Damit kann ich nun mit den Fingern den Druck regulieren", erklärt er.


Rücklagen gebildet

Neu ist ihm ein handwerklicher Beruf trotz seiner Ausbildung als Kaufmann nicht. Weil sein Vater im Kunsthandel tätig war, half Graf schon frühzeitig dabei, Antiquitäten auszubessern.

Dass er sich nun Zeit lassen kann, erste Stücke fertigzustellen, liegt auch an seiner Zeit als Zeichner für T-Shirt und Pullover-Motive für den Musikversandhandel E.M.P.. Noch immer kommen pro Quartal Lizenzeinnahmen. Zusammen mit Rücklagen geben sie ihm das, was er Luxus nennt: Ruhe und Zeit. Die nutzt er. Für die perfekte Pfeife.