Die Zahl ist alarmierend: Etwa 60 Prozent der deutschen Schüler geben an, in den zurückliegenden drei Monaten mit Cyber-Mobbing-Attacken in der Schule in Berührung gekommen zu sein. "Was für eine Welle da über unsere Kinder und Gesellschaft hereinbricht, können wir im Moment nur erahnen", analysiert Alfons Hrubesch als Leiter der Außenstelle Kronach/Lichtenfels/Kulmbach des Weißen Rings.

Nicht nur in seinem Zuständigkeitsbereich als Mitarbeiter der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer steigt die Zahl der Opfer solcher Attacken stetig. Grund genug für den pensionierten Polizeihauptkommissar, ein eindeutiges und nachhaltiges Zeichen in der Information und Prävention dieser neuen Form der Kriminalität zu setzen.
Zusammen mit seinem Team hat es Hrubesch einmal mehr geschafft, ein bundesweites Filmprojekt ins Rollen zu bringen, das sich diesmal mit der Thematik des "Cyber-Mobbings" auseinandersetzt.

In dieser Woche hatte das Endergebnis, der Kurzfilm mit dem Titel "Escape the fate - Nimm dein Schicksal in die Hand", eine wichtige Hürde zu nehmen. In Prächting bei Ebensfeld hatte sich eine prominent besetzte Kommission mit Vertretern aus Politik, Kirche, Schule, Polizei sowie des juristischen und medizinisch-psychologischen Fachbereichs versammelt, um den Film zu begutachten.

Das Urteil der Kommission fiel eindeutig aus: "Dieser Film bietet großartige Chancen, das Problembewusstsein der Kinder und Jugendlichen auf dem Gebiet des Cyber-Mobbings zu schärfen, und erfordert unbedingt den nachhaltigen Einsatz im Unterrichtsgeschehen unserer Schulen."

Nach dem Film "Seelennarben", der sich mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs auseinandersetzt, hat das Team des Weißen Rings der Außenstelle Kronach/Lichtenfels/Kulmbach damit erneut einen Film produziert, der bundesweit für Aufsehen sorgen soll. Der Film "Seelennarben" ist mittlerweile von über 2800 Schulen in ganz Deutschland angefordert worden. Hinsichtlich der Aktualität des Themas "Cyber-Mobbing" ist davon auszugehen, dass dies bei "Escape the fate" nicht anders sein wird.

Allerdings hängt dieser zu erwartende Erfolg auch mit der besonderen Entstehungsgeschichte von "Escape the fate" zusammen. "Ohne die aktive Hilfe und Mitarbeit der Schulen aus den Landkreisen Lichtenfels, Kronach und Kulmbach wäre dieses Projekt so nicht möglich gewesen", erläuterte Hrubesch den Grundgedanken des Filmprojekts.

Die Schüler wurden bei "Escape the fate" in besonderem Maße eingebunden. "Da es sich um ein Thema handelt, das vor allem unter Kindern und Jugendlichen ganz gravierende Formen annimmt, stellte sich schnell heraus, dass wir unsere Zielgruppe auch aktiv in den Entstehungsprozess mit einbinden müssen", erklärte der Lichtenfelser Frank Ziegler. Er war nicht nur als Schauspieler am Projekt beteiligt, sondern übernahm neben der Produktionsleitung auch gleich noch das "Coaching" der Laienschauspieler.

Im März dieses Jahres hatten sich in Wilmersreuth bei Kulmbach 35 Schüler aus sechs verschiedenen Schulen aus den drei Landkreisen für ein Wochenende zusammengefunden, um gemeinsam Ideen für ein Drehbuch zu sammeln. Mit dabei war auch die Würzburgerin Vera Ortmann, die es in der Folge geschafft hatte, alle Ideen der Schüler in einem Drehbuch unterzubringen.

Besonders gut kam dabei bei der Kommission an, dass die daraus entstandene Geschichte auch bewusst mit gängigen Klischees bricht. Beispielsweise handelt es sich bei dem Mobbing-Opfer eben nicht um eine typische Außenseiterin, sondern um eine eigentlich beliebte Schülerin aus gut situiertem Elternhaus. Durch Unstimmigkeiten mit Klassenkameradinnen wird aber über das Internet eine Lawine losgetreten, die das junge Mädchen und auch ihren Englischlehrer zu überrollen droht.

Doch auch das Ende offenbart eine Überraschung. Das Opfer wird nämlich aktiv, beginnt sich zu wehren und entkommt dank Hilfe von Außen dem Netz aus Lügen und Intrigen. Das weitere Schicksal des Lehrers bleibt bewusst unbeantwortet und soll, wie so manch anderes im Film, die jungen Zuschauer zur Diskussion über den Film und das Thema anreizen.

Weiter wurden von der Kommission die Realitätsnähe, aber auch die filmische sowie technische Umsetzung durch Thomas Meyer und die schauspielerische Leistung gelobt. "Die Leistung der Laienschauspieler ist für mich am Ende nicht von der der beteiligten Profischauspieler zu unterscheiden", erklärte beispielsweise Peter Bürgin, Weißer-Ring-Leiter der Außenstelle Kulmbach.

Das Besondere war, dass die an der Entstehung des Drehbuchs beteiligten Schüler auch die wichtigsten Rollen des Films übernahmen. Unter der Regie der Weismainerin Anja Dechant-Sundby und dank des Coachings von Frank Ziegler spielte beispielsweise Susan Zander vom Meranier-Gymnasium Lichtenfels die Rolle des Opfers derart authentisch und überzeugend, dass die Kommission spürbar begeistert war. "Mir geht der Film noch immer nach, und ich bin mir sicher, dass er die jungen Menschen nachhaltig ansprechen wird", erklärte beispielsweise Hermann Anselstetter, Bürgermeister von Wirsberg. Die Meinung aller war klar: Nur über eine derart gezielte Aufklärung kann man dieses heikle Thema in den Griff bekommen.

Doch der Film will nicht nur aufklären und warnen, sondern auch Wege zur Hilfe aufzeigen. Eine erste Adresse ist der Weiße Ring.

"Der Film hat bereits jetzt Aufmerksamkeit erregt, und wenn es uns gelingt, mit diesem Film auch nur ein derartiges Verbrechen zu verhindern", fasst Alfons Hrubesch seine Intention zusammen, "hat der Film seinen Zweck erfüllt."

Präsentation

Offiziell präsentiert wird der Film "Escape the fate - Nimm dein Schicksal in die Hand" am heute Abend am Frankenwald-Gymnasium Kronach. Hierzu hat mit Bernd Sibler der Staatssekretär aus dem Ministerium für Unterricht und Kultus sein Kommen zugesagt. Die Veranstaltung beginnt im 19.30 Uhr.